IS-Experte Wilfried Buchta Warum die Dschihadisten die Türkei hassen

Der IS nimmt die Türkei ins Visier - dabei soll Ankara die Miliz bis vor Kurzem noch heimlich unterstützt haben. Was hat sich verändert - und was bedeutet das für Deutschland? Antworten des IS-Experten Wilfried Buchta.

Ein Interview von , Istanbul

Blaue Moschee in Istanbul:  "Sehr wahrscheinlich, dass es ein gezielter Angriff auf Deutsche war"
AP

Blaue Moschee in Istanbul: "Sehr wahrscheinlich, dass es ein gezielter Angriff auf Deutsche war"


  • Zehn Menschen hat ein Selbstmordattentäter im Herzen von Istanbul, auf dem Platz zwischen der Blauen Moschee und der Hagia Sophia, in den Tod gerissen: Alle waren deutsche Touristen.

  • Als mutmaßlicher Täter wurde ein 28-Jähriger ausgemacht, der in Saudi-Arabien geboren wurde und über Syrien in die Türkei eingereist war. Nach Angaben von türkischen Sicherheitsbehörden soll er am 5. Januar in Istanbul Asyl beantragt haben, bei der Migrationsbehörde ganz in der Nähe des Ortes, an dem er sich nun in die Luft sprengte. Anhand seiner Fingerabdrücke wurde er rasch identifiziert.

  • Die Tat war ein Angriff auf die Türkei, aber auch auf Deutschland, vermutet der promovierte Islamwissenschaftler Wilfried Buchta. Spätestens jetzt, nach dem Anschlag, werde die Türkei mit aller Härte gegen den IS vorgehen, vermutet er. Beweise, dass der Angreifer sich bewusst gegen Deutsche richtete, gibt es nicht. "Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es ein gezielter Angriff auf Deutsche war, weil Deutschland die Anti-IS-Allianz mit Aufklärungsflügen und mit der Marine im Mittelmeer unterstützt", sagt Buchta im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Vermengung von Terrorgefahr und der Flüchtlingsthematik sei problematisch, findet der IS-Experte. Es gebe konkrete Hinweise, dass der IS Schläfer einschleuse unter den Flüchtlinge. Gleichzeitig dürfe man Syrer, die in Europa Hilfe suchen, nicht unter Generalverdacht stellen, warnt er.

Hier lesen Sie das gesamte Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Buchta, warum trifft der Terror des IS zunehmend die Türkei?

Buchta: Die Türkei engagiert sich neuerdings aktiver in der Anti-IS-Allianz. Das macht sie zu einem bevorzugten Ziel. Die Haltung der Türkei war ja bis zum Sommer 2014 sehr ambivalent, es gab Hinweise über Verbindungen zwischen Teilen der Regierung und dem "Islamischen Staat". Ziel war es, jene Kräfte in Syrien zu stärken, die gegen den dortigen Präsidenten Baschar al-Assad sind. In diesem Zusammenhang hat die Türkei den IS möglicherweise heimlich unterstützt, zumindest logistisch.

Zur Person
  • Wilfried Buchta
    Wilfried Buchta, Jahrgang 1961, ist promovierter Islamwissenschaftler und arbeitete von 2005 bis 2011 für die Uno im Irak. Er ist Autor des Buches "Terror vor Europas Toren. Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht".
SPIEGEL ONLINE: Woher rührt Ihrer Meinung nach die veränderte türkische Haltung gegenüber dem IS?

Buchta: Da spielen die Anschläge im vergangenen Jahr, vor allem auf kurdische Aktivisten, eine Rolle. Inzwischen weiß man, dass sie vom IS verübt wurden. Der Türkei blieb also nichts anderes übrig, als sich nach und nach vom IS zu distanzieren. Nach wie vor hat der Sturz des Assad-Regimes die höchste Priorität für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Aber spätestens seit Oktober 2014 entzieht sich der Zauberlehrling IS der Obhut Ankaras und geht seinen eigenen Weg, weil die Türkei sich nicht dem Druck der USA und Europas widersetzen konnte, nachhaltiger und aufrichtiger gegen diese Extremisten vorzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Nun hat die Türkei ja einen Kampf gegen Terroristen aller Art ausgerufen, bekämpft aber vor allem die PKK. Glauben Sie, dass Ankara tatsächlich auch gegen den IS vorgeht?

