Italiens neuer Präsident Mattarella Ein Saubermann aus Sizilien

Vom politischen Altenheim in den Präsidentenpalast: Italiens neuer Staatschef Sergio Mattarella ist ein Unbekannter. Seine Wahl ist ein kühl kalkulierter Zug im römischen Polit-Spiel.

Von , Rom


Nichts mit "Dolce Vita", kein Gedanke an "Dolce far niente" - Sergio Mattarella ist vom "süßen Leben" so weit entfernt wie vom "süßen Nichtstun". Mattarella ist die Kombination aus Schweizer Biederkeit und deutschem Fleiß, wie ihn sich die Italiener vorstellen. Aber die kennen ihren künftigen Präsidenten kaum besser als der Rest der Welt.

Mit 665 Stimmen ist dieser Sergio Mattarella in Rom von den 1009 Wahlmännern und -frauen im vierten Wahlgang zum neuen italienischen Staatspräsidenten gekürt worden. Drei Wahlgänge waren zuvor zum Possenspiel umgewandelt worden: Weil die Regierungsmehrheit nicht glaubte, dass ihr Kandidat die erforderliche Zweidrittelmehrheit bekäme, hatten ihre Abgeordneten dreimal nur leere Stimmzettel abgegeben und das Feld bedeutungslosen Wunsch- oder Witzkandidaten der parlamentarischen Minderheiten überlassen.

Erst am Samstag wurde es ernst. Im vierten Wahlgang reicht schon die einfache Mehrheit - und die fand sich für den Kandidaten locker.

Seit 2011 ist Mattarella Verfassungsrichter. Morgens geht er gegen 10 ins Büro, vor 21 Uhr kehrt er selten nach Hause zurück. Sein kleines Apartment ist vollgestopft mit Büchern.

Mattarella kommt aus einer Politikerfamilie in Sizilien. Sein Vater war ein einflussreicher, christdemokratischer Abgeordneter und Minister. Aktive oder spätere Regierungschefs gingen in seinem Elternhaus ein und aus. Zum Essen kam manchmal ein gewisser Giovanni Battista Montini. Der wurde später Papst Paul VI. Kontakt zu "gewöhnlichen Menschen", Leuten aus dem Volk, jüngeren gar, hat er kaum - sagen die, die ihn kennen.

Sein älterer Bruder war Präsident der Region Sizilien, als ihn im Januar 1980 die Mafia ermordete. Sergio zog ihn, lebend noch, aus dem Auto, doch jede Hilfe kam zu spät. Er brach daraufhin seine Uni-Laufbahn ab, ging für seinen Bruder in die Politik, für die DC, die Democrazia Cristiana. Er wurde Minister in etlichen Kabinetten.

Seine politische Heldentat liegt 24 Jahre zurück

Im Sommer 1990 trat Mattarella als Minister zurück, weil die Regierung unter Giulio Andreotti mit einem Gesetz das seit Langem faktisch illegal sendende TV-Imperium von Silvio Berlusconi legalisierte. Seitdem mag Berlusconi Mattarella nicht.

Der blieb immer seiner Linie treu: gegen die Mafia, für das Gesetz. Als die Christdemokraten Anfang der Neunzigerjahre mit einem Korruptionsskandal zu kämpfen hatten, war Mattarella einer der Wenigen, die unbeschadet daraus hervorgingen. 2008 zog er sich aus der Politik zurück. Drei Jahre später ging er in das politische Altersheim für verdiente Juristen: das Verfassungsgericht.

Jetzt hat ihn Regierungschef Matteo Renzi reaktiviert. Ausgerechnet der Jungstar, der angetreten ist, die italienische Gerontokratie zu beenden und die alte politische Kaste "zu verschrotten". Warum holt so einer einen Ausgemusterten zurück?

Renzi witterte eine Intrige

Berlusconi habe sich heimlich mit Renzi-Gegnern in dessen Partei zusammengetan, hieß es, um den ehemaligen Ministerpräsidenten Giuliano Amato ins Präsidialamt zu bringen. Auch der hat eine brillante politische Karriere hinter sich. Er ist jetzt 76 Jahre alt und wie Mattarella im Verfassungsgericht gelandet. Dem wendigen Fuchs Amato traute Renzi nicht.

Zwar haben auch in Italien Präsidenten in erster Linie repräsentative Aufgaben, aber sie dürfen das Parlament auflösen. Mit dieser Macht ausgestattet, trug beispielsweise der bisherige Staatspräsident Giorgio Napolitano im November 2011 kräftig dazu bei, dass Silvio Berlusconi als Regierungschef zurücktreten musste.

