Türkische Behörden Attentäter von Istanbul war angeblich registrierter Flüchtling

Was ist über den mutmaßlichen Attentäter von Istanbul bekannt? Wer sind die Opfer des Anschlags? Sind Reisen in die Türkei noch sicher? Der Überblick.


Nahe der Blauen Moschee in Istanbul hat sich am Dienstag ein Attentäter in die Luft gesprengt und zehn deutsche Touristen getötet. Die türkischen Behörden haben den Attentäter sehr schnell identifiziert und die Terrormiliz "Islamischer Staat" für den Anschlag verantwortlich gemacht.

  • Was ist über den mutmaßlichen Attentäter bekannt?

Die türkischen Behörden identifizierten den Selbstmordattentäter als einen 28-jährigen syrischen Anhänger der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). Laut einem Sprecher des Innenministeriums wurde Nabil Fadli 1988 in Saudi-Arabien geboren, habe das Königreich aber bereits im Alter von acht Jahren verlassen und die syrische Staatsbürgerschaft besessen.

Der Attentäter Nabil Fadli auf einem von der türkischen Polizei veröffentlichten Bild
DPA

Der Attentäter Nabil Fadli auf einem von der türkischen Polizei veröffentlichten Bild

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte am Mittwoch, Fadli sei als Flüchtling von Syrien in die Türkei eingereist. Er sei aber nicht beobachtet worden, weil er auf keiner Gefährderliste gestanden habe. Nun würden alle seine Verbindungen untersucht.

Die Nachrichtenagentur DHA meldete unter Berufung auf die Polizei, dem mutmaßlichen Attentäter seien bei der Registrierung am 5. Januar in Istanbul Fingerabdrücke abgenommen worden. Diese hätten dabei geholfen, ihn jetzt zu identifizieren.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière äußerte sich in den ARD-"Tagesthemen" etwas vorsichtiger zur Identität des Attentäters. Zwar sei er durch Personaldokumente von den türkischen Sicherheitsbehörden identifiziert worden, "aber ob dieses Personaldokument zu diesem Mann gehört, ist alles noch Gegenstand der Aufklärung".

Die türkische Regierung hat den Anschlag dem IS zugeschrieben, die Terrormiliz hat sich zu dem Anschlag aber nicht bekannt.

  • Wie viele Verdächtige gibt es?

Fünf Verdächtige sind nach Angaben der türkischen Regierung insgesamt festgenommen worden. Laut Ministerpräsident Davutoglu kam es am Mittwoch zu vier Festnahmen. Unklar blieb, ob es sich bei diesen Festgenommenen um die vier Personen handelte, die den Attentäter Fadli laut der Nachrichtenagentur DHA bei der Registrierung als Flüchtling begleitet haben sollen. Nach Angaben von Innenminister Efkan Ala war ein erster Verdächtiger bereits am Dienstagabend festgenommen worden.

Türkische Medien meldeten bereits mehr Festnahmen, als die Behörden bestätigten. Laut der Nachrichtenagentur Anadolu wurden seit dem Anschlag insgesamt 74 mutmaßliche IS-Mitglieder festgenommen. 16 von ihnen stünden im Verdacht, einen schweren Anschlag in Ankara geplant zu haben.

Ein Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) wurde derweil nach Istanbul entsandt. Sie unterstützten die Arbeit vor Ort, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin.

  • Wer sind die Opfer des Attentats?

Alle zehn Todesopfer des Terroranschlags von Istanbul sind Deutsche. Noch sieben weitere Bundesbürger seien in Krankenhäusern in Istanbul, fünf von ihnen auf der Intensivstation, teilte das Auswärtige Amt am Mittwoch mit. Außerdem gebe es drei Leichtverletzte.

Die zehn Todesopfer gehörten alle zur Reisegruppe eines Veranstalters aus Berlin. Die Reisenden hatten laut Unternehmen eine Pauschalreise gebucht und wollten von Istanbul aus weiter nach Dubai. Die Firma ist nach eigenen Angaben auf Gruppenreisen für Menschen "in den besten Jahren" spezialisiert.

  • Galt der Anschlag gezielt deutschen Touristen?

"Nach bisherigem Ermittlungsstand liegen keine Hinweise darauf vor, dass der Anschlag gezielt gegen Deutsche gerichtet war", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Mittwoch bei einem Besuch in Istanbul. Ihm zufolge gebe es "keinen Grund, von Reisen in die Türkei abzusehen. Wir wollen unser Verhalten, unser Leben nicht verändern."

  • Wie reagieren die Touristen?

Die Sicherheitslage in Istanbul ist angespannt, die Stimmung gedrückt, viele Touristen sind verunsichert. Normalerweise herrscht auf dem Platz vor der Blauen Moschee in Istanbul Trubel, am Mittwoch wurde er hingegen kaum besucht, die Urlauber meiden die berühmtesten Sehenswürdigkeiten Istanbuls.

Einige hätten ihren Urlaub sogar abgebrochen, sagt Volkan Özkan, der ein kleines Hostel in der Nähe der Blauen Moschee betreibt. Allein am Abend nach dem Anschlag seien 10 seiner 15 Gäste fluchtartig abgereist, darunter zwei Deutsche.

"Der Terrorismus wendet sich direkt und ohne Umschweife gegen Touristen. Das ist eine neue Dimension", sagte Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel.

Das Auswärtige Amt gab am Dienstag einen Reisehinweis für Istanbul und andere Großstädte in der Türkei heraus. Demnach werde dringend geraten, Menschenansammlungen auch auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen zu meiden.

sun/Reuters/dpa/AFP

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