Buchta: Spätestens jetzt, mit dem Anschlag in Istanbul auf das Zentrum der türkischen Tourismusindustrie, wird es ein Umdenken geben. Ich gehe davon aus, dass die Türkei es ernst meint. Wenn sie jetzt endlich umsetzt, was sie seit Monaten ankündigt, nämlich mit Härte gegen den IS zu kämpfen, dann wäre das auch im westlichen Interesse.

SPIEGEL ONLINE: Aus Sicht extremistischer Muslime beweist die Türkei damit aber, dass sie wieder auf der falschen Seite steht.

Buchta: Bis zur Regierungsübernahme der islamisch-konservativen AKP im Jahr 2002 war die Türkei ein laizistischer Staat, oft nationalistisch, halbwegs demokratisch. Das hat den konservativen Muslimen in der Türkei wie in anderen Ländern nicht gefallen. Aber seitdem die AKP regiert, gibt es Bemühungen, die Türkei von innen zu islamisieren. Diese Entwicklung ist fortgeschritten, die demokratischen Aspekte sind ja mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Aber die heutige Türkei geht zurück auf den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, und zentrale Ereignisse damals, in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, waren die Abschaffung des Kalifats und die Ausrufung einer laizistischen Republik. Das galt jahrzehntelang als Ursünde, weshalb die Türkei unter radikalen Muslimen als Feind galt. Ob das unter Erdogan immer noch so gesehen wird, ist schwer zu sagen. Jedenfalls trauern die Islamisten dem untergangenen Kalifat nach und wollen es restaurieren. Den ersten Schritt dazu hat der IS in den Nachbarländern getan. Es zu erweitern auf die Türkei, führt zwangsläufig zum Konflikt. Vermutlich wird es künftig mehr Anschläge in der Türkei geben.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder wird nun behauptet, der Anschlag von Istanbul sei auch ein Angriff auf den Westen, da überwiegend Deutsche getötet wurden. Stimmen Sie zu?

Buchta: Ohne Bekennerschreiben des IS fehlen dafür noch belastbare Belege. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es ein gezielter Angriff auf Deutsche war, weil Deutschland die Anti-IS-Allianz mit Aufklärungsflügen und mit der Marine im Mittelmeer unterstützt. Es würde mich nicht wundern, wenn Deutschland in Zukunft verstärkt ins Visier von IS-Kämpfern geriete.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie eigentlich dazu, dass in Deutschland das Thema IS-Terror mit dem Flüchtlingsthema vermengt wird und dass Syrer verantwortlich für Gewalt gemacht werden, obwohl sie selbst davor geflohen sind?

Buchta: Das ist sehr heikel. Wahr ist, dass eine übergroße Menge an Flüchtlingen, die zu uns kommt, nichts mit dem IS zu tun hat und auch nicht mit ihm sympathisiert. Aber Erkenntnisse von Polizei und Nachrichtendiensten deuten darauf hin, dass der IS es geschafft hat, eine kleine Anzahl von Schläfern unter den Flüchtlingen einzuschleusen, die zum richtigen Zeitpunkt aktiviert werden. Das Kalkül dahinter ist, eine anti-muslimische Stimmung zu schüren, die ja bereits besteht, wie man an den Aktivitäten rechtsextremer und fremdenfeindlicher Gruppen in Deutschland ablesen kann. In solch einer Situation könnte der IS mehr Unterstützer bekommen und seine Macht sichern.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie ein kluges Vorgehen deutscher Politik in dieser Lage beschreiben?

Buchta: Diese Frage kann ich Ihnen kaum beantworten. Ich glaube, wir müssen dazu an den Ursprungsort des Terrors zurückgehen. Ich denke, dass man den IS militärisch besiegen muss, und dazu reichen Luftschläge allein nicht aus. Derzeit sehe ich aber kein Land, das bereit wäre, mit Bodentruppen einzugreifen, aus Furcht vor militärischen Verlusten, davor, dass die finanziellen Ressourcen schnell erschöpft sein könnten und vor der Verwicklung in einen unübersichtlichen Mehrfrontenkrieg, wo sich Freund und Feind oft nicht unterscheiden lassen. Was die Flüchtlinge angeht, die zu uns kommen, müsste man sie viel genauer registrieren, identifizieren und versuchen herauszufinden, woher sie stammen, gleichzeitig aber nicht in Voreingenommenheit verfallen, nur weil jemand aus Syrien kommt. Man muss mit einem geschärften Problembewusstsein an das Thema herangehen, ohne Menschen unter Generalverdacht zu stellen. Das ist die Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Militärisches Vorgehen ist in jüngster Vergangenheit mehrmals schiefgegangen. Inwiefern ist wahrscheinlich, dass es zu einer Art innerislamischen Reform kommt, bei der sich demokratische, liberale Muslime gegen Extremisten durchsetzen?

