Italien Papst Benedikt im Kulturkampf

In zwei Tagen entscheiden die Italiener über die Liberalisierung künstlicher Befruchtung und die Forschung an Embryonen. Seit Monaten ziehen die italienischen Bischöfe gegen das Referendum zu Felde. Nun hat sich auch Papst Benedikt XVI. ihrem Kulturkampf angeschlossen.

Von Lars Langenau


Der Papst empfängt jüdische Gesandschaft im Vatikan: "Gerechtigkeit, Respekt vor der menschlichen Würde und Frieden"
AFP

Der Papst empfängt jüdische Gesandschaft im Vatikan: "Gerechtigkeit, Respekt vor der menschlichen Würde und Frieden"

Hamburg - Papst Benedikt XVI. setzte ganz auf Versöhnung. Gemeinsam mit dem deutschen Kardinal Walter Kasper traf er gestern in Rom mit Repräsentanten jüdischer Organisationen zusammen. Er will den Dialog mit dem Judentum fortsetzen, den sein Vorgänger Johannes Paul II. aufgenommen hatte. Aus der Vergangenheit ergebe sich für Christen und Juden eine moralische Verpflichtung, für "Gerechtigkeit, Respekt vor der menschlichen Würde sowie für Frieden" einzutreten, sagte der 78-Jährige. Doch wie Karol Wojtyla rüttelte auch sein Nachfolger nicht an einem Dogma: Einzig die katholische Kirche ist im Besitz der Wahrheit.

Am Montag nahm sich das Oberhaupt der katholischen Kirche seiner "Lieblingsthemen" an: Auf einem Konvent über die Rolle der Familie geißelte er Lebensformen, die in Europas Großstädten gang und gäbe sind: Homo-Ehen und Paare, die ohne Trauschein zusammenleben. Waren sie für ihn bereits früher die "Legalisierung des Bösen" bezeichnete er sie nun als Ausdruck einer verdammenswerten "anarchistischen Freiheit". In der römischen Lateran-Basilika nahm der Pontifex maximus neben diesen "Verirrungen" auch Verhütung, Abtreibungen und die Gentechnik ins Visier. "Die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens von der Empfängnis muss bis zu seinem natürlichen Ende" geschützt werden, sagte er in der "Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises".

Neu waren seine Aussagen nicht. Ratzinger legte nur Zeugnis darüber ab, dass er der bleibt, der er schon als Präfekt der Glaubenskongregation war: erzkonservativ, dogmatisch und kompromisslos. Doch diesmal wiegen die Worte des deutschen Papst schwerer. Benedikt redete in seiner Hauptkirche auch als Bischof von Rom. Und als Primas von Italien mischte er sich mit seinen Äußerungen direkt in die italienische Innenpolitik ein. Er rief Italiens Katholiken dazu auf, am kommenden Sonntag und Montag nicht an einer Volksbefragung über medizinisch unterstützte Fortpflanzung und Stammzellenforschung teilzunehmen. "Gerade in seiner Klarheit und Konkretheit ist euer Einsatz Ausdruck der Sorge von euch Hirten für jedes menschliche Leben", sagte er zu Mitgliedern der italienischen Bischofskonferenz.

Auftritt als starke politische Kraft

Papst Benedikt XVI.: Massive Einmischung in die italienische Innenpolitik
DPA

Papst Benedikt XVI.: Massive Einmischung in die italienische Innenpolitik

In vier Einzelabstimmungen sollen die Italiener über die Lockerung der Gesetze zur künstlichen Befruchtung entscheiden, die erst vor eineinhalb Jahren mit großer Mehrheit vom Parlament verabschiedet wurden. Selten zuvor hat ein Thema die Gemüter der Italiener so erhitzt. Die Bischöfe setzen dabei auf millionenfache Verweigerung, denn das Referendum ist nur gültig, wenn mindestens 50 Prozent der Wahlberechtigten daran teilnehmen. Seit Monaten trommeln sie für einen Boykott. Zum ersten Mal seit dem Untergang der katholischen Volkspartei Democrazia Cristiana tritt die Kirche wieder als starke und eigenständige politische Kraft auf. Und dies nun auch noch mit der Unterstützung des obersten Kirchenführers.

Der Erzbischof von Genua, Tarcisio Bertone, rechtfertigte den Boykott aus Gewissengründen: Schließlich verstoße das Referendum "offensichtlich gegen das Gesetz von Christus" und richte sich "gegen die Würde und den Respekt des menschlichen Lebens".

