Stimmungswandel Warum Italiens Linke plötzlich auf die Kanzlerin steht

Angela Merkel mausert sich zur beliebtesten ausländischen Politikerin in Italien. Was ist passiert? War die deutsche Bundeskanzlerin nicht immer die böse Padrona aus Berlin, Hauptstadt der Bevormundung?

Angela Merkel (Archivbild)
AP

Angela Merkel (Archivbild)


Sie gilt seit Jahren als das Symbol teutonischer Besserwisserei und Bevormundung. "Merkel unerwünscht", stand immer wieder auf Plakaten in den Straßen Roms, aufgehängt von Linken wie Rechten. Als die deutsche Kanzlerin mitten in der globalen Finanzkrise den italienischen Not-Regierungschef Mario Monti besuchte, hieß es auf Flugblättern: "Einst machten sie Krieg mit Bomben und Kanonen, jetzt mit Finanzmärkten und Rating-Agenturen."

Und der Rechtsaußenpolitiker Francesco Storace - jahrelang Regionalpräsident im Latium, Gesundheitsminister unter Silvio Berlusconi - zeterte: "Diese Frau ertragen wir nicht mehr!" Arrogant sei sie, fühle sich wie "die Padrona von Europa". Und nun finden die Italiener "La Merkel" die ewige "Buhfrau" in Berlin, auf einmal ganz toll.

"Wie viel Vertrauen haben Sie in folgende politische Führer...", fragte das Meinungsforschungsinstitut SWG in der zweiten Aprilwoche - also gut einen Monat nach den Parlamentswahlen - 1000 repräsentativ ausgewählte Italiener. Die Antworten waren überraschend:

  • Ganz hinten rangiert Chinesenführer Xi Jinping, nur 17 Prozent fanden ihn vertrauenswürdig oder sogar sehr vertrauenswürdig.
  • Kaum besser lag US-Präsident Donald Trump, mit 22 Prozent.
  • Knapp davor, immerhin, Briten-Prime Minister Theresa May, 24 Prozent.
  • Dritter im Ranking wurde mit 28 Prozent Frankreichregent Emmanuel Macron.
  • Auf den zweiten Platz schaffte es der starke Mann in Moskau, Wladimir Putin, mit 34 Prozent.
  • Den Top-Platz aber gewann Angela Merkel, 43 Prozent der Italiener fanden sie vertrauenswürdig.

Kann das sein? Waren die Italiener nicht immer besonders Amerika-treu und besonders Merkel-kritisch?

Zeitung "il Giornale" (2012)
DPA

Zeitung "il Giornale" (2012)

Doch eine zweite Umfrage, durchgeführt vom Institut Demos & Pi in der letzten Aprilwoche, aber erst jetzt von der Zeitung "La Repubblica" publiziert, bestätigt einen Trend, der sich schon im vergangenen Jahr andeutete. Demos fragte die Italiener nicht nach ihrem Vertrauen, sondern nach ihrer Wertschätzung für drei vorgegebene "globale Führungspersonen", nämlich Trump, Putin und Merkel. Auch dabei lag die deutsche Kanzlerin mit 51 Prozent Zustimmung klar vorn, vor Putin mit 39 und Trump mit 23 Prozent.

Immer wieder die "deutschen Panzer"

Dabei hat doch gerade erst die kleine, freilich einflussreiche, stramm rechts ausgerichtete Tageszeitung "Libero" mit viel Tamtam "Angela Merkels Plan, um Italien zu erwürgen", enthüllt. Carlo Cottarelli, ein bekannter Ökonom, der beinahe Regierungschef in Rom geworden wäre, warf vor ein paar Tagen der deutschen Kanzlerin vor, ihre Politik sei "schädlich für Italien und für Europa". Und Silvio Berlusconi wettert regelmäßig, Merkels "germanozentrische Politik" habe die Krise in Europa verschärft. Und solche Kritik aus dem Süden am großen bösen Deutschland ist ja nicht neu. Sie hat eine lange Tradition.

