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Terroranschlag in der Türkei: Der Albtraum von Istanbul

Von , Istanbul

REUTERS

Ein Selbstmordanschlag zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee, die meisten Opfer Touristen - es ist das eingetreten, wovor sich die Türkei seit Langem fürchtet. Das Attentat in Istanbul dürfte das bisher folgenreichste für das Land sein.

In der perfiden Logik der Anschlagsplaner war es der perfekte Ort: Die Hagia Sophia, einst eine Kirche, später Moschee und jetzt Museum, sowie die Blaue Moschee liegen dicht beieinander im historischen Stadtteil Sultanahmet. Nahezu jeder Istanbul-Reisende besucht diese Prachtbauten und hält sich auf dem Platz dazwischen auf. Und Dienstagvormittags ist es hier besonders voll, da Museen wie die Hagia Sophia montags geschlossen haben. Für viele Reisende war dieser Dienstagmorgen daher der ideale Zeitpunkt, hier mit dem Sightseeing in der historischen Altstadt zu beginnen, zumal auch der Topkapi-Palast sowie der Große Basar in der Nähe sind.

Eine Explosion riss gegen etwa 10.20 Uhr zehn Menschen in den Tod, 15 weitere wurden verletzt. Unter den Toten sind auch acht Deutsche.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte am Mittag, es gebe Hinweise auf einen Terroristen aus Syrien. "Ein Selbstmordattentäter syrischer Herkunft hat diesen Terrorakt verübt", behauptete er in einer Fernsehansprache. Damit gab er die Vermutungen der Sicherheitsbehörden wieder, dass die Terrormiliz "Islamischer Staat" hinter dem Anschlag steckt.

Vor diesem Anschlag hat sich das Land gefürchtet

In Sultanahmet herrschte zunächst Chaos. Menschen saßen schockiert auf Bürgersteigen, andere rannten schreiend in alle Richtungen. Gerüchte über einen möglichen zweiten Attentäter sorgten für weitere Panik. Der Tatort wurde abgeriegelt, Hunderte Polizisten hielten Touristen und Schaulustige fern. Ein Hubschrauber kreiste über der Hagia Sophia, ein Polizeiteam sicherte die Aufnahmen der vielen Überwachungskameras vor Ort. "Ich bin mir sicher, dass auf einer der Aufnahmen der Anschlag zu sehen ist", sagte ein Polizist. Ob die Bilder veröffentlicht würden, sei aber unklar. Die Regierung verhängte noch am Vormittag eine Nachrichtensperre.

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13  Bilder
Terror in Istanbul: Anschlag mitten im Touristenviertel
Krankenwagen rasten mit Blaulicht durch die engen Gassen der Altstadt, ebenso Polizeiautos. Für den normalen Verkehr wurden die Straßen gesperrt.

Die Tat ist das Worst-Case-Szenario. Sie trifft die Türkei im Herzen, an einem symbolischen Ort. Vor einem solchen Anschlag hat sich das Land seit Langem gefürchtet. Denn der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des aufstrebenden Landes, und die Branche hat nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch das türkische Militär im November 2015 bereits erheblich gelitten - Russen sind mit Abstand die größte Gruppe der Touristen in der Türkei.

Jetzt dürften auch Besucher aus anderen Ländern ausbleiben.

Für Istanbul, eine Boomstadt, die es in Sachen Kultur- und Kneipenszene mit Metropolen wie London, Paris oder Berlin aufnehmen kann, dürfte der Anschlag schwere Folgen haben. Die Stadt, Tor zur Türkei und beliebt bei Millionen von Reisenden, verliert plötzlich den Ruf, ein sicheres Reiseziel zu sein.

Bloß weg: Touristen reisen ab

Am Mittag waren in Sultanahmet bereits Menschen zu sehen, die vorzeitig abreisten. "Es ist wunderschön hier", sagte ein Mann aus Stuttgart, der mit seiner Frau eine Woche hier verbringen wollte. "Aber das ist uns dann doch zu riskant, so können wir uns nicht erholen", erklärte er und packte zwei Koffer in ein Taxi. Ein japanisches Paar, das in einem Hotel ganz in der Nähe des Tatorts wohnte, wollte ebenfalls abreisen. "Wir sind erst seit Samstag hier und haben uns noch nicht von dem langen Flug erholt, aber wir fliegen so bald wie möglich wieder zurück", sagte die Frau.

Wenn sich die Vermutung bestätigt, dass der IS hinter dem Anschlag steckt, ist es den Dschihadisten erneut gelungen, weltweit Aufmerksamkeit zu erregen. Im August 2015 hatten die Extremisten der Türkei erstmals offen gedroht. In einem Video hatten sie zur "Eroberung Istanbuls" aufgerufen. Der "Teufel Erdogan" habe die Türkei "an die USA verkauft", hieß es darin. Der IS rief die Türken in dem Film dazu auf, "gegen die Freunde des Teufels zu kämpfen" und beim Aufbau des Kalifats zu helfen.

Wut auf die türkische Regierung

Grund für die Wut des IS auf die türkische Regierung war, dass sie den USA erlaubt hatte, türkische Luftwaffenstützpunkte zum Angriff auf den IS zu nutzen. Seit Jahresbeginn startet auch die deutsche Luftwaffe Einsätze vom türkischen Stützpunkt in Incirlik im Kampf gegen den IS in Syrien. Die Türkei gilt vielen Islamisten generell als Feind, weil Mustafa Kemal Atatürk 1923 die säkulare Republik Türkei schuf und ein Jahr später auch noch die Institution des Kalifats aufhob.

Der Türkei war andererseits lange Zeit vorgeworfen worden, wegen Erdogans Gegnerschaft zum syrischen Präsidenten Baschar al-Assad heimlich den IS zu unterstützen oder doch die Gefahr kleinzureden. Tatsächlich gibt es keine Beweise für eine aktive Unterstützung, doch IS-Kämpfer reisten unbehelligt über die Türkei in ihr Kampfgebiet in Syrien und im Irak. In Istanbul und an anderen Orten konnte man IS-Anhänger treffen, in Geschäften wurden IS-Banner, Aufkleber und sonstige Devotionalien verkauft. Das hat sich in den vergangenen Monaten geändert.

IS-Kämpfer kann man aber immer noch in türkischen Städten entlang der Grenze zu Syrien antreffen. In den vergangenen Wochen hat der IS in Sanliurfa zwei syrische Journalisten und in Gaziantep einen syrischen Filmemacher getötet. Im vergangenen Jahr hatte der IS mehrere Anschläge in der Türkei verübt, die sich vor allem gegen kurdische Aktivisten richteten.

Videoanalyse aus Istanbul: "Angriff auf das Herz der Türkei"

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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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