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24. Februar 2013, 16:08 Uhr

Bei Italien-Wahl

Nackte Frauen gehen auf Berlusconi los

Tumult bei der Parlamentswahl in Italien: Drei barbusige Frauen sind auf Ex-Premier Silvio Berlusconi zugestürzt, als dieser seine Stimme abgeben wollte. Sie riefen: "Basta Berlusconi" - es reicht! Die Abstimmung startete zunächst schleppend, nur wenige Bürger gingen an die Urnen.

Rom - Er ist wegen mutmaßlicher Bunga-Bunga-Feste mit minderjährigen Prostituierten in einem Sex-Prozess angeklagt: Der Skandalpolitiker Silvio Berlusconi polarisiert. Politisch will der italienische Ex-Premier es trotzdem noch mal wissen. Er tritt bei der am Sonntag begonnen Parlamentswahl wieder an. Als er seine Stimme in Mailand abgeben wollte, wurde der 76-Jährige attackiert.

Aktivistinnen der Feministenbewegung Femen riefen "Basta Berlusconi" - es reicht mit Berlusconi. Die drei Ausländerinnen, darunter eine Französin, hatten sich ihren Slogan auch auf die nackte Brust und auf den Rücken geschrieben, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Polizisten bedeckten die Frauen mit Jacken und führten sie in Handschellen ab.

Die Frauen standen in einer wartenden Menge vor dem Wahllokal in Mailand, vor dem sich auch zahlreiche Journalisten versammelt hatten. Dann brachen die Protestierenden durch die Reihen und sprangen über mehrere Tische, um Berlusconi zu erreichen, was ihnen jedoch nicht gelang.

"Wer mit dem Hirn denkt, der kann nur in eine Richtung wählen"

Berlusconi hatte in der Vergangenheit immer wieder für Aufregung gesorgt, unter anderem durch seine Liebschaften mit jungen Frauen, flapsigen sexistischen Sprüchen und durch ausschweifende Partys.

Auf die Protestaktion antwortete Berlusconi: "Wer mit dem Hirn denkt, der kann nur in eine Richtung wählen." Berlusconi hatte am Samstag die Regel gebrochen, wonach die Wahlkämpfer am Tag vor Wahlen schweigen. Er attackierte erneut Italiens Justiz, von der er sich verfolgt fühlt.

Schleppender Beginn

Die mit Spannung erwartete Parlamentswahl verlief am Sonntag zunächst schleppend. Bis zum Sonntagmittag gaben nur 14,6 Prozent der gut 50 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimmen für das Abgeordnetenhaus ab, teilte das Innenministerium in Rom mit. Bei der letzten nationalen Wahl 2008 waren es zu diesem Zeitpunkt 16,3 Prozent. Schnee und Regen behinderten an manchen Orten im Norden einen reibungslosen Ablauf.

Finanzmärkte und europäische Politiker befürchten eine Hängepartie ohne klare Mehrheit oder auch eine Rückkehr des umstrittenen früheren Regierungschefs Berlusconi. Die Wahl läuft über zwei Tage, die Wahllokale schließen Montag um 15 Uhr.

Starken Auftrieb hatte in der Schlussphase des Wahlkampfs die populistische Protestbewegung "Fünf Sterne" von Beppe Grillo. Sie könnte ein erheblicher Störfaktor bei der Regierungsbildung sein.

Als Favorit gilt das Mitte-links-Bündnis mit dem Spitzenkandidaten Pier Luigi Bersani. Grillo und das Mitte-rechts-Lager Berlusconis schienen sich vor dem Urnengang ein Rennen um den zweiten Rang zu liefern.

Montis Bündnis liegt in Umfragen nur auf Platz vier

Das Bündnis der Mitte des Ex-EU-Kommissars und Ex-Premiers Mario Monti droht dagegen nur viertstärkste Kraft zu werden. Dies könnte eine Koalition für eine stabile Regierungsmehrheit erschweren, sollte ein Bündnis notwendig sein. Monti gab am Sonntagmorgen als erster Spitzenkandidat seine Stimme ab. Bersani gab seine Stimme in Piacenza ab und war dabei vor den Medien zu Scherzen aufgelegt.

Europa schaut gespannt auf den Ausgang der Wahl. Viele hoffen auf eine Koalition Bersanis mit Monti, die beide den eingeschlagenen Reformkurs fortsetzen wollen. Berlusconi und Grillo vertreten hingegen deutlicher eine europakritische Haltung. Berlusconi hat mehrmals angekündigt, den Sparkurs beenden zu wollen.

Die Wahl hat sowohl für das Krisenland Italien als auch für den gesamten Euro-Raum erhebliche Bedeutung. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone braucht eine stabile Regierung, um die tiefe Rezession hinter sich zu lassen.

heb/dpa/AFP

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