Stimmung in Italien Parmigiano, Scampi, Frust über Fremde

Das Regierungschaos in Italien geht weiter. Auf einem Obst- und Gemüsemarkt in Rom berichten Händler von ihrem Ärger - und von wachsender Armut, Euroskepsis und ihrem Rechtsruck. Ein Besuch.

Claus Hecking

Aus Rom berichtet


Es ist halb sieben Uhr morgens in Rom, und die Markthalle des Viertels Prati duftet. Nach Honigmelonen und reifem Parmigiano, nach Scampi und frischen Erdbeeren. Verlockend sehen die bunten Auslagen aus - allerdings nur von den paar Ständen, die noch besetzt sind. In der Mitte der weißen, lichten Jugendstilhalle mit ihren altmodischen Laternen stehen ganze Verkaufsreihen leer; reihenweise haben Händler in den vergangenen Jahren aufgegeben.

"Tristezza", sagt Maurizio Petrangeli. Der 57-Jährige, Haarkranz, rote Schürze, muskulöse Arme, zupft gerade Grün von seinen Fenchelknollen. Petrangeli ist seit 32 Jahren "Fruttivendolo e Erbivendolo" (Obst- und Gemüsehändler) hier auf dem Mercato dell'Unità. Seine Arbeit hat er immer geliebt. Aber sie ernährt ihn kaum noch, nach zehn Jahren Wirtschaftskrise in Italien. "Seit 2008 habe ich mehr als die Hälfte meines Umsatzes verloren, und ich bin nicht der einzige", sagt Petrangeli und deutet auf andere Stände. "Diese Krise macht uns das Geschäft kaputt. Vielleicht ist die Arbeit hier bald ganz vorbei."

Petrangeli ist frustriert, ganz besonders nach dem Chaos der vergangenen Tage. Er hat am Radio mitverfolgt, wie die Bildung der 65. italienischen Nachkriegsregierung in letzter Sekunde scheiterte. Erst lehnte Staatspräsident Sergio Mattarella den euroskeptischen Kandidaten der beiden populistischen Parteien für das Wirtschafts- und Finanzministerium ab. Dann ließen die Populisten die ganze Regierung platzen. Schließlich beauftragte Mattarella den parteilosen Ökonomen Carlo Cottarelli mit der Bildung eines Übergangskabinetts aus Experten. Und die Populisten, die im Parlament die Mehrheit haben, formieren den Widerstand.

Stand auf dem Markt
Claus Hecking

Stand auf dem Markt

"Viele Kunden gehen zum Discounter statt zu uns"

Viele Händler hier in Prati geben ihnen recht. "Das Volk hat diese Parteien gewählt, und wir leben in einer Demokratie", sagt Petrangeli. Und Giuseppe di Gregorio, der Fleischer, meint: "Die neuen Parteien haben eine Chance verdient. Wir brauchen endlich einen Wechsel in der Politik." Ebenso wie Petrangeli hat auch di Gregorio, 63, im März die rechtspopulistische Lega gewählt: zum ersten Mal in seinem Leben.

Einst war die Lega die Partei des Nordens, die den reichen Landesteil vom Rest Italiens abspalten wollte. Doch vor einigen Jahren hat sie den Separatismuskurs aufgegeben. Stattdessen trommelt sie seither unter ihrem Anführer Matteo Salvini gegen Migranten, gegen Brüssel, gegen den Euro. Und neuerdings auch gegen Deutschland. Damit findet sie auch weiter südlich immer mehr Anhänger.

Er sei der etablierten Parteien überdrüssig, sagt Giuseppe di Gregorio. Sie hätten Italien in Europa schlecht vertreten. Sie seien schuld am Euro, der alles drastisch verteuert habe, von den Mieten über den Strom bis zum Fleisch, das er auf dem Großmarkt einkauft. Auch an seinem Stand ist es ruhig geworden. "Viele Kunden gehen zum Discounter statt zu uns", sagt di Gregorio. "Sie haben so wenig Geld, dass sie sich keine Qualität mehr leisten können."

