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Sexismus in Italien: Schluss mit Bella Figura

Von , Rom

Italien: Sexismus in der Politik Fotos
REUTERS

Sexistische Sprüche, Geraune im Parlament und montierte Fotos: Italiens Politikerinnen müssen einiges ertragen. Jetzt wehren sie sich gegen die Machos.

Giorgia Meloni ist schwanger und will Bürgermeisterin von Rom werden. Früheren Parteigefährten unter den italienischen Rechtspopulisten passt das gar nicht. Unter ihnen ist der berüchtigte Silvio Berlusconi. Es sei doch wohl jedem klar, so der Ex-Regierungschef und Milliardär Berlusconi, "dass eine Mutter sich einem Job nicht so richtig hingeben könne".

Viele Politikerinnen in Italien sind wütend. Denn Berlusconi ist nicht der Einzige, der sich mit sexistischen Sprüchen über die schwangere Politikerin Meloni aufregt. Ihr Rivale um das Amt, Berlusconis Weggefährte Guido Bertolaso, hatte ihr geraten, sie solle besser zu Hause bleiben. Warum sollte man ihr zumuten, "sich um Schlaglöcher und Müll zu kümmern, während sie ihr Kind stillt"?

Meloni wehrte sich am Mittwoch: Kein Mann solle einer Frau sagen, was sie während ihrer Schwangerschaft zu tun oder zu lassen habe. Für andere Frauen in Italien geht es um mehr. Wieso kann eine Frau und Mutter sich nicht genauso im Beruf engagieren wie ein Mann und Vater, fragen sie. Ist Italien beherrscht von einem "altväterlichen Männlichkeitskult, in dem die Männer den Frauen sagen, wo ihr Platz ist", wie es die sozialdemokratische Abgeordnete Titti Di Salvo formuliert?

Nun sind Entgleisungen und sexistische Sprüche in Italien durchaus üblich, im privaten wie im politischen Umfeld. Dabei sind nicht nur die alten Männer aus der konservativen Ecke aktiv. Auch in der oppositionellen und jungen "Fünf-Sterne-Bewegung" des ehemaligen Komikers Beppe Grillo gibt es viele dumpfe Beispiele dafür. So wurde eine Kandidatin fürs Bürgermeisteramt in Mailand aus den eigenen Reihen als "hässlich und fett" und als "arbeitslose Hausfrau" gemobbt, bis sie vor ein paar Tagen aufgab.

"Ich bin nicht nackt"

Im Parlament, ein anderes Beispiel, rief der "Fünf-Sterne"-Abgeordnete Massimo de Rosa Politikerinnen der sozialdemokratischen Partei PD zu: "Ihr seid doch nur hier, weil ihr tüchtig beim Sex seid" - und das ist nur eine verharmlosende Übersetzung. Sein Parteikollege Nicola Morra, gelernter Philosophie- und Geschichtsprofessor, übte sich im Frauen-Bashing mit der Prophezeiung, bei der Ministerin Maria Elena Boschi werde man sich "mehr an die Formen als an die Reformen" erinnern.

Immer wieder ist Boschi Ziel solcher Unverschämtheiten. Als sie kürzlich während eines Vortrags vor PD-Politikern die Jacke auszog und in Bluse weitersprach, begann ein Gemurmel und Geraune im bis dahin stillen Saal, dass die Rednerin intervenieren musste: "Leute, ich habe mir die Jacke ausgezogen, ich bin nicht nackt." Als sie Ministerin wurde und im engen blauen Hosenanzug vor dem Staatspräsidenten die Urkunde unterschrieb, machte ein Foto die Runde, das einen Tanga unter der verrutschen Hose zeigte. Das Bild war gefälscht. Es wurde trotzdem von vielen Medien präsentiert und in Bars diskutiert.

Boschi schießt jetzt zurück. Sie twitterte als Reaktion auf die herben Angriffe auf die anderen Politikerinnen: "Wann wird ein Mann seine Kandidatur zurückziehen, weil er nicht telegen ist oder weil er Vater wird?" Auch ihre Kollegin im Kabinett, die Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin erklärte: "Was momentan passiert, ist unglaublich. Dies ist kein Land für Frauen."

Genau das Gegenteil wollte Regierungschef Matteo Renzi beweisen, als er vor gut zwei Jahren sein 16-köpfiges Kabinett genau zur Hälfte mit Männern und Frauen besetzte. Das hatte es in der italienischen Geschichte noch nicht gegeben.

Die Minister haben ihren Job mal gut, mal schlecht gemacht, Männer wie Frauen. Einige sind seitdem ausgeschieden, Männer wie Frauen. Außenministerin Federica Mogherini zum Beispiel, weil sie in Brüssel zur EU-Außenbeauftragten wurde. Alles normal. Aber der Eindruck täuscht: Normal ist die Frau im politischen Amt bis heute nicht.

Das Frauenbild vieler Italiener kennt - sehr vereinfacht gesagt - nur zwei Typen: Die Liebhaberin, ob Ehefrau oder Geliebte, und die "Mama". Die eine soll sexy sein, die andere mütterlich. Während die einen gegen diese Zuweisung zunehmend rebellieren, fühlen die anderen sich mehrheitlich sehr wohl in ihrer "Mutter ist die Beste"-Rolle. Sie verhätscheln ihre Kinder, vor allem die Söhne und machen diese zu "Mammoni", Muttersöhnchen. Die wohnen zu Hause, auch wenn sie 30 oder gar 40 Jahre alt sind, weil es da so schön, so bequem ist: Wäsche gewaschen, Essen gekocht, Geld fürs Handy oder für Klamotten - Mama sorgt für alles.

