Wahltag in Italien Ein paar Pannen, etwas nackte Haut - und viel Spannung

Stimmzettel wurden wieder aus der Urne gefischt, eine halbnackte Aktivistin protestierte gegen Berlusconi: Der Wahltag in Italien schien von Possen geprägt. Dabei geht es um sehr viel.

Lega-Nord-Politiker Matteo Salvini
AFP

Lega-Nord-Politiker Matteo Salvini


Falsche Stimmzettel, provokante Auftritte und verstärkte Sicherheitsüberprüfungen haben bei der Parlamentswahl in Italien in einigen Städten zu zeitweiligem Chaos geführt. Vor vielen Wahllokalen im ganzen Land bildeten sich am Sonntag lange Schlangen.

Schuld daran sind offenkundig ein neues Anti-Betrugs-System auf den Stimmzetteln sowie das neue Wahlrecht, das als ausgesprochen kompliziert gilt. Mehrere Städte riefen die Bürger daher auf, wegen zu erwartender Verzögerungen nicht zu spät zum Wählen zu gehen.

In der Landeshauptstadt Rom wurden in einem Wahllokal die Namen von Senatoren und Abgeordneten falsch aufgeführt und drei Dutzend ausgefüllte Stimmzettel kurzerhand wieder aus der Wahlurne genommen. Die 36 Wähler sollten zurückkehren und korrigierte Stimmzettel ausfüllen.

Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi rief die Wähler auf, angesichts der oft langen Wartezeiten rechtzeitig zu erscheinen - mindestens eine Stunde vor Schließung der Wahllokale, die am Abend bis 23 Uhr geöffnet waren. Gewählt wurde ein neuer Senat und ein neues Abgeordnetenhaus. Bis zum Mittag lag die Wahlbeteiligung bei rund 19,3 Prozent - die Italiener wählen traditionell aber erst spät.

Im Video: Wer wird Italien regieren?

Der hitzige Wahlkampf in der drittgrößten Volkswirtschaft der Währungsunion war in den vergangenen Wochen von den Themen Migration, innere Sicherheit und Wirtschaft dominiert worden. In Umfragen lag der Mitte-Rechts-Block von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi vorne, stärkste Einzelpartei ist demnach aber die Fünf-Sterne-Protestbewegung. Das dritte große Lager wird von der sozialdemokratischen Regierungspartei PD angeführt.

Obwohl alle drei laut Umfragen wohl keine eigene Regierungsmehrheit stellen können, war der Wahltag selbst bislang eher von Berichten über Possen und Pannen wie in Rom geprägt. In der sizilianischen Hauptstadt Palermo hatte die Wahl bereits am frühen Morgen verspätet begonnen - weil fehlerhafte Stimmzettel für 200 Wahllokale neu gedruckt werden mussten.

Manche Wähler mussten in die Wahlkabine zurück, weil sie den Stimmzettel nicht richtig gefaltet hatten. Erst im Laufe des Vormittags schienen die Probleme bewältigt zu sein. "Wir bedauern die Schwierigkeiten für die Wähler", sagte Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando. "Aber dieses neue Wahlgesetz hat auch in anderen Teilen Italiens erhebliche Probleme verursacht."

Es sei ein Skandal, dass Wahllokale nur verspätet öffnen konnten, twitterte Senatspräsident Pietro Grasso: "Am wichtigsten Tag einer Demokratie sind Verspätungen und Fehler inakzeptabel". Grasso tritt als Chef der Linkspartei Liberi e Uguali selbst in Palermo an.

In Mailand wurde der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi beim Wählen von einer halbnackten Aktivistin empfangen worden. "Berlusconi, du bist abgelaufen", stand auf dem nackten Oberkörper der Frau.

Berlusconi und Aktivistin in Mailand
DPA

Berlusconi und Aktivistin in Mailand

Der 81-Jährige reagierte auf den Auftritt der Femen-Aktivistin gelassen. "Meine Zeit ist vorbei? Ja, stimmt, die Schlange hier ist zu Ende", sagte er laut Nachrichtenagentur Ansa mit Blick auf die langen Wartezeiten in den Wahllokalen. Die Frau wurde von Sicherheitsleuten aus dem Raum getragen.

Der mehrmalige ehemalige Ministerpräsident - bekannt für seinen "Bunga-Bunga"-Sexskandal - tritt bei der Parlamentswahl mit seiner Partei Forza Italia an. Allerdings darf er nach einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung nicht selbst kandidieren. Und Aktionen von Feministinnen ist er gewohnt: Schon bei der letzten Wahl im Jahr 2013 wurde er ähnlich beim Wählen begrüßt.

