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Eurokrise im Süden: Erst Griechenland - dann Italien?

Von , Rom

Italiens Premier Renzi (Archivbild): Ansteckungseffekt? "Völlig ausgeschlossen" Zur Großansicht
REUTERS

Italiens Premier Renzi (Archivbild): Ansteckungseffekt? "Völlig ausgeschlossen"

Die Krise in Griechenland kommt für Italien denkbar ungelegen. Auch die Regierung in Rom kämpft mit miesen Wirtschaftsdaten und aggressiven Eurokritikern.

Die Stimmung in der Wirtschaft lässt sich an der Börse messen. Kaum war - zwei Tage vor Silvester - klar, dass in Griechenland am 25. Januar ein neues Parlament gewählt wird und die europakritische Linke dabei gute Siegchancen hat, reagierten Europas Märkte.

Allerdings sehr unterschiedlich.

Die Finanzplätze in London, Paris und Frankfurt nahmen das Ereignis zunächst kaum zur Kenntnis und demonstrierten damit Gelassenheit. Ähnliches signalisierten viele Politiker, allen voran die in Berlin. Selbst der "Grexit" (englisch aus: Greek und exit), der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, sei kein großes Problem. Der Rest Europas sei heute viel besser vorbereitet als zu Beginn der Krise vor ein paar Jahren.

In Athen dagegen fielen die Börsenkurse gleich am Tag der Wahlankündigung um knapp vier Prozent. Bis zum Anfang dieser Woche büßte der Leitindex rund 20 Prozent ein. Kursverluste, wenn auch zunächst nur leichtere, gab es unmittelbar auch in Madrid und in Mailand.

Bange, seit zwei Jahren verdrängte Fragen werden in Südeuropa jetzt allerdings wieder gestellt: Was kommt auf uns zu, wenn Athen den Kommandos aus Brüssel, den Forderungen aus Berlin nicht mehr folgen mag? Was ist, wenn Griechenland wieder in einen Krisenstrudel gerät, die Staatspleite droht? Was bedeutet das für uns?

"Nichts Ernstes", versichert Italiens Regierungschef Matteo Renzi seitdem immer wieder. "Einen Ansteckungseffekt zwischen Griechenland und Italien halte ich für völlig ausgeschlossen." Was soll Renzi anderes sagen? In Wirklichkeit befindet sich Italien freilich in größter Ansteckungsgefahr - ökonomisch und politisch.

Im Kern fordert der Chef der griechischen Linkspartei Syriza, Alexis Tsipras, ja nicht viel anderes als seine potenziellen Kollegen in Rom und Paris, nur eben konsequenter. Europa müsse:

  • den von Berlin verordneten Sparkurs verlassen;
  • der Wirtschaft Impulse geben und damit Wachstum anregen;
  • die Kaufkraft erhöhen;
  • Arbeitsplätze schaffen - auch über Schulden;
  • den Schuldenschnitt erwägen.

Italiens Bilanz: Drei bis vier Millionen Arbeitsplätze verloren

Italien dümpelt in einer Rezession, die Industrieproduktion ist seit 2007 um etwa ein Viertel geschrumpft, drei bis vier Millionen Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Nur der historisch niedrige Zinssatz ermöglicht derzeit ein halbwegs ordentliches Schuldenmanagement.

Kein Wunder, dass auch in Italien, wo die Menschen am 1. Januar 2002 noch ausgelassen über die ersten Euroscheine jubelten, die Eurogegner inzwischen zulegen. Zwei Parteien fordern inzwischen die Rückkehr zur Lira. Die "Lega Nord", einst mit Parolen gegen die "faulen" Süditaliener und das "diebische Rom" auf Stimmenfang, schien eigentlich erledigt. Seit sie jedoch "Europa" als neues Feindbild entdeckt hat, macht sie Boden gut. Anführer Matteo Salvini schwärmt für Frankreichs Marine Le Pen und sagt wie diese: "Wir wollen raus aus dem Euro."

Auch für den Blogger und früheren TV-Komiker Beppe Grillo stellt sich nicht mehr die Frage, "ob wir die Eurozone verlassen sollten". Es gehe nur noch darum, das "so schnell wie möglich" zu tun. Und Grillos Fünf-Sterne-Bewegung ist immerhin zweitstärkste Partei Italiens. Der Euro, sagt Grillo, sei sowieso nur für "Deutschland und die Finanzoligarchien" erfunden und eingeführt worden.

