Italiens Lega Nord Neue Nase, neues Auto - und dann ist die Partei pleite

Umberto Bossi hat Italiens Lega Nord gegründet - und seine Familie plünderte die Wahlkampfkasse. Jetzt ist kein einziger Euro mehr da, der rechten Partei droht der Bankrott.

Lega Nord-Gründer Umberto Bossi (Archivbild)
AP

Lega Nord-Gründer Umberto Bossi (Archivbild)


Italiens drittgrößte Partei hat kein Geld mehr. Keinen Euro. Anfang letzter Woche besaß die Lega Nord, die ziemlich erfolgreich gegen "kriminelle Ausländer" polemisiert, noch knapp 30.000 Euro, sagt Parteichef Matteo Salvini. Dann sperrte die Staatsanwaltschaft Genua alle Konten und fordert rund 48 Millionen Euro zurück.

Ein "Anschlag auf die Demokratie" ist das für Salvini. Italien mit seinen "ultraroten Richtern" sei "schlimmer als die Türkei", wütet er, die "Faschokommunisten" wollten die Lega fertigmachen. Aber nächstes Jahr, ruft Salvini dem Lega-Volk zu, "werden wir in der Regierung sein und Italien verändern". Seine Anhänger, die sich am Sonntag zum Jahrestreffen auf der "heiligen Wiese" von Pontida, im Norden der Lombardei, zu Zigtausenden eingefunden haben, skandieren "Salvini Premier".

Umberto Bossi, der Gründer der norditalienischen Partei, die das "fleißige und ehrliche" Nordvolk im "heiligen Padanien" von Italiens "faulem" Ballast im Süden befreien will, ist genauso empört: "Sie haben alles erfunden, um die Lega zu stoppen." Doch ihn hat erst einmal die Lega gestoppt. Zum ersten Mal in der Parteigeschichte durfte der 75-jährige Altvordere beim jetzigen Jahrestreffen in Pontina nicht reden. Nur stumm auf der Tribüne sitzen. Denn er ist schuld an dem Desaster.

Lega-Nord-Parteichef Salvini (Archivbild)
AP

Lega-Nord-Parteichef Salvini (Archivbild)

Am 24. Juli dieses Jahres ist er wegen Betrugs zu Lasten der Staatskasse zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Noch härter traf es seinen Freund, den einstigen Lega-Kassenwart Francesco Belsito. Der soll, gemäß dem einstweilen erstinstanzlichen Urteil, für vier Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Beide, so die Richter, hätten Geld, das der Staat der Partei zu Wahlkampfzwecken bereitgestellt hatte, für ganz andere Zwecke verwendet. Vorwiegend für "The Family", wie der Kassenwart eine Mappe mit den Ausgabebelegen beschriftet hatte. Bossis Familie.

Die Forelle namens Renzo

Umberto Bossi mit Sohn Renzo
REUTERS

Umberto Bossi mit Sohn Renzo

Vor allem Bossi-Sohn Renzo hatte, nach den Recherchen der Justiz, ständig Geldbedarf. Ob für Reisen oder große Feste, für Essen mit Freunden, selbst für private Autofahrten ließ er Benzin und Bußgeldbescheide aus der Parteikasse zahlen. Die Übergabe wickelte der von der Partei bezahlte Bossi-Fahrer ab, der sich das Geld gegen Vorlage der Belege vom Schatzmeister zurückholte. Um sicher zu gehen, filmte der Fahrer die Geldübergaben an Renzo mit einer im Auto versteckten Kamera. Pech für die Bossis: Die Filme landeten 2012 erst bei einer Illustrierten und dann bei der Justiz. Die nahm ihre Ermittlungen auf und entdeckte bald, dass es auch um deutlich größere Summen ging.

Für Renzo soll, zum Beispiel, für 130.000 Euro ein Abitur-Zeugnis gekauft worden sein, nachdem er dreimal durch die Prüfung gerasselt war. Die Rede ist auch von einem in Albanien gekauften Hochschulabschluss. Dass sein Sohn nicht der hellste Kopf war, hatte sein Vater wohl irgendwann auch gemerkt. Gleichwohl sollte Renzo Papas politischer Nachfolger in der Lega werden. Aber statt "Delfin", wie man die Zöglinge von Parteibossen in Italien gern nennt, sprach Papa Umberto von seinem Renzo stets verächtlich als "Forelle". Für einen Sitz im Regionalparlament auf dem Lega-Nord-Ticket hat es aber dann doch gereicht. Dafür kassierte der damals 21-Jährige rund 10.000 Euro im Monat.

Sponsor der Fußball-"Weltmeisterschaft der nicht anerkannten Nationen"

Natürlich hat nicht nur Renzo Spenden aus der Wahlkampfkasse bekommen. Bruder Ricardo kam auf solche Weise, wie es heißt, an einen BMW X5. Der dritte Bossi-Sohn, Sirio, ließ sich operativ für etwa 10.000 Euro eine neue Nase bauen. Etwas teurer wurde die Reise der Bossi-Söhne und einiger Freunde zur Fußball-"Weltmeisterschaft der nicht anerkannten Nationen" in Lappland. Die Kicker der italienischen Nordregionen, von der Lega "Padanien" getauft, gewannen gegen die "Brudervölker", etwa aus der französischen "Provence" oder aus "Kurdistan". Der Jubel war groß, die Kosten beliefen sich, einschließlich der Gelder für die Spieler, auf etwa 100.000 Euro.