Berlusconi dürfte in jedem Fall eine Schlüsselrolle bei der Regierungsbildung spielen: Einerseits liegt sein Lager in Umfragen vorne und könnte womöglich sogar eine Regierungsmehrheit erhalten. Andererseits halten Experten eine große Koalition aus Berlusconis Forza Italia und dem sozialdemokratischen PD für mögliche, sollte kein anderes Bündnis möglich sein.

Die EU hofft auf eine solche Allianz der proeuropäischen Parteien die in Italien nach den Parteiführern bereits "Renzusconi" genannt werden. Berlusconi ist die Rückkehr an die Regierungsspitze allerdings wegen einer gerichtlichen Verurteilung verwehrt. Sollte seine FI eine künftige Regierung führen, könnte EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani Ministerpräsident werden.

Nicht ganz klar ist, welche Rolle die Fünf-Sterne-Bewegung um ihren Gründer Beppe Grillo spielen wird. Die Protestpartei lehnt Koalitionen generell ab, sie ließ aber offen, ob sie es sich nach der Wahl nicht doch noch anders überlegt. "Wir sind einen Schritt vom Sieg entfernt", sagte Spitzenkandidat Di Maio bei der Abschlusskundgebung seiner Partei in Rom. Die Zeiten in der Opposition seien endgültig vorbei.

Der Ausgang der Wahl wird mit großer Spannung erwartet - nicht nur, weil es möglicherweise am Ende für keines der drei großen Lager für eine Mehrheit reichen wird: Viele Italiener waren kurz vor der Abstimmung noch unentschlossen, zudem ist das Veröffentlichen von Umfragen in den zwei Wochen vor der Wahl gesetzlich verboten. Es könnte also durchaus Überraschungen geben.

Ein Ergebnis wird nicht vor Montagvormittag erwartet.

mxw/dpa

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Tolotos 04.03.2018
1. Das Problem ist, dass Politiker zuallererst sich selbst vertreten!
Und das ist ziemlich parteiübergreifend. Das dürfte auch für die gelten, die jetzt mit "Italien zuerst" werben. Die ganzen Protestwahlen haben doch die gemeinsame Ursache, dass sich als Demokratie in vielen Staaten eine eine parteiübergreifende Symbiose aus Politikern und Vertretern des Geldadels gebildet hat, die das Volk primär zu ihrem Vorteil bewirtschaften!
capote 04.03.2018
2. Das wirkliche Problem
Zitat von TolotosUnd das ist ziemlich parteiübergreifend. Das dürfte auch für die gelten, die jetzt mit "Italien zuerst" werben. Die ganzen Protestwahlen haben doch die gemeinsame Ursache, dass sich als Demokratie in vielen Staaten eine eine parteiübergreifende Symbiose aus Politikern und Vertretern des Geldadels gebildet hat, die das Volk primär zu ihrem Vorteil bewirtschaften!
Das wirkliche Problem ist, dass die Wähler die trotzdem imer wieder wählen, also warum sollten die sih anders verhalten ?
capote 04.03.2018
3. Das wirkliche Problem
Zitat von TolotosUnd das ist ziemlich parteiübergreifend. Das dürfte auch für die gelten, die jetzt mit "Italien zuerst" werben. Die ganzen Protestwahlen haben doch die gemeinsame Ursache, dass sich als Demokratie in vielen Staaten eine eine parteiübergreifende Symbiose aus Politikern und Vertretern des Geldadels gebildet hat, die das Volk primär zu ihrem Vorteil bewirtschaften!
Das wirkliche Problem ist, dass die Wähler die trotzdem imer wieder wählen, also warum sollten die sih anders verhalten ?
capote 04.03.2018
4. Das wirkliche Problem
Zitat von TolotosUnd das ist ziemlich parteiübergreifend. Das dürfte auch für die gelten, die jetzt mit "Italien zuerst" werben. Die ganzen Protestwahlen haben doch die gemeinsame Ursache, dass sich als Demokratie in vielen Staaten eine eine parteiübergreifende Symbiose aus Politikern und Vertretern des Geldadels gebildet hat, die das Volk primär zu ihrem Vorteil bewirtschaften!
Das wirkliche Problem ist, dass die Wähler die trotzdem imer wieder wählen, also warum sollten die sich anders verhalten ?
embetext 04.03.2018
5. Texträtsel
Wenig Information zu einem redundanten Text aufgeblasen, der grammatisch und stilistisch so verhunzt ist, dass sich der Sinn erst beim zweiten Lesen erschließt. Ist das wirklich O-Ton der dpa?: "In Mailand wurde der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi beim Wählen von einer halbnackten Aktivistin empfangen worden." - "Andererseits halten Experten eine große Koalition aus Berlusconis Forza Italia und dem sozialdemokratischen PD für mögliche, sollte kein anderes Bündnis Möglich sein." - "Die Protestpartei lehnt Koalitionen generell, sie ließ aber offen, ob sie ...."
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