"Deutsche Panzer rücken vor", schrieb etwa die linksliberale römische Tageszeitung "La Repubblica" im April 1999. Wogegen rücken sie vor? "Gegen unsere Eisenbahnen". Denn die Bundesbahn nahm an einer Ausschreibung für die Privatisierung von Bahnanlagen und Magazinen in Verona teil.

Das Bild der deutschen Panzer erfreute sich jahrelang großer Beliebtheit in den italienischen Medien. 2014 zum Beispiel, da schrieb wieder einmal "La Repubblica", "die deutschen Panzer rollen in die Schwellenländer".

Rülpsende, kartoffelfressende, supernationalistische Blonde

Italien und die Deutschen - das ist seit Langem ein schwieriges Verhältnis. Hier das Schwärmen der Nord-Menschen für "Bella Italia" seit Goethes langer Reise - in Gegenrichtung das Staunen über die deutsche Effizienz. Die Deutschen lieben Sonne, Strand, Kultur und Essen - achten aber vor Ort darauf, dass ihr Auto gut abgeschlossen ist und zählen das Wechselgeld im Supermarkt penibel nach.

Viele Italiener bewundern die Deutschen, weil bei denen die Verwaltung funktioniert, die Leute die Gesetze respektieren - sogar die roten Ampeln - und brav die Steuern zahlen. Alles ist größer bei den Germanen: die Autos, die Häuser, sogar der Ausguss in der Küchenspüle. Nur, müssen sie das ständig vor sich hertragen?

Angela Merkel und Joachim Sauer im Italienurlaub (2014)
DPA

Angela Merkel und Joachim Sauer im Italienurlaub (2014)

Ein kleiner Funke reicht, sofort entzündet sich der auch nach langen Jahren mit Frieden und Freundschaft tiefsitzende Vorbehalt zwischen Deutschen und Italienern. So etwa, als 2003 der deutsche SPD-Politiker Martin Schulz Italiens Medienmogul und mehrfachen Regierungschef Berlusconi attackierte. Da feuerte der Lega-Politiker und Tourismus-Staatssekretär Stefano Stefani zurück, deutsche Urlauber seien "rülpsende, kartoffelfressende, supernationalistische Blonde", "besoffen von aufgeblasener Selbstgewissheit", die "lärmend über unsere Strände herfallen". Jeder dritte Italiener fand die Beschreibung im Kern zutreffend. Und Kanzler Gerhard Schröder stornierte seinen Italienurlaub.

Angela - Schutzpatronin der Linken

Noch vor zwei Jahren prägte die gewohnte Ambivalenz das deutsch-italienische Politverhältnis: Man braucht sich, mag sich aber nicht besonders. Schröders Nachfolgerin im Kanzleramt war bei der damaligen Demos-Umfrage abgeschlagen Letzte, hinter Trump und ganz weit hinter Obama.

Aber Barack Obama ist aus dem Rennen und die Trump-Welt wird immer unordentlicher, die Politik konfuser. Offenbar suchen die Menschen da zunehmend Sicherheit und Stabilität, auch die Italiener. Und dafür steht die Keine-Experimente-Kanzlerin wie niemand sonst.

Schon im vergangenen Jahr, nach Trumps Machtübernahme, überflügelte Merkel mit 46 Prozent knapp Frankreichs neuen Star Macron (40 %) und Putin (38 %). Dieses Jahr dominiert sie deutlich. Der Trend kommt, kaum zu glauben, vor allem von links.

Die Wähler der Linksparteien, die der kleineren Leute, mit 63 Prozent, und vor allem die der Sozialdemokraten mit 79 Prozent, schätzen die so viel gescholtene deutsche Kanzlerin. Im Schnitt vertraut jeder zweite Italiener keinem Globalpolitiker so wie Merkel.

Überraschend ist auch die Gefühlslage im Anhang der 5-Sterne-Bewegung: Von denen schätzt nur jeder Fünfte Trump, ungefähr jeder Dritte Putin, aber 55 Prozent mögen Merkel. Dabei hat doch kürzlich der 5-Sterne-Chef Luigi Di Maio noch "gegen das Europa von Merkel, Macron und Rajoy" gewettert.

