Flüchtlingslager in Italien Profiteure des Elends

Italien kann die vielen Flüchtlinge kaum noch bewältigen. Andererseits lassen sich mit ihrem Leid lukrative Geschäfte machen - auch die Mafia mischt mit. Besuch im größten Flüchtlingslager Italiens.

REUTERS

Aus Mineo auf Sizilien berichtet


Die Orangenbäume blühen, das breite Tal legt den Blick frei auf den schneebedeckten Ätna. Die pastellfarbenen Häuschen der Unterkunft sind gleichförmig wie in einer amerikanischen Vorstadt. Italiens größtes Flüchtlingslager steht inmitten einer Postkartenidylle.

Doch an den Toren stehen Soldaten mit Maschinenpistolen, sie fahren mit Jeeps vor dem Lager auf und ab, auf deren Türen "Operation Sichere Straßen" steht. Willkommen in der Aufnahmeeinrichtung Cara in Mineo.

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4000 Flüchtlinge passen in diese Siedlung mitten im sizilianischen Nirgendwo, sie ist damit eine der größten in Europa. Zu den neueren Bewohnern gehören 19 der 28 Überlebenden des größten Schiffbruchs auf dem Mittelmeer vor gut einer Woche. Andere hängen hier schon seit Jahren fest.

15.000 Migranten sind allein im April an Italiens Küsten gelandet. Während das Land unter dem Ansturm ächzt, haben sich längst diejenigen zusammengefunden, die damit ein gutes Geschäft machen. Im Lager von Mineo gehören dazu Schleuser, Schwarzmarkthändler und Unternehmer, die mit der Unterbringung von Flüchtlingen plötzlich Millionen verdienen. Auch die Mafia hat den Geschäftszweig für sich entdeckt.

In Mineo, wo laut italienischem Innenministerium derzeit 3241 Flüchtlinge aus mehr als 30 Ländern sitzen, es in Wahrheit aber noch deutlich mehr sein könnten, stellt sich der boomende Wirtschaftszweig wie folgt dar.

  • Der Schwarzmarkt

Rund um das Aufnahmelager hat sich eine Mikroökonomie entwickelt. Hunderte der Nigerianer, Malier, Pakistaner stellen sich morgens an eine Straßenabzweigung in der Nähe und warten auf Arbeit - irgendeiner der Bauern braucht immer jemanden zum Orangen- oder Tomatenpflücken. Zehn Euro pro Tag gibt es dafür, ein Viertel des Lohnes, den Italiener bekämen. Aber immer noch ansehnlich im Vergleich zum täglichen Taschengeld von 2,50 Euro, das sie im Lager bekommen.

Es blüht auch der Handel mit den elektronischen Karten, ohne die kein Bewohner am Eingang herein- oder herauskommt. Bewohner vermieten ihre "Badges" immer wieder an jemanden, der Essen und Unterkunft braucht und halbwegs ähnlich wie sie aussieht. Denn genauer wird am Eingang trotz der mit Maschinenpistolen bewaffneten Soldaten nicht hingeschaut.

Im Inneren gibt es wenig, das es nicht gibt. Pakistaner haben einen Souk aufgebaut, es gibt ein Bordell mit nigerianischen Frauen. Das berichten Sozialarbeiter. Ohne Genehmigung der Präfektur darf man das Lager nicht betreten.

  • Das Millionengeschäft Unterbringung

Diese kleine Lagerökonomie ist nichts gegen das große Geschäft mit der Unterbringung. 100 Millionen Euro hat der Staat bereits für das Lager an das Betreiberkonsortium gezahlt. Die Vergabe steht unter Korruptionsverdacht.

Nachdem die Regierung Silvio Berlusconis 2011 einen "Flüchtlingsnotstand" ausgerufen hatte, schossen solche Zentren im Süden Italiens aus dem Boden - 45 Euro stellte der Staat den Betreibern pro Tag und Bewohner in Aussicht. Für die "Orangen-Residenz" in Mineo ein Segen. Sie war gerade erst von jenen Familien von US-Soldaten verlassen worden, für die sie einst gebaut worden war. Nun gab es eine Anschlussverwendung, schon nach Wochen zogen Flüchtlinge ein.

