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23. Februar 2013, 18:45 Uhr

Italiens Wahlkampf

Finale des Irrsinns

Von Fiona Ehlers, Rom

Bersani, Monti, Grillo oder doch der Cavaliere? Italien hat vor der Wahl am Sonntag und Montag eine verrückte Kampagne erlebt. Den Vogel schoss Berlusconi ab: Er versprach, Hausbesitzern die Steuer aus eigener Tasche zu bezahlen - und fragte eine Frau vor laufender Kamera, wie oft sie komme.

Seit Mitternacht wird geschwiegen. "Silenzio elettorale" nennt man das in Italien. Die Stille vor der Wahl. Orangefarbene Müllwagen fegen seit dem frühen Morgen über die Piazza vor der Lateranbasilika, auf der Beppe Grillo nachts zuvor eine halbe Million wütende "Grillini" versammelt hatte, sich heiser schrie, gegen Angela Merkel wetterte und für den Austritt aus der Währungsunion.

Jetzt ist Kehraus, endlich herrscht Ruhe. Am Montagabend wird es von vorne beginnen, das gegenseitige Beschimpfen, Taktieren, das sich Aufplustern der guten Show wegen. Aber bis dahin tagt erst einmal das Konklave der Repubblica Italiana. Bis Montag um 15 Uhr wählen rund 50 Millionen Italiener 630 Abgeordnete und 315 Senatoren. Der Wahlausgang ist völlig offen, unter Umständen wird es nicht für eine stabile Mehrheit reichen. Die Fragen sind ernst: Ist Italien regierungsfähig, oder wird ein politischer Stillstand die Reformen blockieren? Muss es gleich wieder Neuwahlen geben? Und wie reagieren die Märkte?

Wie die große italienische Oper

Es war einer der verrücktesten Wahlkämpfe, den dieses Land je erlebt hat. Er dauerte gerade einmal einen Monat. Er fand hauptsächlich im Fernsehen statt, einzig Grillo füllte die Plätze von Sizilien bis Südtirol. Es war wieder große italienische Oper. Es ging um Personen, ihr Gebrüll ersetzte die Inhalte, aber die Wähler fühlten sich bestens unterhalten. Und beinahe täglich kamen neue Enthüllungen zu Tage, Korruptionsskandale bei der Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena und der Rüstungsindustrie, die ließen die etablierten Parteien alt aussehen und half Schreihälsen wie Grillo.

Sogar Hunde spielten eine Rolle. Berlusconi zeigte seinen Boxer im Fernsehen, Monti adoptierte den Mischling "Empy", Abkürzung von "empatia", Mitgefühl. Im Fernsehstudio trank Monti Bier, aus Freundschaft mit den Deutschen, locker sollte das wirken, es wirkte unbeholfen. Wenn es diese Szene ist, die von Monti bleibt, wäre das katastrophal. Einen solchen Abgang hätte er nicht verdient.

Angesichts der ernsten Lage in Europa war dieser Wahlkampf eigentlich unzumutbar. Man könnte auch sagen: eine Schande. Aber Deutsche sollen sich ja nicht einmischen. Das können die Italiener überhaupt nicht leiden. Das nahmen sie schon Schäuble und Westerwelle übel. Dann doch lieber adoptierte Hunde und die großen Gesten.

Chaos und Demagogie

Es wurde so getan, als hätte es die Zäsur Mario Monti nie gegeben. Als hätte das vergangene Jahr nicht bewiesen, dass sogar in Italien Veränderung möglich sind. Dass es Regeln gibt, an die sich alle zu halten haben. Dass Talent zählt, nicht Vetternwirtschaft. All das war plötzlich möglich, und Montis schnelle, effiziente und unaufgeregte Rettung des Landes verwies die politischen Parteien in die zweite Reihe. Ein Jahr lang hatten sie nichts zu melden. Jetzt aber wüten sie wieder. Chaos und Demagogie, als sei nichts gewesen, als sei Italien eine Insel im Nirgendwo und nicht mitten in Europa und eine Gefahr.