Giuseppe di Gregorio
Claus Hecking

Giuseppe di Gregorio

Dabei war Prati, die gutbürgerliche Gegend zwischen dem Vatikan und der Engelsburg, immer ein wohlhabender Stadtteil. Und das Herz des Viertels schlug im Mercato dell' Unità. Vergilbte Fotos an den Wänden zeigen Menschenmengen, die sich um die Stände drängten. Auf zwei Etagen des Jugendstilgebäudes von 1928 verkauften Händler ihre Ware und auf dem Dach mit Aussicht auf den Petersdom wurde eine Eisbahn errichtet. Heute sammelt sich Gerümpel auf dem Dach, das Untergeschoss ist zur Garage umfunktioniert wurden. Von einst 130 Ständen sind keine 40 mehr übrig. Und nur noch etwa die Hälfte davon haben Italiener gepachtet; fast alle sind 50 oder älter. Die anderen Betreiber sind Araber, Südostasiaten, Südamerikaner.

"Unsere ausländischen Konkurrenten arbeiten unfair"

Früher haben die Händler nach Feierabend im Mercato dell'Unitá ab und an zusammengesessen und ein Glas Wein getrunken. Das gebe es heute nicht mehr, sagt di Gregorio. "Es geht nur noch um Business." Er selbst hat auch kaum persönlichen Kontakt zu den neuen Kollegen aus Ägypten, Bangladesh oder Peru. Mehr als ein "Buongiorno" tauscht man selten aus.

"Ausländer werden oft besser behandelt als wir Italiener", behauptet di Gregorio. Er und seine einheimischen Kollegen müssten eine Fülle von Vorschriften erfüllen und würden von den Behörden intensiv kontrolliert. Das sei auch richtig so. "Aber für die Straßenhändler, die überall gefälschte Ware ausbreiten, interessiert sich niemand." Gemüseverkäufer Petrangeli sieht das ähnlich: "Unsere ausländischen Konkurrenten arbeiten unfair. Wir müssen angeben, wenn wir unsere Ware importiert haben. Die schreiben 'aus eigener Produktion' drauf, auch wenn das nicht stimmt. Und manche bezahlen keine Steuern."

Zaid Abu, 39, Vollbart, Lockenmähne und dunkler Teint, tippt "4,00" in seine Registrierkasse ein und überreicht den Beleg dem Kunden. Der hat gerade für 2 Euro ein kleines Schälchen mit Ananasstückchen gekauft - und bei der Gelegenheit noch ein paar Walnüsse mitgenommen.

Zaid Abu
Claus Hecking

Zaid Abu

Zaid Abu, der vor 16 Jahren aus Bangladesch nach Italien kam, hat seinen Stand gleich gegenüber von Petrangeli. Er ist hier der einzige Fruttivendolo, der Obst zum Sofortessen anbietet, appetitlich drapiert auf Eis. Dafür fängt er morgens schon um 5 Uhr mit dem Schälen an. Aber es zahlt sich aus. "Dieses Obst verkauft sich sehr gut, und es lockt die Kunden an", sagt Zaid Abu. Er hat als ungelernter Arbeiter angefangen, 2002, als er hierherkam und kein Wort Italienisch sprach. Aber er büffelte die Sprache, und das angesparte Geld investierte er 2009 in seinen eigenen Stand hier auf dem Mercato dell'Unita. An einem normalen Tag arbeite er von 5 bis 20 Uhr, 15 Stunden ohne Pause, sagt er. "Aber ich bin zufrieden. Das Geschäft läuft ganz gut."

Mittags schließt er den Stand und repariert Autos - sein Zweitjob

Maurizio Petrangeli kann nicht so lange auf dem Markt arbeiten. Er steht auch morgens in aller Herrgottsfrühe auf, um zum Großmarkt zu fahren. Aber mittags macht er den Stand dicht, dann muss er Autos reparieren, das ist sein Zweitjob. "So reicht es zum Leben", sagt er.

Würde unter einer Populistenregierung alles besser? Gäbe es dann einen Aufschwung in Italien - und käme dann die Kundschaft zurück zum Markt von Petri? Die Händler zucken mit den Schultern. "Ich weiß es nicht", sagt Di Gregorio. Er selbst will gar nicht raus aus dem Euro: Das Risiko sei zu groß. Aber er sagt auch, man solle etwas Neues ausprobieren: "Schlimmer kann es kaum noch kommen."

Und so will er bei der nächsten Wahl wieder sein Kreuz bei der Lega machen. Und immer mehr Italiener denken so wie er: In den Umfragen stehen die Rechtspopulisten mittlerweile bei 25 Prozent. Vor ihnen ist nur noch das Movimento Cinque Stelle. Das sind die anderen Populisten, die alles anders machen wollen in Italien.



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