Israels Mossad: Abteilung Mord

Von Yassin Musharbash

Nirgendwo liegen Mythos und Mord so nahe beieinander wie beim israelischen Geheimdienst Mossad. Trotz zahlreicher Fehlschläge hat das "Institut für Aufklärung und Sonderoperationen" weltweit einen Ruf wie Donnerhall. Der Grund sind spektakuläre Operationen - gezielte Tötungen inklusive.

Mossad-Mann vor Mabhuh-Mord in Dubai: "Was ist die Alternative?" Zur Großansicht
AFP/ Dubai Police

Mossad-Mann vor Mabhuh-Mord in Dubai: "Was ist die Alternative?"

Berlin - Das Jahr 2011 ist noch jung, aber es ist bereits um zwei Mossad-Mythen reicher. Anfang Januar versetzte ein Geier die saudi-arabischen Behörden in Wallung. Der Vogel war nahe der Stadt Hail aufgegriffen worden, um seinen Fuß trug er eine israelische Kennung. Das Tier wurde verhaftet - als mutmaßlicher Spion im Auftrag des israelischen Geheimdienstes Mossad.

Und erst vor wenigen Tagen meldete die "New York Times", der Mossad sei Urheber des Computerwurms Stuxnet, der im Juli 2010 entdeckt wurde und offenkundig so programmiert war, dass er Irans Nuklearprogramm angriff. Der Mossad, so die Zeitung, habe eigens iranische Zentrifugen nachgebaut und den Wurm gar in seiner eigenen Nuklearanlage Demona getestet.

Was ist wahr, was Legende? Der saudische Geier war kein Agent, sondern Teil eines Vogelflug-Projekts einer israelischen Universität. Und Stuxnet? Es ist schon wesentlich wahrscheinlicher, dass der Mossad hierbei seine Finger im Spiel hatte, schließlich ist Irans Nuklearprogramm im Gegensatz zur Luftaufklärung der saudischen Wüste ein ernsthaftes Thema in Israel.

Aber wie genau und mit welchen Methoden Stuxnet entwickelt wurde, was der digitale Schädling bewirkte und was er bewirken sollte, das wird vermutlich nie aufgeklärt werden - was ganz im Sinne des Mossad sein dürfte: Wie jeder Geheimdienst lebt er davon, dass er unberechenbar bleibt. Aber wie kein zweiter Geheimdienst auf der Welt zehrt er von seinem Mythos, zu allem in der Lage zu sein.

"Balance des Terrors"

In fast schon ironischem Gegensatz zu diesem Ruf steht die nüchterne Selbstbezeichnung des Dienstes: "Institut für Aufklärung und Spezialoperationen" heißt er nüchtern. Sein offizielles Motto ist ein betont unmartialisches Bibelzitat aus dem Buch der Sprüche: "Wo es an weiser Führung fehlt, kommt ein Volk zu Fall, wo aber viele Ratgeber sind, da geht es ihm gut."

"Auge um Auge" hätte besser gepasst. Denn der Mossad erfüllt keineswegs nur die Aufgabe, feindliche Ambitionen und Institutionen aufzuklären - er mordet auch. Der Mossad übt Vergeltung, indem er zum Beispiel anti-israelische Terroristen oder mutmaßliche Terroristen tötet. Und er mordet strategisch, indem er Menschen ums Leben bringt, die künftig eine Gefahr für Israels Sicherheit darstellen könnten. Die Regeln lauten, dass die Killerkommandos des Mossad sich gegen Terroristen richten dürfen, gegen Personen, die Massenvernichtungswaffen herstellen oder Israels Gegnern zur Verfügung stellen, und gegen politische sowie militärische Führer von Feinden.

"Was ist die Alternative?", fragte vor einigen Jahren der israelische Geheimdienstexperte Yossi Melmann. "Man ist Teil eines Spiels, dessen Regeln man nicht bestimmt. Es gibt für den Staat keinen anderen Weg, sich selbst zu schützen, als durch eine Balance des Terrors, durch Vergeltung."

Eine lange Serie - von Erfolgen wie Fehlschlägen

Einer der jüngsten bekannt gewordenen Fälle ist die Ermordung von Mahmud al-Mabhuh, einem Waffenbeschaffer der Hamas, in Dubai vor fast genau einem Jahr. Der SPIEGEL hat diesen Fall in seiner aktuellen Ausgabe rekonstruiert. Es war eine spektakuläre Operation, die den länderübergreifenden Einsatz zahlreicher Agenten und Helfer einschloss. Sie reiht sich ein in eine lange Reihe aufsehenerregender Operationen israelischer Spezialagenten - unter denen freilich auch Fehlschläge waren. Jassir Arafat und Saddam Hussein überlebten jeweils etliche Killerkommandos.