Mit dem honorigen Mattarella als Kandidaten konnte Renzi nicht nur Amato ausbremsen, sondern auch die Parteilinken elegant einbinden. Die hatten genörgelt, dass Renzi inzwischen alles mit Berlusconi aushandele, erst die Reformgesetze, jetzt sogar den nächsten Präsidenten. Mit Mattarella nahm Renzi nun einen, den Berlusconi so gar nicht wollte.

Nicht nur Renzis Partei votierte beinahe geschlossen für dessen Kandidaten, auch viele aus den ex-christdemokratischen Mitte-Rechts-Parteien, ein paar sogar aus dem Lager des Total-Opponenten Beppe Grillo votierten für Mattarella.

Nur Berlusconi und seine Getreuen gaben aus Protest leere Stimmzettel ab. Ob damit auch der politische Pakt zwischen Berlusconi und Renzi beendet ist, steht dahin. Denn zwar hat der Regierungschef die Stimmen aus dem Lager des vorbestraften Ex-Cavaliere zur Durchsetzung seiner Vorhaben bislang dringend gebraucht. Aber auch Berlusconi hat nur Einfluss, solange er gebraucht wird. Und wenn jetzt aus dem Fünf-Sterne-Bündnis des Ex-Komikers Grillo viele Abgeordnete ausscheren, findet Renzi ja möglicherweise neue Partner.



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hermannheester 31.01.2015
1. Kein Bunga Bunga
Sondern Fleiß und Biederkeit. Dabei musste der Kandidat den Schwank, zu dem die Wahlmänner die Wahl haben verkommen lassen, sicher erst mal verkraften. Nun aber hat Italien ein Gesicht, das in der Welt auch als seriös erkannt und hoffentlich auch anerkannt wird.
Eppelein von Gailingen 31.01.2015
2. Es scheint in Italien noch vereinzelt anständige Politiker zu geben
Wer sich mit Rücktritt beim buckeligen Andreotti bedankt, dem Mafia Getreuen, weil der dem anderen Mafia Kameraden (hinter vorgehaltener Hand) seinen Privatsender legalisierte, der muss integer sein. Wann wird Berlusconi endlich mit einem Politikverbot belegt, der Schritt wäre längst überfällig. Oder sitzt er schon, wir wissen es nur nicht?
deadhorse 31.01.2015
3. Saubermann Matarella
Sicilia hat ja per se immer ein "Gschmäckle", besonders wenn man persönlich dort sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat. Man kann nur hoffen, dass die Wahlmänner und -frauen sich richtig entschieden haben. Auguri, Signore Presidente!
five-oceans-buccaneer, 31.01.2015
4. Nach 8 Jahren Italien
kenne ich ein bisschen die dortige Situation. Der neue Praesident kann sicherlich wie der ehemalige Napolitano ein hartes Veto einlegen vorallem gegen die Berlusconi Bande aber was Italien braucht muss Renzi durchsetzen und dies sind Aenderungen vorallem im Gerichtswesen (bis zu 10 Jahren Wartezeit schon fuer zivile Verfahren), eine komplette Erneuerung des Rechtswesens (z.B. Notare koennen ihre Posten an ihre Kinder vererben und die sind geregelt wie die mittelalterlichen Zuenfte), das ganze Steuersystem muss neu gestaltet werden und nicht nur kontrolliert im Norden sondern in ganz Italien, die ungeheure Schwarzarbeit wird so gut wie gar nicht kontrolliert, die Steuerauflagen sind ueberrissen, die Binnenmarktwirtschaft ist eine Katastrophe und wird vorallem von der Fiatgruppe diktiert die bis zu 90% aller italjenischen Subventionen bekommt und die den Staat jedes Jahr erpresst, die andere Industrie geht leer aus, von Korruption muss ich glaube ich gar nicht reden (weiss eh jeder), das Bankensystem ist dermassen veraltet und eine Buerokratiemaschine sondergleichen, das Gesundheitswesen scheint auf den ersten Blick gut aber wehe jemand hat nicht die Carta d'Identita dann blecht ein Auslaender aber kraeftig, der Journalismus ist von den Parteien gekauft und entspricht nicht mehr demokratischer Meinungsfreieheit, - der Polizeiapparat ist dermassen aufgeblaeht, dass die sich gegenseitig Konkurrenz machen - das sind so die wichtigsten Punkte. Ob das Renzi schaffen kann, na schau'n wir mal...
postit2012 31.01.2015
5. Ein Urteil über ALLE Sizilianer oder ALLE Deutschen
Zitat von deadhorseSicilia hat ja per se immer ein "Gschmäckle", besonders wenn man persönlich dort sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat. Man kann nur hoffen, dass die Wahlmänner und -frauen sich richtig entschieden haben. Auguri, Signore Presidente!
ist in der Regel falsch. Die Begründung ist so trivial, dass ich sie mir hier schenke. Aber dem Glückwunsch schließe ich mich gerne an.
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