Willkommenskultur in Italien Benvenuti, liebe Flüchtlinge!

Migranten können auch ein Segen sein, findet ein kalabrischer Bürgermeister. Er heißt die Menschen willkommen - und lässt sein Dorf neu erblühen.

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Die 50 wichtigsten Menschen, "die die Welt verändern", präsentiert alljährlich die US-Zeitschrift "Fortune". Zu denen gehören Amazon-Chef Jeff Bezos, Deutschland-Chefin Angela Merkel, Katholiken-Chef Papst Franziskus - und ein gewisser Domenico Lucano, 57 Jahre alt, genannt "Mimmo".

Der weithin eher wenig bekannte Weltveränderer ist der Chef von Riace, einem Dorf in Kalabrien, am entlegenen Südostrand Italiens, 2000 Einwohner. Dort zeigt Bürgermeister "Mimmo" Lucano seinen Nachbarn und der ganzen Welt, dass Flüchtlinge nicht nur eine Last, sondern auch ein Segen sein können. Er sagt: "Wir empfangen Flüchtlinge mit offenen Armen."

Bis zum 1. Juli 1998 war Riace, wie fast alle Dörfer in der strukturschwachen Region, dem Untergang geweiht. Von einst 3000 Einwohnern waren gerade noch 800 übrig. Die letzte Pizzeria, die letzte Eisdiele hatten dichtgemacht.

An jenem Tag aber strandete ein Schiff, das eigentlich mit Kurs auf Griechenland unterwegs war, an der nahen Küste. An Bord waren 218 halb verhungerte Kurden, die um Asyl baten. Sie wurden freundlich aufgenommen, und "Mimmo" hatte eine Idee.

Die Umsetzung dauerte ein paar Jahre. Er musste erst einen Verein gründen, "Città Futura" ("Stadt der Zukunft"), und Bürgermeister werden. Heute blüht seine Gemeinde - dank 500 ansässiger Migranten.

Sie kamen aus Tunesien, Senegal, Eritrea oder Syrien, illegal, fast keiner hatte eine Aufenthaltserlaubnis. Aber das störte niemanden. Sie bekamen eine Wohnung - Leerstand gab es genug -, Ausbildung, Betreuung. Im Gegenzug renovierten sie die verfallenen Häuser, brachten die verwilderten Weinberge und Olivenhaine wieder in Form. Viele sind seither weitergezogen. Gut gerüstet für bessere Jobs andernorts. Ihre Nachfolger arbeiten heute Seite an Seite mit Einheimischen bei der Straßenreinigung, der Müllabfuhr, in Bars und Pizzerien, oder sie töpfern, weben, häkeln. Sie wohnen mietfrei und bekommen 250 Euro im Monat fürs Essen, das Handy und den Kaffee in der Bar.

Das Geld dafür kommt aus Rom. Der italienische Staat zahlt der Gemeinde für jeden Asylbewerber 35 Euro am Tag. Das ist günstig. Die Unterbringung in den großen Flüchtlingszentren kostet oft viel mehr und bringt an Integration meist gar nichts.

Angst vor neuen Flüchtlingen aus Libyen

Noch ist Riace, das sich schon am Ortseingang als "Dorf des Willkommens" präsentiert, eine Ausnahme. Zwar werden inzwischen ähnliche Ideen in anderen italienischen Gemeinden erprobt. Aber Mainstream ist das noch nicht. Im Gegenteil, bei vielen Italienern wächst, wie in Deutschland, die Angst vor einer "Überfremdung" durch die Migranten, wächst die Furcht vor importierter Kriminalität und neuer Konkurrenz um die ohnehin knappen Arbeitsplätze.

