Israels Operation Regenbogen "Tief Luft holen, dann weitermachen"

Sechs Tage nach Beginn der israelischen Großoffensive im Gaza-Streifen haben sich die Truppen aus dem Flüchtlingslager Rafah zurückgezogen. Zurück bleiben Dutzende Tote und viele zerstörte Häuser. Die Uno hat begonnen, neue Wohnungen an Flüchtlinge zu übergeben.


Rafah - Militärsprecher der israelischen Armee teilten mit, alle Soldaten und Panzer seien aus Rafah im südlichen Gaza-Streifen abgezogen worden. Bei der Aktion - hoffnungsfroh "Operation Regenbogen" benannt - kamen 41 Palästinenser ums Leben. An der Beisetzung von 16 der 41 Opfer der Offensive nahmen heute 35.000 Palästinenser teil.

Besonders in Tel Sultan, einem extrem dicht bevölkerten Bezirk von Rafah, hinterließ die israelische Armee eine Spur der Verwüstung: Dutzende Häuser wurden zerstört oder beschädigt, Strom- und Telefonkabel waren zerrissen, Ackerland aufgewühlt. "In einfachen Worten: Das ist Hiroshima 2004", sagte der Bürgermeister von Rafah, Said Surab, nach einem Besuch in Tel Sultan. "Man kann die Zerstörung nicht beschreiben." Der Bürgermeister erklärte, die Wasser- und Abwassersysteme seien zerstört. Alle Straßen in dem Viertel seien beschädigt, und sogar eine Moschee habe gebrannt. Ein Bauer beklagte, seine Felder sähen jetzt aus wie eine Wüste.

Noch ist unklar, ob der Abzug endgültig oder nur ein vorübergehender Rückzug ist. Ein ranghoher israelischer Offizier sagte: "Wir holen tief Luft, dann machen wir weiter." Israel wollte nach eigenen Angaben mit der Aktion Tunnel für den Waffenschmuggel aufdecken. Allerdings wurden nur zwei Tunnel entdeckt. International war Israel für den Angriff heftig kritisiert worden.

In Nablus im Westjordanland kam es zu Zusammenstößen zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Steinewerfern. Ein 14-jähriger Junge wurde getötet, wie Krankenhausmitarbeiter erklärten. Ein weiterer Palästinenser wurde schwer verletzt.

Israels Regierungschef Ariel Scharon kündigte an, dem Kabinett am Sonntag einen neuen Plan für den Rückzug aus dem Gaza-Streifen vorzulegen. Er rechne mit einer Zustimmung der Minister. Scharons ursprünglichen Plan für den Rückzug aus dem Gaza-Streifen und vier Siedlungen im Westjordanland hatte seine Likud-Partei in einem Referendum am 2. Mai abgelehnt. Die überarbeitete Version sieht einen Rückzug in mehreren Phasen vor.

Scharons Rückzugspläne sehen auch ein neues Sicherheitsabkommen zwischen Palästina und Israel vor. Um dieses auszuhandeln traf der ägyptische Geheimdienstchef Omar Suleiman zu getrennten Gesprächen mit dem palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat sowie mit Scharon zusammen.

Der palästinensische Kabinettsminister Sajeb Erakat sagte, bei dem Treffen mit Arafat in Ramallah hätten die Palästinenser um ägyptische Hilfe beim Wiederaufbau des Sicherheitsapparats gebeten. Ein Berater Arafats erklärte, der Präsident habe versichert, dass die Palästinenser zur Übernahme der Kontrolle in Gaza bereit seien.

Hilfe widerfährt den Palästinensern von der Uno. Das Uno-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) hat an 93 Flüchtlingsfamilien im Gaza-Streifen neue Wohnungen übergeben. Das teilte die Organisation in Genf mit. Die Häuser der 475 Flüchtlinge aus Rafah und Chan Junis waren von der israelischen Armee zerstört worden. Seit Beginn der Intifada im September 2000 und bis zum 10. Mai hat die israelische Armee diesen Angaben zufolge insgesamt 1309 Gebäude zerstört, was Wohnungen von mehr als 18.300 Palästinensern im Gaza-Streifen entspreche. Für neue Unterkünfte für insgesamt 220 Familien wendete UNRWA bislang 20 Millionen Dollar (16 Mio Euro) auf.



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