Ehefrau Bossi, gelernte Lehrerin, gründete eine Privatschule, die viel Geld verschlang. Da musste natürlich auch Kassierer Belsito aushelfen, heißt es. Und fürs familieneigene Häuschen fielen ja auch regelmäßig Kosten an, für den Dachdecker, den Anstreicher und die Versicherung. Parteigründer Bossi behauptet bis heute standhaft, er habe nicht gewusst, dass für all das die Parteikasse herhalten musste. Aber es gab offenbar auch Belege mit seiner Unterschrift in Belsitos "Familiy"-Mappe.

Neben der Familie stehen auch Parteifreunde unter Verdacht. So soll eine ältere Lega-Politikerin einen hübschen, jungen Geliebten mit Parteigeld alimentiert haben. Es gibt seltsame, bislang nicht wirklich geklärte Überweisungen von etlichen Millionen, eine zum Beispiel, die über Zypern nach Tansania gehen sollte, wovon ein Teil schließlich in Norwegen landete.

Forza-Italia-Chef Berlusconi
REUTERS

Forza-Italia-Chef Berlusconi

Irgendwo mussten die Millionen ja auch hin, die von Rom zur Finanzierung des Wahlkampfes überwiesen wurden. Denn es kam ja viel mehr Geld, als man für den ordnungsgemäßen Gebrauch ausgeben konnte. So hat die Lega zum Beispiel für den Wahlkampf des Jahres 2008 rund 41 Millionen Euro Erstattung bekommen, obwohl sie dafür nur etwa 3,6 Millionen ausgegeben hat. So ähnlich sieht es immer aus. Die zu Lasten der Steuerzahler aufgebrachten "Erstattungen der Wahlkampfkosten" sind regelmäßig drei, viermal größer als die tatsächlich anfallenden Kosten. Bei allen Parteien.

Deshalb weiß man trotz der Ermittlungen der Justiz bis heute nicht wirklich, wo die Steuergeld-Millionen für den Wahlkampf der Lega geblieben sind. Dabei hat die Lega sich stets über "Roma Ladrona" - die diebische Hauptstadt des Landes - erregt, die das Geld der hart arbeitenden Norditaliener verplempert. Jetzt ruhen die pekuniären Hoffnungen auf Silvio Berlusconi. Der Milliardär und Chef der Forza-Italia-Partei hat der Populistentruppe schon früher mal mit etlichen Millionen ausgeholfen.

Und vielleicht will man ja doch mal gemeinsam regieren.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
m82arcel 20.09.2017
1.
Da kann man schon mal sehen, was auf uns zukommen könnte, wenn neue Parteien in den Bundestag einziehen und plötzlich selbst am Geldtopf sitzen.
Hupert 20.09.2017
2. Als ob die AfD "Spitze"...
...andere Interessen als die der Selbstbereicherung zu Lasten der Solidargemeinschaft hat. Die politische Arbeit in den Landtagen schwankt jedenfalls von lächerlich über nicht vorhanden bis verfassungsfeindlich. Aber so sind sie eben, die Parteien der kleinen Leute. Man muss nur immer schön vom "Wille des Volkes" oder des "kleinen Mannes" dampfplaudern, ein paar Bescheuklappte und vom Bildungssystem abgehängte fallen schon drauf rein.
epiktet2000 20.09.2017
3. Typisch deutsch
Wo sind denn bei uns die Staatsanwälte? Bankenkrise, Abgas-Betrug? In Italien erfüllen Staatsanwaltschaften anscheinend noch ihre Aufgaben.
bigroyaleddi 20.09.2017
4. Das ist ja ziemlich heftig
Also, wenn ich daran denke, dass alte Vorurteile von ganz früher auf einmal wieder neu zum Leben erwachen, kann ich persönlich schon das kalte Grausen bekommen. Von der italienischen Innenpolitik bekommt der deutsche Normalbürger ja sonst nicht so viel mit. Und seit der Berlusconi in Rente ist, konnte man ja fast von einer Normalität im Stiefel ausgehen. Aber das ausgerechnet diese Saubermänner jetzt ihre treuesten Mitstreiter auch noch zu verarschen suchen, das lässt mich mehr als nur nachdenklich werden.
guido_lux 20.09.2017
5. Es gibt kein Thema was nicht....
dafür geeignet ist AFD-Schelte zu betreiben. Natürlich sitzen auch in der AFD Leute, und viele davon sind ehemalige SPD oder CDU Mitglieder, deren ihre eigene Vollversorgung und darüber hinaus wichtiger ist, als die Interessen ihrer Wähler. Aber dies ist sicher kein AFD typisches Problem, sondern tangiert wohl alle Parteien. Auch die Vertreter der Arbeiter- und Bauernklasse verlieren oft schnell ihren revolutionären Elan, wenn sie sich mit dem schicken Audi- oder Daimlerdienstwagen von A nach B fahren lassen.
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