Schon läuten die Alarmglocken wieder. Hatte sich die Lage im vorigen Jahr etwas entspannt, kommen jetzt, da die Balkanroute blockiert ist, wieder mehr Asylsuchende übers Mittelmeer nach Italien. Wenn das Wetter besser und die Überfahrt damit sicherer wird, verschärft sich die Lage vermutlich. "2016 wird ein neues Rekordjahr werden, was Migrantenankünfte betrifft", verkündet der Bürgermeister der sizilianischen Hafenstadt Pozallo schon vorab. In seiner Stadt befindet sich eines der großen Auffanglager, genannt "Hotspot". Allein in Libyen sollen 500.000 Menschen auf einen Platz an Bord eines Schiffs nach Italien warten. Zahlen und Schuldzuweisungen füllen italienische Zeitungsseiten und TV-Talkshows.

Die einen reden, die anderen handeln

Während die einen sich mit Zahlen überbieten, sind andere aktiv. In vielen Städten und Dörfern Italiens erproben Bürgerinitiativen Projekte für eine kreative "Willkommenskultur". Lokalpolitiker versuchen sich an Ansätzen für eine Flüchtlingspolitik, die Migranten wie Einheimischen Chancen und Vorteile bringen können.

In den Ebenen von Gioia Tauro zum Beispiel, im westlichen Kalabrien. Da nimmt der Staat überführten Mafia-Bossen der Ndrangheta seit vielen Jahren Immobilien und Ländereien weg. Die Häuser und Grundstücke blieben bislang meist ungenutzt. Die einheimische Bevölkerung hatte zu viel Angst vor Racheakten der Clans, wenn sie sich an deren beschlagnahmten Eigentum zu schaffen machte. Und hatte doch mal einer den Mut, einen Mafia-Acker zu bewirtschaften, reichten ein paar Fischköpfe vor seiner Haustür, um die Sache zu beenden.

Da kamen Mitglieder des privaten Anti-Mafia-Vereins "Libera" auf die Idee, Flüchtlinge zu engagieren. Die seien nicht "so konditioniert wie wir", sagten sie, sondern "unbefangen und mutig". Und nun beackern etwa im Valle del Marro Asylbewerber über Hundert Hektar beschlagnahmtes Mafia-Land, sie pflanzen Oliven, Südfrüchte und Kiwis. Abnehmer und Förderer ist eine Supermarktkette aus Florenz.

"Danke, Turin"

Andernorts tun sich Lokalpolitiker, Unternehmer, Handwerker zusammen, um Flüchtlingen die Chance zu geben, sich nützlich zu machen, dabei etwas zu lernen, ein wenig Geld zu verdienen und damit auch die Vorbehalte der Einheimischen abzubauen.

So entstehen Kochschulen und Handarbeitswerkstätten, kleine Non-Profit-Betriebe, die mit neuen Ideen Produkte aus Recyclingmaterial herstellen. In Mestre bei Venedig werden in Kooperation mit einer großen Baufirma Baufacharbeiter ausgebildet. In Jesi in den Marken werden aus Asylbewerbern, wenn sie denn wollen, Reinigungskräfte, Gärtner oder auch Gepäckträger am Bahnhof. Um die 400 Euro bekommen die Flüchtlinge für solche Jobs. Und die Nachfrage ist groß.

Andere arbeiten freiwillig auch ohne Geld. In Reggio Calabria etwa säubern Migranten Parks und Grünflächen. Sie wollten auf diese Weise "ihre Dankbarkeit ausdrücken", sagt Bürgermeister Giuseppe Falcomata. In Turin säubern seit dieser Woche 27 Flüchtlinge, die meisten aus Pakistan und Nigeria, Straßen, Parks und Plätze - jeden Samstag sechs Stunden lang, für zwölf Wochen. Dann sollen andere den Job übernehmen. "Grazie Torino" steht auf ihren leuchtend gelben Westen, "Danke, Turin".

Zusammengefasst: In Italien wächst die Angst vor neuen Flüchtlingen aus Libyen. Während die einen die Furcht vor Überfremdung schüren, versuchen Lokalpolitiker, mit kreativen Initiativen in ihren Gemeinden die bereits angekommenen Migranten zu integrieren. Davon profitieren die Menschen und die Dörfer.

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