Terror in Istanbul Türkischer Geheimdienst warnte Polizei vor Anschlag

Der türkische Geheimdienst hat offenbar mit einem Anschlag auf Touristen gerechnet - und die Polizei zweimal gewarnt. Doch wer steckt hinter der Attacke von Istanbul? Fahnder suchen nach 19 verdächtigen Frauen und Männern aus Syrien.

Von , Istanbul


Touristen, diplomatische Vertretungen, Büros der Nato und internationaler Organisationen sowie Ausländer ganz allgemein sind in der Türkei offenbar Ziel der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS): Das geht aus Informationen des türkischen Geheimdienstes MIT hervor. Zweimal, am 17. Dezember 2015 und am 4. Januar 2016, soll der MIT die Regierung in Ankara und Sicherheitsbehörden über seine Erkenntnisse informiert haben, berichtet die Tageszeitung "Hürriyet". Ein hochrangiger Polizist bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass es "entsprechende Warnungen" gegeben haben soll.

Demnach bereite der IS Angriffe in türkischen Städten vor, und man gehe davon aus, dass Selbstmordattentäter nach Ankara und Istanbul gelangt seien, heißt es in den Warnungen. Nach Angaben von "Hürriyet" seien deshalb die Polizeizentralen und Anti-Terror-Einheiten in beiden Städten sowie Sicherheitskräfte entlang der türkisch-syrischen Grenze informiert worden.

In der zweiten Warnung wurde demnach namentlich auf Verdächtige hingewiesen, die sich in der Türkei aufhalten sollen, darunter neun Frauen und zehn Männer aus Syrien. Diese Personen würden immer noch gesucht.

Video zur Explosion in Istanbul: "Angriff auf das Herz der Türkei"

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Nach Angaben deutscher Sicherheitskreise ist der MIT gut informiert über die Aktivitäten des IS. "Die sind nah dran und haben ein gutes Netzwerk an Informanten, sowohl im eigenen Land als auch in Syrien und im Irak", sagte ein deutscher Sicherheitsexperte. Die Türken sollen Deutschland auch vor mutmaßlichen Vorbereitungen von Anschlägen in München in der Silvesternacht gewarnt haben. Es habe in sechs Ländern gleichzeitig Anschläge geben sollen, hieß es.

Hinweise über einen geplanten Anschlag in München hatten auch der deutsche Geheimdienst BND und die US-Bundespolizei FBI erhalten. Als sich die Informationen verdichteten, wurden der Münchner Hauptbahnhof und der Fernbahnhof in Pasing evakuiert und für mehrere Stunden gesperrt. Das neue Jahr begann in München mit Terroralarm. Nach sieben möglichen Tätern wurde gesucht, die ein Informant im Irak dem BND genannt hatte.

Deutschland schätzt den MIT

Nach dem Jahreswechsel, am 4. Januar, warnten die Türken dann mehrere Länder erneut vor möglichen Anschlägen, darunter Deutschland, die Niederlande und Frankreich. Der MIT übermittelte diesmal die Namen von 13 potenziellen Selbstmordattentätern. Die Erkenntnisse stammen aus der Vernehmung zweier IS-Mitglieder, die in Ankara festgenommen wurden, heißt es.

Schon im Oktober hatte der MIT Warnungen herausgegeben und nach vier mutmaßlichen IS-Terroristen gesucht, darunter nach einer Frau mit deutschem Pass. Damals hieß es, die vier wären von Syrien aus in die Türkei eingereist und planten nun einen Anschlag, möglicherweise auf eine Bosporus-Fähre oder eine U-Bahn in Istanbul, oder die Entführung eines Flugzeugs.

Aus Deutschland heißt es, man nehme Warnungen des türkischen Geheimdienstes "sehr ernst" und arbeite eng mit ihm zusammen - auch weil Frankreich Hinweise der Türken vor dem Terror von Paris im November 2015 ignoriert hatte. Nach Angaben aus der Regierung in Ankara hatten türkische Sicherheitsbehörden Frankreich zweimal über den Aufenthaltsort von Ismaël Omar Mostefaï informiert, der sich später als einer der Angreifer im Pariser Konzertsaal Bataclan herausstellte. Der 29-Jährige sprengte sich in dem Saal in die Luft, insgesamt 89 Menschen wurden dort getötet.

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Terror in Istanbul: Anschlag mitten im Touristenviertel
Aus der türkischen Regierung ist zu hören, die Gefahr von Anschlägen sei "längst nicht gebannt". Nun befürchten Politiker, vor allem aber die Geschäftsleute vor Ort - Restaurant- und Hotelbetreiber, Markthändler, Souvenirverkäufer -, dass der in letzter Zeit ohnehin schwache Tourismus noch weiter einbricht. Deshalb, sagt ein Regierungsvertreter, wolle man die Warnungen "ernst nehmen, aber keine Panik schüren", sondern "besonnen" gegen Terroristen vorgehen.

Der Chef der größten Oppositionspartei CHP kritisierte die Regierung dafür, den Terror kleinreden zu wollen. "Eine Bombe explodiert im Zentrum des Tourismus, und was machen Sie? Sie verhängen eine Nachrichtensperre, noch bevor die Krankenwagen weggefahren sind", sagte Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu.

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