Zwar ist der Tagessatz seitdem auf 34,60 Euro gesunken. Doch rechnet man ihn auf die 3200 Bewohner hoch, landet man bei 40 Millionen Euro im Jahr.

Das Geschäft haben auch andere gewittert. Gianni Occhipinti, Vizechef der Berlusconi-Partei Forza Italia auf Sizilien, wetterte zwar öffentlich ein ums andere Mal gegen die Rettungsmission "Mare Nostrum". Das hinderte ihn aber nicht daran, seinen Nachtklub "Tropicana" im nahen Ragusa zur Flüchtlingsunterkunft umzufunktionieren, samt Bettenlager auf der Tanzfläche. In Catania beherbergen nun mehrere Drei-Sterne-Hotels minderjährige Flüchtlinge. Sichere Einnahmen im armen Süditalien.

  • Die Mafia
Natürlich mischt auch die Mafia längst mit. Als die Polizei 2014 ein großes Netzwerk in Rom ("Mafia Capitale") aufdeckte, zeigte sich, dass es im großen Stil Flüchtlingsunterkünfte für die Hauptstadt betrieb. Einer der Bosse prahlte in einem abgehörten Telefonat: "Mit Flüchtlingen lässt sich längst mehr Geld verdienen als mit Drogen."

Die örtliche Verwaltungen sind heilfroh, wenn ihnen jemand die Versorgung der Flüchtlinge abnimmt - und stellen nicht viele Fragen. Die privaten Betreiber, ob mafiaverbandelt oder nicht, sind nur verpflichtet, Betten und drei Mahlzeiten pro Tag zu stellen. Sprachkurse oder Therapiesitzungen gibt es oft nicht. In Mineo führt das zu unwürdigen Zuständen. Die Häuser, die einst für eine typische amerikanische Familie entworfen wurden, sollen bis zu zwölf Flüchtlinge beherbergen. "Auch im Badezimmer schlafen sie", sagt eine Flüchtlingshelferin aus Catania. Für Matratzen gebe es in vielen Häusern keine Laken. Bilder, die ein Reporter der Zeitung "Il Fatto Quotidiano" vor einem Jahr heimlich machte, scheinen das zu bestätigen.

  • Die Schleuser

Als Fahnder nach monatelangen Ermittlungen zum Schiffsunglück von Lampedusa im Oktober 2013 in der vergangenen Woche 25 Schleuser in Italien hochgehen ließen, marschierten Polizisten auch in Mineo ein. Sie nahmen mehrere Bewohner fest - diese sollen direkt aus dem Lager ein Schleusernetzwerk unterhalten haben.

Laut den Ermittlern holten die Festgenommenen jene Kunden, die bereits in Äthiopien oder Libyen den Transport nach Nordeuropa gebucht haben, in Mineo zusammen, ließen sie dort auf Staatskosten leben und genug Geld verdienen, bis sie den Weitertransport bezahlen konnten.

Der dickste Fisch der Operation "Glauco II" ging den Ermittlern am Flughafen Rom ins Netz: Der Eritreer Asghedom Ghermay verwaltete mit seinem Bruder Ermias das Flüchtlingsbusiness zwischen Tripolis und Sizilien. Ermias soll das Schiff der Lampedusa-Tragödie im Oktober 2013 losgeschickt haben und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Die Polizei präsentierte die Preisliste der Brüder. Der durchschnittliche Preis für eine Reise, beispielsweise aus Äthiopien, liegt bei 4600 Euro, die Fahrt übers Mittelmeer kostet knapp 1400 Euro. Das Ausschleusen aus einem Lager wie Mineo allein etwa 370 Euro. 1400 Euro kostet die Weiterreise nach Deutschland, Frankreich oder Schweden.

Asghedom war selbst nach einer Fahrt über das Mittelmeer auf Sizilien gelandet und in Mineo untergekommen. Monatelang soll er seine Geschäfte aus der Flüchtlingsunterkunft betrieben haben.

Im Video: Unterwegs mit libyschen Schlepperbanden

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Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

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