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Räumung des Gezi-Parks: Erdogan regiert mit Wasserwerfern und Tränengas

Aus Istanbul berichtet

Die Polizei in Istanbul hat das Protestlager im Gezi-Park gewaltsam geräumt - doch die Auseinandersetzungen gehen auf den Straßen weiter. Hunderte Menschen werden nach Angaben der Demonstranten verletzt.

Polizisten haben die Zelte vom Gezi-Park in orangefarbene Laster der Istanbuler Stadtverwaltung geladen. Das Herz des türkischen Aufstands ist im Morgengrauen leergeräumt, umzingelt, bewacht.

Es ist früher Sonntagmorgen als Polizisten mit Taschenlampen immer wieder in die wenigen Überbleibsel des Protestcamps leuchten, Tüten mit Lebensmitteln raustragen, das Trinkwasser unter sich aufteilen. Es waren einmal Spenden für die Demonstranten, jetzt sind sie das Frühstück für die erschöpften Aufräumer.

Die Menschen könnten ihre Wertsachen bei den zuständigen Wachen abholen, heißt es, Laptops, iPads der Studenten, die sie bei der Flucht in ihren Zelten liegen ließen. Als sie vor den Wasserwerfern flohen, vor dem Pfeffergas, abgefeuert von der türkischen Polizei, auf Studenten, Frauen und Kinder, damit sie das Camp räumen, in dem sie seit 18 Tagen protestierten. Erst für den Erhalt der Bäume im Gezi-Park und gegen ein Einkaufszentrum, zuletzt auch für den Rücktritt ihres Premiers Recep Tayyip Erdogan. Am frühen Sonntagabend will die islamisch-konservative Regierungspartei AKP ihre Anhänger in Istanbul zu einer Kundgebung versammeln.

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Istanbul: Schlacht um den Park
Am Samstagabend um kurz vor neun war die Polizei mit ihren Wasserwerfern über den Taksim-Platz gerollt, Bereitschaftspolizei im Camp aufgelaufen. Es werden Lärmbomben abgefeuert. Platzpatronen. Die Polizisten reißen die Zelte ab. In den Seitengassen des Taksim-Platzes beginnt eine Straßenschlacht, die bis zum Morgengrauen andauern wird.

Später wird der Gouverneur von Istanbul sagen: "Wir haben sie gewarnt, und wir haben ihnen Zeit gegeben, zu fliehen", er sagt es mit einer ruhigen Stimme in die Kamera von CNN Türk. "Wir sind glücklich, dass viele Familien und Jugendliche das Camp rechtzeitig verlassen haben, damit unsere Sicherheitskräfte sich um die illegalen Gruppierungen kümmern konnten."

Die "illegalen Gruppierungen" sind Studenten, Familien mit Kindern, Touristen, deutsche Politiker wie die Grünen-Chefin Claudia Roth. Die Campbesucher schlendern am Samstagabend durch das Zeltlager, sie hören der Rede eines Vertreters der türkischen Gewerkschaft DISK zu, es folgen zwei junge Frauen der deutschen Gewerkschaft Ver.di. Sie sind gekommen, um den Demonstranten ihre Solidarität zu zeigen.

Als sie die Bühne verlassen, stimmt die Band einen Klassiker der linken Bewegung an. Das Lied heißt "Angst" und handelt von einem jungen Mann, der nicht zum Militär, nicht in den Krieg ziehen will.

Plötzlich wird es hektisch im Camp. Menschenmassen strömen vom Eingang an den zentralen Platz des Gezi-Parks. Er ist ihr Fluchtpunkt, hier fühlen sie sich sicher, weil bei den Angriffen der vergangenen Tage, die Polizisten ihr Camp nie gestürmt hatten. Doch dieses Mal ist es anders. Frauen, die sich auf den benachbarten Taksim-Platz retten können, schreien in die Fernsehkameras. Sie schreien Richtung Polizisten: "Würdet ihr auch so schießen, wenn eure Mütter hier drin wären?"

Hunderte Demonstranten verletzt

Im Internet kursiert seit Stunden eine Liste mit Namen von Kindern, die ihre Eltern suchen: "Ich habe drei Kinder gefunden, zwischen 5-6 Jahren, Nalan, Ermis und Cenk, wer sie kennt oder vermisst bitte anrufen", steht da etwa. Oder: "Berkecan, vier Jahre alt ist im zweiten Stock vom Atatürk Kultur Zentrum." Und: "Efe, 11 Jahre alt, wartet am Beles-Hügel auf seine Mutter, weil sie ihn nicht ins Divan bringen konnte."

Das Divan-Hotel ist eine der heiß umkämpften Orte in dieser Nacht. Die Lobby des Hotels war in den vergangenen Tagen eine Art Lazarett für die Verletzten im Gezi-Park geworden. Die Polizisten greifen das Hotel am Abend immer wieder an, sie schießen Pfeffergas in den Eingang. Spritzen Wasser hinein. Augenzeugen berichten von Platzpatronen, die auf Ärzte und Verletzte schießen. Nach Angaben der türkischen Protestbewegung werden auch in der Nacht zum Sonntag Hunderte Menschen verletzt.