Giuseppe Bertori, der Generalsekretär des Chefs der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, erklärte die Verweigerung gar zur heiligen Pflicht für die zu 80 Prozent katholischen Italiener. Abstimmungswilligen Gläubigen warf er Ungehorsam gegenüber Papst und Kirche vor: "Ein erwachsener, mündiger Christ darf nicht zu dieser Wahl gehen", forderte er.

Oppositionschef Romano Prodi, im Gegensatz zur großen Masse seiner Landleute ein regelmäßiger Kirchgänger, wies dies als moralische Erpressung zurück: "Ich bin Katholik. Ich bin erwachsen. Ich gehe abstimmen." Ministerpräsident Silvio Berlusconi hält sich dezent im Hintergrund und verweigert jeden Kommentar zu dieser Frage.

Die geltenden Gesetze entsprechen weitgehend den Vorstellungen der katholischen Kirche: Künstliche Befruchtung ist nur Paaren erlaubt, die fest zusammenleben und Mann und Frau sind. Medizinisch muss festgestellt werden, dass sie nicht anders als durch künstliche Befruchtung zu einem eigenen Kind kommen können. Samen oder Eizellen dritter Personen dürfen sie nicht verwenden. Zudem dürfen maximal drei Eizellen im Reagenzglas befruchtet werden, die dann mit einer einzigen Implantation eingesetzt werden müssen. Auch das Einfrieren der Embryos auf Vorrat ist verboten. Strikt untersagt ist weiterhin die Forschung an embryonalen Stammzellen - und das Klonen ohnehin.

"Ein Heer von Pfarreien besetzt unser Land"

 Kardinal Ruini mit Benedikt: "Ein erwachsener, mündiger Christ darf nicht zu dieser Wahl gehen"
REUTERS

Kardinal Ruini mit Benedikt: "Ein erwachsener, mündiger Christ darf nicht zu dieser Wahl gehen"

An dieser äußerst strengen Handhabung entzündete sich ein grundsätzlicher Streit über bürgerliche Freiheiten. Das Pro und Contra zur Abstimmung geht quer durch die politische Landschaft. Die Umfragen bleiben mehrdeutig. Die Gegner des Gesetzes sammelten eine halbe Millionen Unterschriften, um die Volksbefragung überhaupt durchführen zu können. Viele Linke und Liberale, aber auch Wissenschaftler und Patientenverbände wenden sich vehement gegen einzelne Passagen des Gesetzes. Doch die Interessen des Widerstandes gegen die geltende Regelung sind breit gefächert: Wollen die einen auch die Forschung an Embryos erlauben, setzen sich andere nur für die Verwendung gespendeter Samenzellen bei künstlichen Befruchtungen ein.

Doch auch der ehemalige parteilose Gesundheitsminister Umberto Veronesi will den Änderungen zustimmen. Er treffe diese Entscheidung nicht nur als Wissenschaftler, sagte er, "sondern auch als Bürger, der das vom Parlament verabschiedete Gesetz unmenschlich und ungerecht findet". Frauenorganisationen klagen, dass Embryonen mehr Rechte eingeräumt würden als Müttern.

Die Gegner der geltenden Gesetze argumentieren, dass immer mehr Italiener das strikte Regelwerk umgehen und sich mittlerweile ein regelrechter "Befruchtungstourismus" im Ausland entwickelt habe. Außerdem weisen sie auf den Widerspruch hin, dass zwar die Untersuchung und Entfernung befruchteter Eizellen verboten ist, aber trotzdem "therapeutische" Schwangerschaftsabbrüche erlaubt sind.

Marco Pannella von der kleinen Radikale Partei zeigt sich schockiert über die Einmischung der Kirche: "Wie viele Nonnen und Priester werden sich denn jetzt noch frei fühlen, wählen zu gehen? Wie viele Leute werden aus Furcht den Wahlurnen fern bleiben?" Fast resigniert fügte er hinzu: "Ein Heer von 25.000 Pfarreien besetzt militant unser Land."

Ob die Hälfte des Wahlvolkes an die Urnen gehen wird, ist vollkommen offen. Erfahrungsgemäß werden viele Italiener einen Strandaufenthalt einem Besuch der Wahllokale vorziehen. Seit acht Jahren konnte kein Referendum in Italien die notwendige Mindestbeteiligung erreichen.



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