Italiens Migrantendebatte Die Fake-Invasion

Gefälschte Fotos, verdrehte Zahlen und erfundene Vorfälle: In Italien wird die Flüchtlingsdebatte immer grotesker. Hinter den vermeintlichen Nachrichten stecken politische und finanzielle Interessen.

Italiens Innenminister Salvini als Gast in einer Fernsehsendung
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Italiens Innenminister Salvini als Gast in einer Fernsehsendung


Eine Fotoserie auf Facebook: Wasser, Zigtausende Menschen, dicht gedrängt, alles etwas unscharf. Ein "libyscher Hafen", sagt die auf Italienisch verfasste Bildbeschriftung. Und: "Diese Fotos lässt man dich nicht sehen, denn all diese Menschen dort warten darauf, nach Italien überzusetzen."

Tausende Italiener haben diese Fotos also endlich sehen dürfen. Viele haben sie weitergeschickt. An Freunde, die auch die Wahrheit sehen sollen. Die ja von den großen staatstreuen Medien unterdrückt wird. Wie man sieht.

Allein: Das Foto ist eine plumpe Fälschung. Es zeigt keinen libyschen Hafen, sondern die Lagune von Venedig. Und die Menschen standen dort vor Jahrzehnten, am 15. Juli 1989. Der Grund: Sie wollten ein Konzert von Pink Floyd erleben.

Ein Seemann - und ein Fake-News-Troll

Und dann gibt es da noch die Geschichte von Giovanni Titori, Seemann auf der "Aquarius", dem Flüchtlingsretterschiff der Organisation SOS Mediterranée. Das Boot wurde bekannt, weil es die Schiffbrüchigen, die es zwischen Libyen und Italien gerettet hatte, nach Spanien bringen musste, da die Italiener ihre Häfen zusperrten.

Der Seemann wurde entlassen, weil er via Facebook preisgab, wie es an Bord wirklich zuging: Die Migranten spielten in einem "Saal Video- und Glücksspiele, viele von ihnen verbrachten den Abend am Roulette-Tisch, fragt mich nicht mit welchem Geld. Alle gut gekleidet, gut ernährt".

Vier Millionen Menschen haben das Facebook-Video angeklickt, etwa 140.000 haben es weitergeleitet. Sie wussten vermutlich nicht, dass der Seemann nicht Titori heißt und kein Seemann ist. Stattdessen handelt es sich um einen geübten Fake-News-Troll, der alles frei erfunden hat.

TBC, Krätze, Aids und Cholera

Es gibt viele solcher gefälschten Fotos oder Videos in Italien. Dort hat der Streit darum, wie man mit den Menschen umgehen soll, die aus Afrika übers Mittelmeer kommen, die politische Landschaft verändert, die Methoden sind rauer geworden.

Die traditionellen linken und rechts-bürgerlichen Parteien spielen dabei kaum eine Rolle mehr. Sie haben die Brisanz des Themas verschlafen. Es regiert eine Koalition aus der Fünf-Sterne-Protestbewegung und der rechtsnationalistischen Lega. Beide haben mit einem Anti-Migranten-Kurs die Wahlen gewonnen.

Beppe Grillo, der Gründer der Fünf-Sterne-Bewegung, hat schon oft gesagt, "die illegalen Einwanderer importieren TBC, Krätze, Aids und Cholera". Und Lega-Chef Matteo Salvini sieht seit Jahren "eine von der EU koordinierte ethnische Säuberungsoperation" im Gange. Nun ist er Innenminister. Nun kann er sie stoppen. Und das will er auch - mit allen Mitteln.

Salvini gegen Soros

Im Januar dieses Jahres - und damit vor der Wahl - twitterte Salvini: "15 Prozent plus. Und in den Hotels und Herbergen sind schon 183.681. Ich kann es kaum erwarten, dass ihr mir die Möglichkeit gebt, diese Invasion zu stoppen, die organisiert und finanziert wird, um unsere Kultur zu vernichten."

Die Zahlen verfehlten ihre Wirkung nicht. Salvinis Lega-Partei legte bei den Wahlen mächtig zu. Nur: Die Zahlen waren falsch. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Italien insgesamt 183.681 Migranten.

Fast alle von ihnen waren untergebracht in staatlichen, kirchlichen oder von Hilfsorganisationen geführten Einrichtungen. Das zeigen die Zahlen des italienischen Innenministeriums - dessen Chef nun Salvini ist. Wenn überhaupt, könnten nur ganz wenige in Hotels oder Herbergen gelandet sein. Das Ministerium erfasst sie nicht.

Und: Im Januar kamen nicht mehr, wie Salvini twitterte, sondern weniger Flüchtlinge über das Meer. Der jetzige Minister hatte nur ein paar passende Tage herausgesucht. Nicht nur im Januar, im kompletten laufenden Jahr kamen bislang viel weniger Migranten an als im vorigen Jahr und noch viel weniger als im vorletzten Jahr. Auch das zeigen die amtlichen Zahlen aus Salvinis Ministerium.

Und wer organisiert und finanziert diesen Vernichtungsfeldzug "gegen die italienische Kultur" aus Salvinis Tweet? Wenn es nicht gerade die EU ist, ist es der Milliardär oder Philanthrop George Soros.

Der, so hat es Italiens Innenminister in Talkshows und Tweets mehrfach gesagt, setze 18 Milliarden Euro ein, um über Stiftungen und gemeinnützige Organisationen, "die unkontrollierte Einwanderung, die Öffnung des Drogenmarkts" zu finanzieren. Soros' Ziel sei eine Gesellschaft ohne "Familien mit Mama und Papa", dafür mit "Sex zwischen allen und jedem". Kann der brave katholische italienische Bürger das wollen?