Aus dem Hilton-Hotel berichten Augenzeugen, dass ihnen Gasmasken und Taucherbrillen abgenommen wurden, damit sie sich nicht mehr schützen können, falls sie auf die Straße gehen wollen. Viele Demonstranten haben sich vor dem deutschen Krankenhaus in Taksim versammelt. Immer wieder schießt die Polizei mit Wasserwerfern.

Grünen-Chefin Claudia Roth schilderte den Polizei-Einsatz später in dramatischen Worten. "Wir versuchten zu fliehen, und die Polizei verfolgte uns. Es war wie im Krieg", sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters. Roth musste sich selbst behandeln lassen, nachdem sie in die Schwaden von Tränengas geraten war.

Die Stadt ist von Pfeffergas vernebelt

"Die Regierung sollte nicht zurücktreten, sie sollte geschlossen Selbstmord begehen", sagt eine junge Ärztin, die sich in eine Hotellobby am Gezi-Park gerettet hat. Die Mitarbeiter haben die Lichter ausgeschaltet, die Jalousien runtergefahren. Auch sie haben Angst, dass sie angegriffen werden wie die Hotels in der Nachbarschaft, weil sie den Demonstranten Unterschlupf gewähren.

In allen umliegenden Stadtteilen gehen die Straßenschlachten bis zum Morgengrauen weiter. Der staatsnahe Sender Habertürk strahlt in der Zeit eine Sendung zur mexikanischen Küche aus. Im Nachbarviertel Osmanbey brennen Autos. An den Straßenrändern stehen Wasserwerfer der türkischen Gendarmerie. Im Nobelviertel Nisantasi bauen die Bewohner Barrikaden gegen die Polizeigewalt.

In Ankara und Izmir sitzen die Menschen auf den Straßen. Istanbuler von der asiatischen Seite sind zum Fußmarsch aufgebrochen Richtung Taksim, sie wollen über die Bosporus-Brücke.

Auch die Studenten sind unterwegs auf den Istanbuler Straßen. An diesem Sonntagmorgen finden die Zugangsprüfungen für die Universitäten im Land statt. Die Stadt ist mit Pfeffergas vernebelt, überall haben die Regierungsgegner neue Barrikaden errichtet. Der Gouverneur wünscht per Twitter den jungen Leuten viel Glück und sagt, die Straßen seien jetzt frei.

Mit Material der Agentur dpa

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1. Die schlagen und treten ihr eigenes Volk
Thomas.A. 16.06.2013
Die schlagen und treten ihr eigenes Volk - das ist erschütternd und extrem traurig. In der nicht hinterfragten Unterordnung an ihren Befehlshaber und ihrem Beruf, verlieren Menschen ihr Mitgefühl und Menschlichkeit. Jeder dieser Polizisten wird sich eines Tages fragen müssen: was habe ich da getan? - wenn er in das Gesicht einer Frau schaut, die ihr Auge verloren hat - und wenn dies erst in den letzten Sekunden seines Lebens sein wird - er wird sich diese Frage stellen müssen.
2. Gewalt gegen das eigene Volk
Thomas.A. 16.06.2013
Die schlagen und treten ihr eigenes Volk - das ist erschütternd und extrem traurig. In der nicht hinterfragten Unterordnung an ihren Befehlshaber und ihrem Beruf, verlieren Menschen ihr Mitgefühl und Menschlichkeit. Jeder dieser Polizisten wird sich eines Tages fragen müssen: was habe ich da getan? - wenn er in das Gesicht einer Frau schaut, die ihr Auge verloren hat - und wenn dies erst in den letzten Sekunden seines Lebens sein wird - er wird sich diese Frage stellen müssen.
3. Jetzt
Gangolph 16.06.2013
bin ich aber mal auf die Meinungen und Argumente derer gespannt, die in den letzten Tagen hier vehement die Vorgehensweise der Regierung gelobt haben. Nun?
4. das ist erst der Anfang.
schelmig13 16.06.2013
zuerst Strassenschlachten mit der Polizei, dann die ersten Toten, dann Armeeeinsatz und Bürgerkriegsähnliche Zustände und schon hat Erdogan das Problem seines Lebens. Er hört ja jetzt schon nur noch auf seine AUSGESUCHTEN Speichellecker. Ich dachte Erdogan hätte aus Syrien gelernt, war wohl nix. Soviel Alters-Dummheit zzz.
5. Super
Jm68 16.06.2013
Das ist Demokratie in der Türkei. Knüppel gegen das eigene Volk. Schickt den Erdogan nach Syrien. Da kann er mit seinen Bruder weiter Krieg spielen. Und schon bin ich gleich wieder Rassist
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