Wenn Grillo mit seiner Protestbewegung "Movimento 5 Stelle" zu den Überraschungen in diesem Wahlkampf zählte, dann auch Mario Monti. Ein Jahr lang war er der Saubermann, der das Land reformieren durfte und im Ausland dafür bewundert wurde. Dass er nach langem Zögern überhaupt in Niederungen der Politik hinabgestiegen ist, spricht für sein Verantwortungsbewusstsein.

Aber Monti, so sieht es jetzt aus, hat seine Popularität in Italien überschätzt. In den letzten Wahlprognosen - offiziell dürfen zwei Wochen vor den Wahlen keine Umfragen mehr veröffentlicht werden - liegt Monti knapp unter zehn Prozent, das wäre weniger als die Hälfte von Grillo, und würde eventuell nicht ausreichen für eine Koalition mit dem Mitte-links-Bündnis.

Gegen Berlusconi ist ein Dirndl-Spruch harmlos

Keine Überraschung hingegen: Berlusconi, wer sonst. Zum fünften Mal trat er an fürs Amt des Premierministers, Wahlkampf machen kann er wie kein anderer. Zum Auftakt war er mutig genug, in die Talkshows seiner größten politischen Feinde zu gehen, zu den Journalisten Michele Santoro und Marco Travaglio etwa. Dort zog er sein Stofftaschentuch aus der Anzugtasche und wischte den Stuhl, bevor er sich setzte. Das fanden viele Italiener spektakulär, wenn eine Geste aus diesem Wahlkampf im Gedächtnis bleibt, dann diese.

Auf einer Wahlveranstaltung fragte Berlusconi vor laufenden Kameras eine 30-jährige Expertin für Solarenergie, wie oft sie komme. Die verstand die Frage nicht, sagt "drei- viermal", die Männer im Publikum johlten, Berlusconi sagt, "na, das klingt doch gut, wo darf ich meine Telefonnummer hinschreiben?" Dagegen sind Dirndl-Anmachsprüche von deutschen Politikern so harmlos wie Stoßseufzer römischer Nonnen.

Ansonsten die üblichen Wahlversprechen: Grillo gelobte 1000 Euro im Monat für jeden Italiener, arbeitslos oder nicht, egal. Berlusconi versprach eine Amnestie für Steuerhinterzieher und die Rückerstattung der Immobiliensteuer auf das Eigenheim. Millionen Haushalte bekamen schon einen Brief, darin hieß es: "Die Erstattung kann auf Ihr Konto überwiesen oder persönlich am Postschalter abgeholt werden." 80 Prozent aller Italiener sind Hausbesitzer, es geht um vier Milliarden Euro, wenn nötig, würde sie der Cavaliere aus eigener Tasche bezahlen, ließ er am heutigen Samstag verlauten. Vom verbleibenden Rest könne er immer noch gut leben.

Wenn Monti verliert, sagte Berlusconi, werde er sich öffentlich betrinken. Er gab alles, bis zur totalen Erschöpfung. Wie Grillo, der andere Populist, war auch er am Ende heiser und zufrieden.

Komplizierte Metaphern

Die einzigen, die einen fairen, glaubhaften Wahlkampf hingelegt haben, waren die Sozialdemokraten um Pier Luigi Bersani, Spitzenkandidat des Mitte-links-Bündnisses. Im November wurde er von drei Millionen Italienern bei Urwahlen bestätigt, seine Herausforderer hatten sich allesamt selbst ernannt.

Bersani sprach oft in komplizierten Metaphern, vom Leoparden, den er von seinen Flecken reinwaschen wolle, sprich: das Land vom Berlusconismus befreien. Insgesamt aber, tutto sommato, bot er als einziger Substanz. Die Reformen will er weiterführen, wirtschaften kann der ehemalige Minister unter Romano Prodi auch, wie wichtig ihm soziale Gerechtigkeit ist, machte er deutlich. Er ist kein Populist, sondern Demokrat. Der glaubwürdigste von allen. Wird das reichen?

Bis Montag also herrscht in Rom eine Art Machtvakuum. Monti trat kurz vor Weihnachten zurück, am nächsten Donnerstag geht der Papst. Der italienische Staatspräsident ist auch nicht mehr lange im Amt, dem Trainer des Hauptstadtclubs AS Rom wurde gerade gekündigt. Was wird werden? Bis Montagmittag tagt das Konklave, die Italiener haben die Wahl.

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