PR im Gaza-Konflikt: Israels Kampf um die Weltmeinung

Aus Erez berichtet

Die israelische Regierung hat aus dem PR-Debakel des letzten Gaza-Kriegs gelernt. Mit einer Charme-Offensive bemüht man sich um die Journalisten - und hat damit Erfolg an der Medienfront. Ein Einwanderer aus Berlin-Wedding hilft dabei, Sympathien zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE

Es wirkt geradezu fürsorglich, wie Major Arye Sharuz Shalicar sich um die Weltpresse kümmert. "Bitte geht in das Gebäude. Falls Raketen kommen, seid ihr dort in Sicherheit", sagt er den internationalen Journalisten, die den kleinen Stand der Armee vor dem Grenzgebäude in Erez am Gaza-Streifen belagern.

Erez ist das Einfallstor der westlichen Medien nach Gaza - und Shalicar der Türsteher. Wie er sagt: "der einzige Mann Israels, der die Autorität hat, Zivilisten in den Gaza-Streifen zu lassen". Dann lacht er und entschuldigt sich, dass das sehr hochgestochen klinge. Er guckt treuherzig drein. Es ist nahezu unmöglich, den charismatischen 35-Jährigen nicht sympathisch zu finden. Für den Job als Pressesprecher der israelischen Armee ist er also wie geschaffen.

Israel hat aus dem Mediendebakel des letzten Gaza-Kriegs 2008 gelernt. Damals verbot es Journalisten die Einreise. Nur eine Handvoll Reporter war vor Ort während der Offensive. Nach Angaben der "New York Times" blockierte die israelische Regierung damals auch Handyfrequenzen, um eine Übertragung von Fotos zu verhindern. Ein Vorgehen, das man eher mit Diktaturen assoziiert. Die Welt bekam trotzdem mit, dass knapp tausend Zivilisten starben. Israel stand da wie ein ertappter Verbrecher. Militärisch hatte es den Gaza-Krieg 2008 zwar gewonnen. Doch internationale Sympathien und Unterstützung gingen verloren.

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Gaza-Konflikt: Jerusalems neue Medienstrategie
Dieses Mal ist alles anders. Die Tore stehen für die westlichen Journalisten offen, der rote Teppich ist ausgerollt. Über hundert seien in den vergangenen Tagen eingereist, sagt Shalicar. Wer sich in Jerusalem eine Presseakkreditierung abholt, um nach Gaza zu reisen, dem wird Kaffee und Tee angeboten. "Man lernt aus Fehlern", sagt Shalicar. "Es kommt nicht nur darauf an, was auf dem Schlachtfeld passiert, sondern auch auf 'Da'at Kahal' - die öffentliche Meinung."

"Wir sind wie Deutschland"

Shalicar wurde ein halbes Jahr nach dem letzten Gaza-Krieg als Armee-Pressesprecher eingestellt, weil er vermitteln kann zwischen den ausländischen Journalisten und Jerusalem. Er weiß, wie man mit Deutschen reden muss, damit sie Israel verstehen. "Wir sind wie Deutschland", sagt er. Der Westen, die Guten, soll das heißen.

Für den israelischen Major war Deutschland nicht immer gut. Shalicar ist in Berlin geboren und aufgewachsen, als Sohn iranischer Einwanderer im Wedding. Als Teenager machte er Karriere als Kleinganove, bevor er gerade noch das Abitur schaffte. Nirgends fühlte er sich angenommen, sagt er. Für die Deutschen war er der Ausländer, für die arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen im Wedding der Jude. Die Erfahrungen hat er sich in einem Buch von der Seele geschrieben.

Ein Kibbuz-Besuch wurde zu ihm zum Erweckungserlebnis. Endlich fühlte er sich akzeptiert. Mit 22 entschloss sich Shalicar nach Israel zu ziehen, als einziger in seiner Familie. Er leistete ein zweites Mal Wehrdienst nach seiner Zeit bei der Bundeswehr, studierte weiter, lernte Hebräisch und heuerte als Armee-Pressesprecher an.

"In meiner Europa-Abteilung haben wir Muttersprachler Dänisch, Norwegisch, Englisch, Französisch und Deutsch - alle für uns wichtigen Sprachen", sagt Shalicar. Wie er alles junge Einwanderer. "Du brauchst Soldaten und Soldatinnen, die nicht nur die Sprache können, sondern auch die Kultur kennen."

Erfolge an der Medienfront

Die neue Medienstrategie der Israelis denkt den kulturellen Unterschied mit und übersetzt dementsprechend. "Pillar of Defense" heißt die jüngste Gaza-Offensive auf Englisch, "Säule der Verteidigung". Das klingt für westliche Ohren gefälliger als das originale "Operation Amud Anan" - die Wolkensäule, in die sich Gott im biblischen Auszug aus Ägypten verwandelt haben soll, um die Israeliten vor der Armee des Pharaos zu beschützen.

