Italienischer Senator Iwobi Der schwarze Rechtspopulist

Mit Tony Iwobi wird künftig ein gebürtiger Nigerianer als Senator in Italiens Parlament sitzen - ausgerechnet für die gegen Migranten hetzende Partei Lega. Wie passt das zusammen?

Tony Iwobi
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Tony Iwobi


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Im Wahlkampf trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift "No Invasion": Tony Iwobi ist jetzt der erste schwarze Politiker im italienischen Parlament. Der 62-Jährige wohnt in einem Vorort von Bergamo und stammt aus Nigeria.

Eine schwarze Abgeordnete gab es zwar 2013 im Parlament in Rom bereits. "Ich bin schwarz, nicht farbig", hatte Cécile Kashetu Kyenge damals selbstbewusst gesagt, als Journalisten sich mit der Benennung ihrer Hautfarbe schwertaten. Die im Kongo geborene Augenärztin wurde nicht nur Abgeordnete, sondern sogar Ministerin, zuständig für die Integration von Menschen aus anderen Teilen der Welt.

Das war für viele Italiener zu viel. Vor allem für die Abgeordneten und Anhänger der rechtspopulistischen Partei Lega Nord. Deren Aktivisten warfen ihr bei Veranstaltungen hasserfüllt Bananen zu, und die Lega-Größe Roberto Calderoli, Vizepräsident des Senats, verglich sie mit einem Orang Utan. Die Sozialdemokraten standen empört hinter ihrer Genossin - und waren ob der Aufregung dennoch froh, als sie ein Jahr später ins EU-Parlament wechselte.

Doch jetzt ist alles ganz anders: Ausgerechnet jener Calderoli, noch immer Senats-Vize, ist einer der ersten, der dem Mann aus Nigeria gratuliert und ihn im Senat willkommen heißt. Dort, unter den ehrenwerten Senatoren, in der zweiten, der noblen Kammer des römischen Parlaments wird Tony Iwobi am 23. März seinen Platz einnehmen. Und nicht nur Calderoli, auch viele andere Lega-Leute finden das prima.

Was ist passiert? Hat Italien sich verändert? Oder sogar die Lega?

Nein, es ist viel einfacher: Iwobi ist seit 25 Jahren Lega-Mitglied und bei den Rechtspopulisten zuständig für die Einwanderungspolitik. Um das Thema soll er sich auch künftig im Senat und in der Öffentlichkeit kümmern. Doch die Einwanderungspolitik der Lega ist natürlich eine ganz andere als jene, die von der Sozialdemokratin Kyenge vertreten wurde.

"Unkontrollierte Einwanderung bringt nur Chaos"

Er sei stolz, aber verspüre auch "eine große Verantwortung, die auf mir liegt", sagt der gläubige Katholik Iwobi. "Ich bitte Gott, mir zu helfen, sonst gelingt das nicht."

Sein Leben in Italien ist die Bilderbuchversion von Integration: In Nigeria mit zehn Geschwistern aufgewachsen, studiert Iwobi in England, den USA und schließlich in Italien. Dort bleibt er, heiratet eine Italienerin, jobbt als Pferdeknecht, Maurer, Installateur, Straßenfeger. Durch Zufall erfährt die Chefetage der Mailänder Müllentsorgung, dass der Nigerianer etliche Diplome hat, von Buchhaltung bis Informatik. Er wird angestellt, sein Aufstieg beginnt. Heute ist er Geschäftsführer einer kleinen Internet-Firma, hat einen nigerianischen und einen italienischen Pass, zwei Töchter, Enkelkinder.

Iwobi ist ein angesehener Mann in Spirano, einer Kleinstadt nicht weit von Bergamo, mitten im tiefsten Lega-Land. Seit vielen Jahren ist er im Stadtrat - als Mitglied der Partei, die die "Invasion der Ausländer" stoppen und "die weiße Rasse vor dem Aussterben" bewahren will, wie sie gerade im Wahlkampf allerorten verkündete.

Nur zehn Prozent dürfen bleiben

Für Iwobi passt das gut zusammen. Er sieht nämlich alles ganz genauso wie die Lega oder die Lega so wie er. "Immigration funktioniert nur, wenn sie geordnet und kontrolliert wird", sagt er zum Beispiel, "sonst gibt es Chaos und das bringt dem Land, also Italien oder Deutschland zum Beispiel, nichts. Es bringt den Menschen, die voller Hoffnung nach Europa kommen, nichts." Er trägt das nicht nur vor, er ist davon überzeugt. "Mir kommen die Tränen", erzählt er, "wenn ich durch Italien fahre und sehe die jungen Männer aus meiner Heimat, aus Nigeria, völlig verlassen, auf sich alleingestellt. Sie stehen herum, haben keine Zukunft, keinen Job in Aussicht".

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Ist er nicht auch einst so gekommen? Nein, er ist "immer legal eingereist", mit Studentenvisum. "Und es gab immer Arbeit. Jetzt, wo so viele Menschen kommen, gibt es keine Arbeit, nur Chaos und ein soziales Desaster." Seine Erkenntnis: "Kontrolle ist gut für beide Seiten."

Eine kontrollierte Immigration soll wie folgt funktionieren: "Flüchtlinge, die vor Krieg und Gewalt fliehen, muss man aufnehmen." Solange, "bis die Konflikte in ihrer Heimat beendet sind". Aber deren Anteil an den Migranten, die übers Mittelmeer nach Italien kommen, betrage nur etwa 10 Prozent. Alle übrigen kämen aus wirtschaftlichen Motiven.