Bei alledem steckt Roms Regierungschef Matteo Renzi in einer Zwickmühle: Steht er Alexis Tsipras, dem Rebellen aus Athen, offen bei, macht er sich beim internationalen Finanzkapital unbeliebt. Umschuldungen und neue Kredite für Italien würden teurer, ausländische Investitionen spärlicher. Außerdem dürfte er so die sparfreudigen EU-Regierungschefs rund um Angela Merkel gegen sich aufbringen. Mit Gefälligkeiten für sein Land, etwa bei wieder einmal überhöhten Schulden, ist dann nicht mehr zu rechnen. Ob sein sozialistischer Genosse in Paris, Präsident François Hollande, ihm beisteht, ist keinesfalls sicher.

Unterstützt Renzi den Griechen dagegen nicht, macht er sich daheim unglaubwürdig; schließlich hat er immer wieder massiv das Spardiktat von "La Merkel" kritisiert und eine Allianz der Südländer angekündigt. Seine eurokritischen Gegner bekämen Aufwind.

So oder so: Können Athen und Europas Hardliner sich nicht verständigen und es kommt zum Euro-Ausschluss, -Austritt oder schlicht zum Bankrott Griechenlands, würden die Folgen Renzis Italien hart treffen.

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1. Italien ist pleite...
fatherted98 06.01.2015
...das ist doch schon lange ein Fakt. Man wagt es nur nicht als Faktum wahrzunehmen...ähnlich Griechenland. Was soll das rumgezerre....mit einem Schlag den Euro auf die Nordalpen ziehen...der Rest geht zur Altwährung zurück...Frankreich wird uns noch genug auf der Tasche liegen. Dieses ganze Währungsprojekt war von Anfang an schlecht gemacht und wird mit der Zeit nicht besser. Die Rückkehr zur Eigenwährung würde die EU nicht schwächen sondern stärken...aber der Gesichtsverlust für unsere Polit-Nieten wäre wohl zu groß.
2. heute so, morgen anders
Ostschweiz 06.01.2015
Die Medien helfen der Situation auch nicht wirklich. Alles wird dramatisiert - ob positiv oder negativ. Heute Friede, Freude Eierkuchen und tagsdarauf geht die Welt oder die EU zum 135. Mal unter. Vielleicht wärs das Beste, wenn der Kasperliverein wieder auseinanderbricht. Dann hätten wir hier in der Schweiz auch Ruhe und könnten wieder in D-Mark und Schilling mit Euch Handel betreiben. Derzeit kämpft die Nationalbank wieder extrem, dass der Franken nicht stärker wird. 500 Milliarden Ramschwährung hat sie schon eingekauft mit dem gedruckten Geld. Letztes Jahr 30 Milliarden Gewinn gemacht damit, was wieder die Kehrseite ist. Ob der Misswirtschaft der EU kann man auch Geld verdienen.
3.
muellerthomas 06.01.2015
Zitat von fatherted98...das ist doch schon lange ein Fakt. Man wagt es nur nicht als Faktum wahrzunehmen...ähnlich Griechenland. Was soll das rumgezerre....mit einem Schlag den Euro auf die Nordalpen ziehen...der Rest geht zur Altwährung zurück...Frankreich wird uns noch genug auf der Tasche liegen. Dieses ganze Währungsprojekt war von Anfang an schlecht gemacht und wird mit der Zeit nicht besser. Die Rückkehr zur Eigenwährung würde die EU nicht schwächen sondern stärken...aber der Gesichtsverlust für unsere Polit-Nieten wäre wohl zu groß.
Woran machen Sie die angebliche Pleite Italiens fest? Primärüberschuss seit 1992 (mit kleiner Unterbrechung 2009), zwischen Mitte der 90er und 2007 sank die Staatsschuldenquote so um 17 Prozentpunkte und voraussichtlich wird die Schuldenquote auch ab 2015 wieder fallen.
4. ................
lupenrein 06.01.2015
Polen at inzwischen auch schon um Rettung ihrer Banken bei der EU angefragt. Was kann SPON darüber berichten ? Was meint wohl Merkel dazu ?
5. Frankreich oder Italien
waltraudnetwall 06.01.2015
sind bald auf Milliarden angewiesen.Aber man kann es sich an 10 Finger abzählen , zumindestens Frankreich wird mit viel Protesten in der Bevölkerung revhnen müssen.Diese sind nicht gewillt die damit verbundenen Reformen umzusetzen. Stillhalten war bisher nur bei uns dummen Deutschen angesagt.Wird sich mit Sicherheit bald ändern.
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Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,796 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Matteo Renzi

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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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