Zu den Ursachen des Konflikts, zu Israels Blockade des Gaza-Streifens etwa, sagt Shalicar nichts, nur so viel: "Ich bin kein Politiker." Die Israelis konzentrieren ihre PR-Strategie ganz auf den Verlauf der aktuellen Offensive. Alles, was darüber hinausgeht, wird ausgeblendet - es geht unter in einer Flut von Videos, Tweets und Briefings rund um den letzten Raketeneinschlag.

Bisher läuft es nicht schlecht für Israel an der Medienfront. Zwar kamen bereits mehr als 120 Palästinenser durch die Offensive ums Leben. Rund tausend wurden verletzt, die meisten von ihnen Zivilisten. Doch der ganz große internationale Aufschrei blieb bisher aus.

Die Hamas kann in diesen Tagen nur schwer im Propagandakrieg mitmischen. Ihre Mitglieder sind vor den israelischen Bomben auf Tauchstation. Die internationalen Journalisten können sich im Gaza-Streifen frei von ihrer Einflussnahme bewegen.

Oft ist es ein einziges Bild, das darüber entscheidet, wie ein Krieg in Erinnerung bleibt. Für die Gaza-Offensive 2012 ist noch nichts entschieden. Werden es die Fotos von Frauen und Kindern sein, die von israelischen Bomben verwundet wurden? Oder werden es die mutmaßlichen Verräter sein, die von Hamas-Mitgliedern auf der Straße hingerichtet wurden?

Für wen ist der freie Zugang internationaler Journalisten in den Gaza-Streifen gefährlicher - für die Hamas oder für die israelische Armee? Shalicar setzt darauf, dass Jerusalem von der Offenheit profitieren wird. Doch sicher ist er sich nicht.

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insgesamt 46 Beiträge
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1. voll daneben
schalksnarr 21.11.2012
Charme-Offensive? Ein schlimmes Wortspiel!
2. Zum vierten Mal...
ip- 21.11.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie israelische Regierung hat aus dem PR-Debakel des letzten Gaza-Kriegs gelernt. Mit einer Charme-Offensive bemüht man sich um die Journalisten - und hat damit Erfolg an der Medienfront. Ein Einwanderer aus Berlin-Wedding hilft dabei, Sympathien zu gewinnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israels-neue-medienstrategie-im-gaza-konflikt-a-868409.html
Jedes Mal, wenn Raniah Salloum einen Artikel zum Gaza-Krieg schreibt, schwebt immer ein anklagender Unterton mit. Und zwar immer gegenüber Israel. Beispiele: Der Sprecher ist zwar charmant, aber war ja mal ein Kleinganove. Israel wird zwar von Raketen angegriffen, aber die politische Situation (sprich "Besetzung" oder was auch sonst sie gemeint haben könnte) wird ausgeblendet. Israel hat zwar Erfolg gegen die Hamas, aber "viele" Zivilisten sterben. Israel bemüht sich um die Journalisten, aber es geht denen ja nur um Propaganda. Jeder einzelne Artikel von Raniah Salloum ist nach diesem Strickmuster gerstrickt. Es ist fast unerträglich, diese ständigen Verurteilungen lesen zu müssen. Was soll das?
3. Es kommt auf die Betrachtung an.
hans-juergen.matschiske 21.11.2012
Wenn die Berichte aus den Werbeanstalten der Friede Springer und Liz Mohn stammen, kann man sich das lesen gleich ersparen. Eine objektive Berichterstattung kommt in 98% der westlichen Presse ohnehin nicht in Betracht. Ansonsten wird denen der Geldhahn zugedreht.
4. Angriffskrieg
Markus_45 21.11.2012
Das ist ja schön dass sie um die Meinung kämpfen. Nichts desto trotz sieht es aber weiterhin wie ein Angriffskrieg aus. David gegen Goliath lässt grüßen.
5. Man hat gelernt?
reever_de 21.11.2012
"Man hat gelernt: eine Charme-Offensive" ... Zu Raketen, Geschossen, Panzern, Granaten und Boden-Offensive kommt nun noch die "Charme-Offensive" zur Anwendung, die alles ausgleichen und besser machen soll?? Mein Gott. Wie bizarr ist das und wie wird das noch alles werden?? Töten mit schöner PR?? Das ist alles was man "gelernt hat"?? Sonst rein gar nichts???
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Gaza-Streifen: Das Leid der Zivilisten

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 7,837 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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