Angriff auf Nachtklub in Istanbul Türkei fahndet nach dem Attentäter

Nach dem Angriff auf eine Silvesterparty in Istanbul ist der Attentäter auf der Flucht, die Großfahndung läuft. Bei der Terrorattacke sind mindestens 39 Menschen ums Leben gekommen, Dutzende weitere wurden verletzt.

Getty Images

Die Sicherheitskräfte in der Türkei suchen nach der Attacke auf einen Nachtklub in Istanbul in der Silvesternacht nach dem Attentäter. Bei dem Angriff gab es Dutzende Tote. "Es läuft eine Großfahndung nach dem Terroristen", sagte Innenminister Süleyman Soylu am Sonntag. Laut Soylu handelt es sich um einen einzelnen Angreifer. Augenzeugen hatten zuvor von zwei Angreifern berichtet. Nähere Angaben zur Identität des Attentäters machte der Innenminister nicht. Bislang hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt.

Bei dem Angriff am frühen Sonntagmorgen gegen 1.15 Uhr Ortszeit (23.15 Uhr deutscher Zeit) sind mindestens 39 Menschen getötet worden. Soylu zufolge wurden bislang 20 Leichen identifiziert, davon 15 Ausländer und fünf Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit. 69 Menschen würden in Krankenhäusern behandelt, vier seien in kritischem Zustand. Gesundheitsminister Recep Akdag bezifferte die Zahl der in Krankenhäusern behandelten Personen hingegen mit 65, vier davon seien schwer verletzt. Auch darunter seien zahlreiche Ausländer.

Laut Auskunft der Behörden sind unter den Toten drei indische Staatsangehörige, ein Belgier und ein Libanese sowie Personen marokkanischer, libanesischer, saudi-arabischer und libyscher Staatsangehörigkeit. Das israelische Außenministerium teilte mit, unter den Toten sei eine israelische Frau. Drei oder vier der Toten mit türkischer Staatsangehörigkeit gehörten laut Innenminister Soylu zum Personal des Nachtklubs.

Über mögliche deutsche Opfer war zunächst nichts bekannt. Aus dem Auswärtigen Amt hieß es, man stehe mit den zuständigen Behörden in Kontakt.

Fotostrecke

15  Bilder
Istanbul: Angriff auf die Silvesterparty

Der Anschlag ereignete sich im bekannten Klub Reina, der unmittelbar an der Bosporus-Meerenge im Stadtteil Ortaköy im europäischen Teil Istanbuls liegt. Der Angreifer benutzte den Behörden zufolge offenbar ein Sturmgewehr. Istanbuls Gouverneur Sahin sprach von einer Waffe mit großer Reichweite, mit der er sich seinen Weg in den Klub freigeschossen habe. Zunächst tötete er am Eingang einen Polizisten und einen Zivilisten und eröffnete dann "brutal und grausam" wahllos das Feuer auf die Gäste im Innenraum.

Zu dieser Zeit feierten dort 500 bis 600 Menschen Silvester, wie der TV-Sender CNN Türk berichtete. Manche seien ins Wasser gesprungen, um ihr Leben zu retten. Sie seien später von der Polizei in Sicherheit gebracht worden.

Präsident Recep Tayyip Erdogan äußerte sich am Sonntagmorgen zu dem Anschlag. Die Türkei werde bis zum Ende gegen alle Formen des Terrors und seine Unterstützer kämpfen. Die Terroristen versuchten, mit Angriffen auf Zivilisten Chaos zu stiften, das Volk zu demoralisieren und das Land zu destabilisieren, teilte Erdogan schriftlich mit. Der Präsident wies keiner konkreten Gruppe die Täterschaft zu.

Innenminister Soylu sagte am Sonntagmorgen, der Angreifer sei mit einem Mantel und Hosen bekleidet gewesen. Es gebe Hinweise darauf, dass der Angreifer in einer anderen Bekleidung den Klub wieder verlassen habe. Dieser Hinweis werde von der Polizei überprüft.

Kurz nach der Terrorattacke hatte es Berichte des privaten Fernsehsenders NTV und der Nachrichtenagentur DHA sowie in sozialen Netzwerken gegeben, wonach Augenzeugen davon berichteten, dass der Angreifer ein Weihnachtsmannkostüm getragen hatte, als er in den Nachtklub eindrang. Dieses habe er auf der Flucht weggeworfen. Ministerpräsident Binali Yildirim dementierte diese Berichte am Sonntag. Solche Aussagen seien falsch.

"Wir wissen von einem bewaffneten Terroristen", sagte Yildirim weiter. Die Behörden arbeiteten mit Hochdruck daran, die Identität des Täters festzustellen, nachdem noch gefahndet werde. Es könne sein, dass der Angreifer seine Waffe im Club gelassen und sich im Tumult unter die Flüchtenden gemischt habe. Alle Möglichkeiten würden in Betracht gezogen.

Die Sicherheitskräfte sperrten die Umgebung des Tatorts kurz nach dem Anschlag ab. Gepanzerte Fahrzeuge der Polizei standen vor dem Nachtklub, ebenso zahlreiche Krankenwagen.

Der Besitzer des Nachtklubs sagte laut der türkischen Tageszeitung "Hurriyet", nach Warnungen des US-Geheimdienstes vor möglichen Anschlägen seien die Sicherheitsvorkehrungen in den vergangenen zehn Tagen verstärkt worden. Auch im Rest der Stadt waren in der Nacht zusätzliche Polizisten im Einsatz. An der zentralen Ausgehmeile Istiklal Caddesi kontrollierten Sicherheitskräfte die Zugänge und durchsuchten Taschen.

Regierungen und Politiker reagierten weltweit mit Anteilnahme und Bestürzung auf den Angriff. US-Präsident Barack Obama sprach der Türkei in einer ersten Reaktion sein Beileid aus und bot den Behörden des Nato-Partners Unterstützung an, wie Obamas Sprecher mitteilte. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte in der Nacht über Twitter mit: "Wir sind tief bestürzt und trauern mit den Menschen in Istanbul."

In den vergangenen Monaten sind in der Türkei wiederholt Terroranschläge verübt worden, bei denen viele Menschen ums Leben kamen. So starben am 10. Dezember ebenfalls in Istanbul vor einem Fußballstadion 44 Menschen bei Bombenattentaten, zu denen sich radikale Kurden bekannten. Eine Woche später kamen bei einem Autobombenanschlag in der Stadt Kayseri 14 Menschen ums Leben, 55 weitere wurden verletzt. Im Juni starben 45 Menschen, als mutmaßliche Mitglieder der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) den Flughafen Istanbuls angriffen.

Zudem starb starb der russische Botschafter Andrej Karlow bei einem Attentat im Dezember in Ankara. Die türkische Regierung hat für den Angriff die Bewegung von Fethullah Gülen verantwortlich gemacht, einen Rivalen von Präsident Erdogan. Gülen hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

fdi/dpa/Reuters/AP/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.