Italiener angeblich aus ihren Wohnungen verjagt

Oder etwa das? Im Netz verbreitet von der Newsseite voxnews.info: Bilder verzweifelter Menschen, die von Uniformierten aus einem Haus getrieben werden. Quer darüber steht: "Raus 230 Italiener, rein 230 Flüchtlinge". Darunter die Zeile: "Breaking News, Invasione" und in Großbuchstaben: "Schock in Pescara: 230 Italiener aus ihren Quartieren gejagt, um Platz für Flüchtlinge zu schaffen". Tatsächlich wurde das Gebäude wegen Einsturzgefahr geräumt, kein Flüchtling sollte oder konnte dort einziehen.

Die voxnews.info-Seite gehört zu denen, die jeden Tag mit Meldungen über vermeintlich kriminelle oder anderweitig auffällige Ausländer Stimmung machen. Dazu gibt es regelmäßig Stories über den bösen Soros und über den guten Salvini.

Geld und Politik

Hinter den meisten Seiten, die falsche Geschichten im Netz verbreiten, steht eine Kombination aus Geld und Politik. Skandalöse Empörungsgeschichten über Migranten werden tausendfach gelesen - und jeder Klick bringt Geld. Anderen News-Seiten geht es vorrangig um politische Ziele. Viele krude Stories kommen aus Moskau, etwa über Sputnik-Italia, eine Seite, die den Putin-Freund Salvini besonders unterstützt.

Nicht nur in Italien, überall gilt offenbar: Die meisten Fake News und Fake-Fotos verbreiten sich schneller und häufiger als wahre Nachrichten. Das hat gerade eine umfangreiche Studie des US-amerikanischen MIT ermittelt.

Denn die korrekten Nachrichten sind meist nicht so eindimensional, sondern komplizierter und erscheinen deshalb meist langweiliger als die frei erfundene Aufreger-Story. Dass vor allem Rechtspopulisten und Rechtsnationalisten von diesen Falschmeldungen profitieren oder diese verbreiten, hat im März auch eine deutsche Untersuchung der Stiftung Neue Verantwortung gezeigt.

Nicht selten entlarven sich diejenigen, die Fake News verbreiten, dabei rasch selbst - und ihre Leser. Wenn etwa ein Mann namens "Tarim Bu Aziz" via Facebook die Forderung verkündet, dass "zur besseren Integration" in den italienischen Schulen fortan mit "arabischen Zahlen" gerechnet werden müsse. Und wenn dann die meisten, die das Posting lesen, empört kommentieren, die "sollten doch zu Hause mit ihren Zahlen rechnen, aber nicht bei uns!", dann spricht das Bände. Schließlich rechnet man in Italien doch seit dem 13. Jahrhundert mit arabischen Zahlen.

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insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
Elrond 19.07.2018
1. Es geht um die maximale Verwirrung und die Streuung
von Desinformationen, damit am Ende niemand mehr weiß, was wirklich wahr und was falsch ist. Eine beliebte Strategie, Falschmeldungen zu streuen und sich dann auf Basis dieser Falschmeldung politisch zu empören gegen schutzbedürftige Minderheiten. Wenn man diese Leute dann darauf anspricht heißt es meistens, "das werde ich doch wohl noch sagen dürfen", die Legitimation der Lüge schlechthin.
Siebenhundert 19.07.2018
2. Social Media als News-Quelle ungeeignet
Ein weiterer Beleg dafür, dass Social media eine riesige Diskussions-Maschine ist, die alles andere als geeignet scheint, um belastbare News zu lesen. Bezahlter Investigativjournalismus und echte Recherche sind durch nichts zu ersetzen.
Autsch! 19.07.2018
3. Strategie der afd...
...funktioniert doch genauso. Auch sie erfindet oder lässt durch Fans erfundene "Fakten" in den sozialen Medien im Raum stehen. Ich weiß nicht, was verachtenswürdiger ist, die menschenverachtende Agenda dahinter oder die Dummheit derer, die ihr folgen? Wahrscheinlich beides!
Hukowski 19.07.2018
4. Das hier:
Zitat Spon "Nicht selten entlarven sich diejenigen, die Fake-News verbreiten, dabei rasch selbst - und ihre Leser. Wenn etwa ein Mann namens "Tarim Bu Aziz" via Facebook die Forderung verkündet, dass "zur besseren Integration" in den italienischen Schulen fortan mit "arabischen Zahlen" gerechnet werden müsse. Und wenn dann die meisten, die das Posting lesen, empört kommentieren, die "sollten doch zuhause mit ihren Zahlen rechnen, aber nicht bei uns!", dann spricht das Bände. Schließlich rechnet man in Italien doch seit dem 13. Jahrhundert mit arabischen Zahlen. " ist nicht unbedingt fake news. Ich denke, dass ist Satire, um aufzuzeigen wie ungeheuer dumm die Rechten sind.
Knack5401 19.07.2018
5. Wie reagieren wir darauf?
Man muss etzwas Geld in die Hand nehmen und mit einer konzertierten Aktion über alle verfügbaren Medien diese Lügen klarstellen. Und Facebook gleich mit an den Pranger. Und wenn sich ein Politiker an die Lügen anschließt, diesen gleich mit einbinden und damit bloßstellen.
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