Italiens Rechte hält es dagegen mehr mit Putin. Die Anhänger von Berlusconis Forza Italia, der ausländer- und EU-feindlichen Lega und der faschistischen FdL ("Brüder Italiens") votierten bei der Demos-Umfrage mit 53 bis 61 Prozent für den Russland-chef.

Merkel lag deutlich darunter.

Video: La "Merkelina" - Maria aus Italien liebt Deutschland

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insgesamt 46 Beiträge
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lachina 12.06.2018
1. Sehr differenziert....
Ich glaube die Italiener unterscheiden ganz klar zwischen Liebe und Zuverlässigkeit. Um jemanden für zuverlässig und vertrauenswürdig zu halten, muss man ihn nicht lieben. Diese Eigenschaften kann auch in Theorie ein Roboter haben.
mischamark 12.06.2018
2. Wishful thinking
Die letzen Umfragen vor der überraschenden Einigung mit Mattarella zur Regierungsbildung sahen die Lega bei 25% und das Movimento 5S unverändert bei 32% macht zusammen 57% von Wählern, die Merkel eher negativ sehen, sonst würden sie weder der einen noch der anderen Formation/Partei ihre Präferenz geben. Die Wähler der Neofaschisten Fratelli d'Italia sind gegen Merkel und Teile des Linksbündnisses auch. Ebenso kann man davon ausgehen das nicht automatisch alle Wähler des Partito Democratico pro Merkel sind. Zu den obigen 57 % kommen also mind. 10% dazu, die Merkel eher kritisch sehen. Ergo! Wesentlich wichtiger scheint mit die Tatsache, dass Italien jetzt eine Putinfreundliche Regierung hat. Das dürfte die bis jetzt einheitliche Front gegen die Russlandsanktion schwächen.
mischamark 12.06.2018
3. Hatte natürlich
Forza Italia vergessen. Berlusconi ist ein Schwätzer, der sich mit seiner antideutschen Rhetorik nur profilieren wollte. Er war und ist aber prinzipiell proeuropäisch eingestellt, was aber nicht für alle Wähler dieser Partei gilt. Also nocheinmal mindestens 5%, die Frau Merkel gegenüber kritisch eingestellt sind, macht zusammen mind. 72%!
1337h4x0r 12.06.2018
4. Was für eine krude Rechnerei, Mischamark?
Sind Sie nicht in der Lage, zwischen einer Parteienwahl und konkreten Fragen bei einer Meinungsumfrage zu unterscheiden? Der Artikel macht das nämlich, und zwar sehr sauber. Aber wenn für Sie alle Lega-, M5S und Forza-Wähler automatisch und unbedingt Merkel-Hasser sind, dann haben Sie das Weltbild eines Achtjährigen.
nordwestdeutscher 12.06.2018
5. Was zum Henker?
"deutsche Urlauber seien "rülpsende, kartoffelfressende, supernationalistische Blonde", "besoffen von aufgeblasener Selbstgewissheit", die "lärmend über unsere Strände herfallen"." Ich hoffe er meint damit nur deutsche Sauftouristen und nicht den Durchschnittsdeutschen. Rülpsend? Macht der nüchterne Deutsche in der Öffentlichkeit eher nicht. Nicht laut zumindest. Kartoffelfressend? Im Vergleich zu Italienern vielleicht schon. Supernationalistisch? Wohl kaum. Schön wär's. Wir sind wahrscheinlich eines der am wenigsten nationalistischen Völker. Blonde? Im Vergleich zu Italienern sicherlich. Aber die meisten Deutschen sind nicht blond soweit ich weiß. Aufgeblasene Selbstgewissheit? Selbstgewiss über was? Lärmend über Strände herfallend? Naja, junge besoffene Deutsche bestimmt. Gilt aber bestimmt auch für Sauftouristen anderer Länder.
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