Dazu kommen ökonomische Zwänge, die den Weg in ein eigenes Leben erschweren oder verbauen. Die Arbeitslosigkeit in der jungen Generation ist hoch. 60 Prozent der Jugendlichen denken ans Auswandern. Hunderttausend Italiener sind im vergangenen Jahr auf der Suche nach Arbeit ins Ausland abgewandert. Zurück bleiben die "Mammoni" und verfestigen das verkrustete Frauenbild: Denn was soll falsch sein an der Mama zu Hause?

Zum Autor
Hans-Jürgen Schlamp

Hans-Jürgen Schlamp war sechs Jahre SPIEGEL-Korrespondent in Rom. Nach einem Intermezzo in Brüssel lebt er jetzt teilweise wieder in "Bella Italia" und schreibt für SPIEGEL ONLINE.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
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1.
k.ockenga 17.03.2016
Sehr spät, aber immerhin. Es wurde ja auch Zeit. Die Show-Trägerinnen fühlten sich in ihrer Rolle lange gut. Sophia L. soll als Vorbild ausgedient haben? Abwarten. Der Nachschub wird auch künftig, wie schon bisher, täglich in den TV-Sendungen trainiert. Ob die sich das abgewöhnen könnnen?
2.
jkleinmann 17.03.2016
Spätschwangerschaft und Mutter eines Säuglings zu sein ist doch nicht vergleichbar mit dem Vatersein. Eine Mutter ist in diesen Monaten unweigerlich mehr eingebunden als ein Vater - erst recht, wenn sie stillt. Nach dem Säuglingsalter sieht das sicher anders aus. Das hat nichts mit Sexismus zu tun. Frauen sollten im Beruf und der Gesellschaft allgemein selbstverständlich die gleichen Chancen haben wie Männer, ich finde es aber falsch und ideologisch, eine Hochschwangere und insbesondere eine Mutter eines Säuglings als genauso uneingebunden wie den Vater zu dieser Zeit ansehen zu wollen, wenn sie denn nur die entsprechende Unterstützung bekäme. Das ist wahrscheinlich die Phase im Leben, welche den größten Unterschied zwischen Frau und Mann ausmacht, und das aus physiologischen und biologischen Gründen, die nicht mit Benachteiligung verwechseln werden sollten. Der Versuch einer Gleichschaltung würde dieser wichtigen und wunderbaren Rolle einer Mutter nicht gerecht werden.
3. Sembra nella critica giusto....
rompipalle 17.03.2016
Poi l'autore si perde nei pregiudizi categoricamente... che offende uguale!!
4. Soll das Satire sein?
Reza Rosenbaum 17.03.2016
Also das Titelbild mit Frau Boschi da mit tief ausgeschnittener Bluse und laszivem Blick, und dann eine Beschwerde, darueber, dass Leute etwas ueber ihr Aussehen sagen? Dazu dann ein paar Zeilen drunte eine Abgeordnete Frau, die ernsthaft "Titti" heisst? Soll das ein Witz sein? So was kann sich ein Satireschreiber nicht besser ausdenken. Mal im Ernst - ueber Berlusconi wird dauernd gelaestert - der uebermaessige Konsum von Selbstbraeuner, die Tonnen an Make-up, die er verbraucht (und die ueberhaupt nicht helfen), die ganzen OP's und Botox Behandlungen die er hinter sich hat. Da stoesst sich niemand dran. Und so ist es auch lustig wenn sich Hillary Clinton abfaellig ueber Trump's Frisur aeussert, wie kuerzlich bei SNL, wo sie sagte, sein Haupthaar sieht aus wie ein Softeis auf seinem Schaedel, aber wenn ein Mann ueber eine fettleibige Frau sagt, sie sei fett, dann ist das Sexismus. Zum Piepen. Jahrelang wuerden Witze ueber Kohl's Birnenform, Doppelkinn, und Pfaelzer Aussprache gemacht. Da hat keiner die Sexismuskeule rausgeholt. Aber wenn jemand sich ueber Mutti's Prinz Eisenherz Topfschnitt und Schweissflecken oder ihr "extreme Makeover" vor dem Antritt als Kanzlerkandidatin lustig gemacht hat, war er auf einmal ein poehser poehser Sexist. Das war damals so lustig, wie es heute traurig ist. Wenn jemand im Wahlkampf so tief sinken moechte, sich ueber die Aeusserlichkeiten eines Gegners oder einer Gegnerin auszulassen, dann ist das seine/ihre Sache. Diese Art von Schlammschlacht findet in beide Richtungen statt. Die Frauen sind nur die empfindlicheren Opfah.
5. wie wahr
argonaut-10 17.03.2016
es hat sich nicht viel geändert in Italien, daran sind... und das wird Gottlob im Artikel erwähnt... Männer wie Frauen gleichermaßen Schuld. Sollten sich alle Feministinnen hinter die Ohren schreiben, die immer gerne vergessen, was ihnen und ihrer Sache die Damen aus den eigenen Reihen antun. Und selbst wenn das dann irgendwann mal funktioniert (die Sache mit dem Respekt), dann kommen wir vielleicht auch mal zu einem normalen Umgang miteinander, der eben nicht nur feministisch (und somit oft gegen Männer) geprägt ist, sondern ausschließlich von Respekt. Wird aber noch dauern
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