Nicht immer ist indes klar, ob tatsächlich der Mossad hinter einem bestimmten Killerkommando steckte - oder eine andere israelische Spezialeinheit. Die legendäre Jagd auf die Drahtzieher des "Schwarzer-September"-Attentats, die Israels Olympiamannschaft bei den Spielen in München 1972 attackiert hatten, wurde beispielsweise von einer eigens gegründeten Einheit durchgeführt. Sie liquidierte die Gesuchten - inklusive eines unschuldigen marokkanischen Kellners in Norwegen, den sie mit einem Terroristen verwechselte. Mindestens einmal, 1973 in Beirut, tarnten sich die Agenten dabei wie beim Mabhuh-Mord als Touristen.

Mitte der siebziger Jahre soll die damalige Premierministerin Golda Meir ein sogenanntes X-Komitee ernannt haben, das - möglicherweise bis heute - die Liste der zu Tötenden verantwortet. Beim Mossad selbst ist die "Caesaria"-Einheit mit Tötungen beauftragt.

Weil Israel in den seltensten Fällen auch nur andeutet, hinter einem Killerkommando gestanden zu haben, und der Mossad dies nie zugibt, werden dem Geheimdienst vermutlich mehr Morde zugeschrieben als er begangen hat - oder andere. Die Liste der Fälle, die als gesichert gelten, ist dennoch lang.

Schon in den sechziger Jahren soll der Mossad Briefbomben an deutsche Wissenschaftler verschickt haben, die dem ägyptischen Raketenprogramm zuarbeiteten. Mehrere von ihnen kamen ums Leben.

Einer der spektakulärsten dem Mossad zugeschriebenen Morde ereignete sich im Jahr 1987 in Tunis, wo der PLO-Führer Chalil al-Wasir alias Abu Dschihad logierte. Etwa 30 Agenten dürften beteiligt gewesen sein, mit kleinen Booten erreichten sie die tunesische Küste, wo ein Teil von ihnen als Touristen getarnt auf das Wohnhaus von Jassir Arafats wichtigstem Gefolgsmann zugingen. Die Attentäter drangen in das Haus ein, töteten einige Angestellte und schließlich mit 70 Kugeln auch den PLO-Mann, dessen Ehefrau und Kinder sich in unmittelbarer Nähe befanden.

Im Oktober 1995 wurde auf Malta Fathi Schakaki getötet. Er gehörte zu der palästinensischen Terrorgruppe "Islamischer Dschihad". Der Attentäter kam auf einem Motorrad angebraust und schoss seinem Opfer dreimal in den Kopf. Etwa ein Dutzend Agenten war mutmaßlich involviert, die allesamt untertauchten.

Im Jahr 1996 kam der Hamas-Kader Jahja Ajj asch im Gaza-Streifen ums Leben, als sein Mobiltelefon explodierte. Die neuartige Methode schockte die militante palästinensische Szene. Auch hier wird die Drahtzieherschaft des Mossad allgemein angenommen.

Im September 2004 war wieder ein Hamas-Kader das Opfer: Iss al-Din al-Scheich Chalil wurde getötet, als ein Sprengsatz unter seinem Auto explodierte. Er galt als Koordinator der Aktionen des militärischen Arms der Hamas. Israel übernahm implizit die Verantwortung, der Mord wurde als Signal an die syrische Führung gewertet, dass auch Damaskus vor israelischen Agenten nicht sicher sei.

Der spektakulärste Fehlschlag

Im Februar 2008 wurde der Hisbollah-Mann Imad Mughnijah ebenfalls in Damaskus getötet, eine Autobombe zerfetzte den Terroristen, dem der Mord an Hunderten Menschen zur Last gelegt wurde. Israel dementierte offiziell, dass es etwas mit dem Mord zu tun habe. Aber die meisten Experten neigen zu der These, dass der Mossad beteiligt war - eventuell im Zusammenspiel mit anderen Geheimdiensten.