Buchta: Ich bin da pessimistisch. In Iran sieht man zum Beispiel, dass alle wichtigen Reformer gescheitert sind und viele aus dem Land vertrieben wurden. Ähnliches stellt man in anderen islamischen Ländern fest. Es gibt wenig Erfolg versprechende Ansätze für eine Erneuerung von innen. Aber ohne eine solche Reform kann man den islamistischen Terrorgruppen auch theologisch nicht Paroli bieten. Bisherige Versuche sind kraftlos. Wichtige sunnitische Geistliche sagen, der IS habe nichts mit dem Islam zu tun, sondern sei eine Kreation des israelischen Geheimdienstes Mossad. So etwas ist haarsträubend und durchsichtig, soll von eigenen Fehlentwicklungen ablenken und jegliche Verantwortung zurückweisen. Dabei hat sich die extremistische Form des Islam, eine Todestheologie, die von Dschihadisten benutzt wird, um Anhänger zu rekrutieren, seit Jahrzehnten in der islamischen Welt eingeschlichen. Die religiösen Autoritäten, von Marokko über Sudan und Ägypten bis Saudi-Arabien und Pakistan, tun nichts dagegen.

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insgesamt 108 Beiträge
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jehudi 14.01.2016
1. Warum die Dschihadisten die Türkei hassen
Weil die Türkei das einzige islamische Land der Welt ist, welches demokratisch ist, nicht vom Öl lebt und trotzdem keine dritte Welt ist. Bis jetzt.... Lassen wir der AKP noch ein paar Jahre Zeit...
kuac 14.01.2016
2.
Die islamische Fundamentalisten sind dafür bekannt, dass sie irgendwann gegen ihre Ziehväter wenden. Die USA, Pakistan und Saudis haben das erfahren. Nun die Türkei auch.
multi-moral 14.01.2016
3. Was sagt uns diese Aussage:
*SPIEGEL ONLINE: Nun hat die Türkei ja einen Kampf gegen Terroristen aller Art ausgerufen, bekämpft aber vor allem die PKK. Glauben Sie, dass Ankara tatsächlich auch gegen den IS vorgeht? Buchta: Spätestens jetzt, mit dem Anschlag in Istanbul auf das Zentrum der türkischen Tourismusindustrie, wird es ein Umdenken geben. Ich gehe davon aus, dass die Türkei es ernst meint. Wenn sie jetzt endlich umsetzt, was sie seit Monaten ankündigt, nämlich mit Härte gegen den IS zu kämpfen, dann wäre das auch im westlichen Interesse. * ?? etwa: IS wird immer noch von der Türkei unterstützt und geduldet? Wie verhält sich NATO? Ist der Hass des Westens auf Assad so groß, daß man mit dem Teufel(IS) einen Pakt schliesst! Nicht nur Türkei sondern alle IS-Unterstützer und Geburtshelfer sollten sich gedanken machen!
recepcik 14.01.2016
4. Die Türkei wurde nicht angegriffen
Der IS hat bis jetzt, die Kurden, die Gegner von Erdogan und seiner AKP Regierung angegriffen. Dass heißt die Terroristen waren im Dienste der Türkei. Welche Anstrengungen soll bitte die Türkei unternommen haben dass sie angegriffen wird. Während das Land im Südosten Panzer in den Städten gegen die Kurden einsetzt hat sich der IS in der Türkei institutionalisiert und Rekrutierungsbüros eröffnet. Die Deutschen Touristen sind gezielt angegriffen weil sich Deutschland durch die Tornados aktiv an der Allianz beteiligt. Dass kann man von der Türkei nicht behaupten. Nur weil sie ein Paar IS Anhänger verhaftet heißt es noch lange nicht dass sie den IS aktiv bekämpft. Nach jedem IS Anschlag wird eine Nachrichtensperre verhängt um Informationen über die Hintermänner oder Unterstützer zu vertuschen. Der türkische Geheimdienst MIT koordiniert den IS .
Dumme Fragen 14.01.2016
5. Ein gutes Interview!
Ganz wichtig: "Man muss mit einem geschärften Problembewusstsein an das Thema herangehen, ohne Menschen unter Generalverdacht zu stellen."
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