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Terrorangst in Italien: Tausende Kameras sollen den Petersdom schützen

Von , Rom

Petersdom in Rom: Attraktives Ziel für islamistische Attentäter Zur Großansicht
AFP

Petersdom in Rom: Attraktives Ziel für islamistische Attentäter

Italien im Fadenkreuz der IS-Terroristen: Die Behörden warnen vor einem "wachsenden Risiko" - vor allem rund um den Vatikan. Im Netz tönen die Fanatiker: "Wir wollen Rom erobern".

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64 Seiten hat die Broschüre, die auf islamistischen Webseiten und in Blogs kursiert - in feinem, fehlerfreien Italienisch. "Der 'Islamische Staat', eine Realität, die ich dir zeigen möchte", steht darüber. Unterzeichnet hat ein gewisser "Mehdi, euer Bruder in Allah". Das Heft sorgt für Unruhe bei den italienischen Geheimdiensten.

Darin präsentiert Mehdi den "Islamischen Staat" (IS) als Paradies auf Erden: Ein Leben in Wonne und Freude, dank der Scharia ohne Verbrechen, wo die Polizei sogar die Preise auf dem Wochenmarkt überwacht und damit niedrig hält. Auch wer kämpfen will, ist mehr als willkommen. Große Mengen Waffen kommen ständig ins gesegnete Reich, schreibt Mehdi, damit der Eroberungskrieg weiter gehen kann.

Die Sorge der italienischen Ermittler: Mit solchen Schriften könnten die Islamisten Sympathisanten aus Italien anlocken, die dann radikalisiert werden. Und es reichen ja wenige, im Zweifel einer, um irgendwo zwischen Sizilien und den Alpen eine Katastrophe auszulösen. Solche Täter kämen aus "neuen Kategorien potentieller Attentäter", die bislang niemand auf dem Schirm hat, heißt es im gerade in Rom vorgelegten Sicherheitsbericht.

Das gilt für jene der etwa 3000 männlichen IS-Sympathisanten und -Kämpfer aus Europa, die sich aus den Kampfgebieten zurückziehen. Viele von ihnen zieht es nicht direkt zurück in ihre Heimat, sei es Deutschland, Spanien oder Großbritannien. Sie lassen sich lieber erst einmal im leicht zu erreichenden Italien nieder. Die Geheimdienste konstatieren ein insgesamt "zunehmendes Risiko".

Die Propaganda richtet sich laut dem Bericht aber auch an "Verwandte und Freunde von Kämpfern (auch Frauen)", die "vom Heldenmut ihrer Liebsten angezogen werden, zumal wenn diese als Märtyrer endeten".

Verschärft wird die Lage durch die Situation in Libyen. Inzwischen haben sich Hunderte IS-Kämpfer in dem Land etabliert. Sie sind schwer bewaffnet, verfügen über eine große Flotte von Militärfahrzeugen und könnten andere bewaffnete Milizen bald verdrängen.

Italiens Geheimdienstchef Giampietro Massolo rät der römischen Regierung deshalb, der sogenannten Tobruk-Regierung Waffen zu liefern. Diese sitzt im Osten des Landes, in der Hauptstadt Tripolis, und hat eine rivalisierende Vereinigung die Macht übernommen. Zwar habe auch die "Tobruk-Gruppe" keine Legitimation, sich Regierung zu nennen. Sie sei aber der einzig verbliebene "italienfreundliche" Ansprechpartner. Einen solchen brauche man dringend, etwa um die 40 Italiener zu schützen, die in den zum römischen Energiekonzern Eni gehörenden Gas- und Öl-Förderanlagen arbeiten.

Eine weitere Sorge der Behörden in Rom: Der quasi nicht mehr existente, von Banden und Milizen beherrschte Staat Libyen ist ein zentraler Abreisepunkt für Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Italien - und dann vielleicht weiter nordwärts - wollen. 170.000 Menschen haben diese hochriskante Reise im vergangenen Jahr überlebt, dreimal so viele wie 2013.

Übernimmt die IS-Truppe die Macht in Libyen, kann sie die Menschenströme steuern und für eigene Zwecke nutzen. Leicht könnte sie, so die Befürchtung der Geheimdienste, Flüchtlinge für Selbstmordanschläge nach Italien schicken.

Angst um Papst und Petersdom

Als Ziele möglicher Angriffe gelten dort, wie überall, Flughäfen, Bahnhöfe und U-Bahnstationen. Auch die Weltausstellung Expo 2015, die vom 1. Mai bis 31. Oktober in Mailand stattfindet und zu der 20 Millionen Besucher erwartet werden, könnte ein verlockendes Terror-Ziel sein.

Als wichtigstes Ziel für islamistische Attentäter haben die Terror-Fahnder jedoch den Petersdom und Papst Franziskus ausgemacht.

Der kenne natürlich "die ernste Bedrohung", sagte der Chef der vatikanischen Gendarmerie, Domenico Giani, nun dem Fachblatt "Moderne Polizei". Trotzdem wolle der Papst "keinesfalls auf den direkten Kontakt mit den Menschen verzichten". Folglich müssten die Gendarmen, die Schweizer Garden des Vatikan und die italienische Polizei zu anderen Mitteln greifen: Rund um den Petersdom, im und um den Vatikan, so Giani, habe man "Tausende von Überwachungskameras installiert". Damit lässt sich nahezu jeder Quadratmeter aus der Ferne kontrollieren.

Dass die Angst in der Kirchenzentrale nicht unbegründet ist, zeigt auch Mehdis Internetbroschüre über die schöne Welt im Kalifat. Die IS-Soldaten seien inzwischen "in Algerien, Nigeria, dem Tschad, Libyen, Ägypten, Saudi Arabien, dem Jemen und noch weiteren Ländern", schreibt er darin.

"Mit der Erlaubnis Allahs" würden sie bald auch "Rom erobern, wie es Mohammed prophezeit hat".


Zusammenfassung: Italien fürchtet Anschläge von Islamisten. Als Ziel gilt vor allem der Vatikan. Besonders aus Libyen droht Gefahr, der IS gewinnt dort an Macht: Aus dem Land kommen Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien, darunter vielleicht auch IS-Gesandte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Tausende Kameras?
crewmitglied27 04.03.2015
Wer soll denn die Bilder alle in Echtzeit beobachten. Hier geht es nicht um Prävention, sondern darum, eventuelle Anschläge im Nachgang mediengerecht auswerten zu können.
2. Also wenn Derdaoben
frittentüte 04.03.2015
nicht einmal seine Firmenzentrale und seinen Stellvertreter persönlich schützt und man Kameras und Antiterrorbrigaden einsetzen muss, wäre mal ein ernsthaftes Gespräch mit ihm angebracht. Oder sollte etwa der islamistische Gott der einzig wahre Echte sein? Das würde aber einen unschönen Schatten auf die Anhänger aller anderen Götter werfen.
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