"Zurückschicken!", sei die Konsequenz. "Man muss Verträge mit den Heimatländern über die Rückführung abschließen" und "dort im Gegenzug Jobs und Möglichkeiten legaler Migration schaffen, damit Menschen aus Afrika legal nach Europa kommen können."

Iwobi spricht sich dennoch für eine Immigration aus. "Ja", sagt Iwobi, "Einwanderung ist nötig. Aber nur kontrollierte, sonst gibt es soziale Spannungen, Hass und Rassismus."

Gibt es nicht längst Rassismus, insbesondere bei der Lega? Ist er nie Objekt rassistischer Beleidigung geworden? "Ich habe nicht auf die Sprache, auf die Ausdrucksweise geschaut, sondern auf die Inhalte, aufs Programm. Und da ist die Lega nicht ideologisch, sondern pragmatisch: Was kann man machen, muss man machen, was geht, was nicht."

Den "Neger-Legisten" nennen ihn seine Parteifreunde. Scherzhaft natürlich.

Balotelli spricht von "Schande"

Doch wie vor Jahren gegen die schwarze Politikerin meldet sich auch gegen den schwarzen Senator im Parlament wütender Protest. Nur eben von anderer Seite. Mario Balotelli zum Beispiel, der italienische Fußballspieler mit afrikanischen Wurzeln, der in italienischen Stadien immer wieder mit rassistischen Sprüchen beleidigt oder mit Bananen beworfen wurde. Er kritisiert, dass ein Schwarzer wie Iwobi sich ausgerechnet mit der fremdenfeindlichen Lega zusammentut: "Ich bin vielleicht blind, oder vielleicht hat ihm niemand gesagt, dass er schwarz ist", schrieb Balotelli, der derzeit beim französischen Club OGC Nizza spielt, auf Instagram. "Aber es ist eine Schande!"


Zusammengefasst: Toni Iwobi ist der erste schwarze Senator in Italien. Der in Nigeria geborene Politiker sitzt für die ausländerfeindliche Lega im Parlament. Für ihn ist das kein Widerspruch - denn er hat in der Einwanderungspolitik die gleichen Ansichten wie seine rechtspopulistische Partei.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
ky3 19.03.2018
1. Man schaue auf den Inhalt nicht auf die Verpackung
Sie fragen "Wie passt das zusammen?" Sind denn Menschen mit einer anderen Hautpigmentierung für sie anders als andere? Dunkelhäutige sind genauso lieb, klug, asozial, rassistisch, egoistisch, bescheiden, machtgeil, .... wie alle anderen Menschen auch. Was gibt es da zu fragen oder zu wundern? Rothaarige, grünäugige und stark pigmenierte Menschen sind derselbe Quark.
allufewi 19.03.2018
2. Warum nicht?
Haben wir jetzt Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit oder nicht? Warum soll es irgendwie problematisch oder schandhaft sein, wenn ich mich als Schwarzer/Farbiger für eine kontrollierte Einwanderung anstatt Masseneinwanderung unter dem Deckmantel Asyl einsetze? Im Artikel schwingt der Unterton mit, das wäre ja sowas wie Verrat und als Schwarzer *habe* man sich einwanderungspolitisch gefälligst soweit wie möglich nach links zu werfen. (Siehe auch der zitierte Fussballheinz).
besucher-12345 19.03.2018
3. Die Integrierten leiden am meisten unter der Zuwanderung
Hierauf hat bereits Boris Palmer hingewiesen. Denn letztlich schmeissen die Migrationsgegner alle in einen Topf und darunter leiden auch die bereits etablierten Zuwanderer. Was allerdings nicht paßt ist der Hinweis, dass bereits 2013 die erste schwarze Abgeordnete von der Lega beschimpft wurde. D.h. die Lega war damals bereits klar fremdenfeindlich und nicht erst jetzt, wie zuletzt immer zu Lesen war.
seine-et-marnais 19.03.2018
4. Das Multikulti-Problem
Wenn Sie mit Menschen einer anderen Hautfarbe oder Religion zusammenleben, dann ist nicht die Hautfarbe das Problem. In dem Moment in dem man der gleichen Kultur angehört, indem man die gleichen Werte hat, in dem Moment vergisst man innerhalb kürzester Zeit eine Hautfarbe oder eine andere Religion wenn diese dezent gelebt wird. Erfolgt jedoch ein Auftrumpfen, eine Victimisation von Zuwanderern bezüglich ihrer Hautfarbe oder Religion, dann ist eine 'Eingliederung' kaum möglich.
tiggowich 19.03.2018
5. Ähm
Ich finds eigentlich nur immer wieder erstaunlich wie naiv so viele Menschen offensichtlich sind, wenn sie meinen, dass selbst Einwanderer und rechts zu sein sich gegenseitig ausschließen würden. Das Gegengeil ist der Fall! Ähnlich wie in Deutschland ist die Situation nämlich folgende: Diejenigen die hier schon vor längerer Zeit herkamen, meist als Arbeitskraft und sich integriert haben, sind die größten Verlierer der momentanen Immigrationspolitik Europas! Denn die Masseneinwanderung von ungebildeten, schlecht sozialisierten, stark religiösen, meist männlichen Illegalen führt genau dazu, dass die eigentlich gut integrierten, die sich der Gesellschaft ANGEPASST haben, die SPRACHE sprechen und bemüht sind, Teil der Gesellschaft zu sein, jetzt in einen Topf mit den Neuankommenden geworfen werden. Die sind leider zu großem Teil genau das Gegenteil von den ehemaligen Arbeitsmigranten aus den 70ern/80ern. Nicht umsonst haben gerade rechte Parteien und Vereine über ganz Europa enormen Zulauf von „Altmigranten“, insbesondere aus dem ehemaligen Jugoslavien.
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