Der bislang spektakulärste Fehlschlag ereignete sich im September 1997 in der jordanischen Hauptstadt Amman. Als kanadische Touristen getarnte Mossad-Agenten wollten den Hamas-Führer Chalid Maschaal im Vorbeigehen mit einem Nervengift töten. Doch der Agent traf den Nacken des Opfers, Mischals Bodyguard verfolgte die beiden fliehenden Mossad-Männer. Er übergab sie der jordanischen Polizei. Die belagerte kurz darauf die israelische Botschaft, wohin - unter Aufgabe ihrer Tarnung - vier weitere Mossad-Agenten geflohen waren.

Ein Blick durchs Schlüsselloch

Der israelische Premier Benjamin Netanjahu musste zu Kreuze kriechen. Er flog nach Amman und entschuldigte sich bei dem Bruder des Königs Hussein, der ihn nicht empfangen wollte. Nach eisigen Verhandlungen übergab Israel ein Gegengift. Außerdem entließ Israel im Austausch gegen seine Agenten den Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin und Dutzende weitere Palästinenser und Jordanier aus seinen Gefängnissen. Eine offizielle Untersuchung kam anschließend zu dem Ergebnis, der Mossad sei "fixiert auf riskante Operationen". Der Dienst war blamiert, für etliche Jahre hielt er sich mit Killerkommandos zurück - oder agierte sehr vorsichtig.

Tatsächlich hat der Mossad viel von seinem Nimbus eingebüßt. Im Inneren haben die anderen israelischen Nachrichtendienste an Renommee gewonnen. In der Region gilt der jordanische Geheimdienst mittlerweile als für die USA ebenso wichtig wie der Mossad.

Das betrifft allerdings vor allem die Bekämpfung von Terroristen oder Terrorverdächtigen. Die aktuelle Hauptaufgabe des Mossad findet derweil weniger öffentliche Beachtung, auch wenn der Einsatz von Killerkommandos hier ebenfalls eine Rolle spielen dürfte. Nach israelischer Überzeugung ist es für das Land noch wichtiger, den Iran am Bau einer Atombombe zu hindern - auch mit Geheimdienstmethoden. Hier, sagen die Israelis, sei der Mossad richtig gut. Nur könne man das leider nicht sehen.

Der Stuxnet-Wurm könnte immerhin ein Blick durchs Schlüsselloch gewesen sein. Einige Analysten spekulieren, der Code habe das iranische Nuklearprogramm um bis zu zwei Jahre zurückgeworfen.

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Mutmaßliche Opfer des Mossad: Im Visier von Killerkommandos

Der Mossad
Name und Struktur
Israels Auslandsnachrichtendienst heißt offiziell Institut für Aufklärung und besondere Aufgaben - auf Hebräisch ha-Mossad le-Modiin ule-Tafkidim Meyuhadim - und wird intern kurz "das Institut" genannt - haMossad. Der weltweit berühmt-berüchtigte Geheimdienst wurde 1951 unter Federführung des damaligen Premierministers David Ben-Gurion nach der Gründung des Staates Israel aus konkurrierenden israelischen Nachrichtenorganisationen ins Leben gerufen - Israel sollte sich als wehrhafter jüdischer Staat unter feindlichen arabischen Nachbarn behaupten können.
Die Zentrale des Dienstes, der dem Ministerpräsidenten untersteht, befindet sich in Tel Aviv. Der Mossad beschäftigt wohl etwa 1200 Mitarbeiter.
Aufgaben
Hauptaufgabe des Mossad ist die weltweite Informationsbeschaffung, vornehmlich in arabischen Staaten, aber auch in allen anderen Teilen der Welt. Dazu kommen Geheimaktionen und Terrorismusbekämpfung. Seit 1963 hat der Mossad die alleinige Befugnis zur Agentenführung im Ausland.
Früher galt der Kampf des Mossad insbesondere der 1964 gegründeten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) . Berühmt wurde der Geheimdienst, als er 1960 den nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Adolf Eichmann in Argentinien aufspürte und nach Israel entführte, wo er vor Gericht gestellt und verurteilt wurde.
Anders als die deutschen Nachrichtendienste arbeitet der Mossad auch mit Mitteln der Sabotage, verdeckter und psychologischer Kriegsführung und unter Umständen auch mit Killerkommandos. Für solche Spezialoperationen, die den Mythos des Mossad begründeten, ist die Abteilung Metsada zuständig.
Leitung
Nach Streitigkeiten über die Strategie gegen den palästinensischen Terror entließ der damalige Premier Ariel Scharon 2002 Ephraim Haley als Mossad -Chef. Seitdem ist Meir Dagan Direktor des "Instituts".