Großdemo in Rom: Zehntausende Italiener protestieren gegen Spardiktat

Linke Gruppen riefen zum Massenprotest, Zehntausende kamen. In Rom demonstrierten sie gegen den rigiden Sparkurs - und Kanzlerin Merkel. Ministerpräsident Monti gerät auch im Parlament unter Druck: Der gerade verurteilte Silvio Berlusconi droht mit einem Misstrauensvotum.

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Rom - Die Forderung der Demonstranten war eindeutig: "Jagen wir die Regierung Monti davon". Unter diesem Motto zogen am Samstag mehrere zehntausend Menschen in Rom durch die Straßen. Sie protestierten damit gegen den harten Spar- und Reformkurs des früheren EU-Kommissars. Ministerpräsident Mario Monti hatte dem Land Steuererhöhungen, Ausgabenkürzungen und eine Renten- und Arbeitsmarktreform verordnet.

Linke Gewerkschafter, Lehrer und Studenten sowie andere politische Aktivisten, regierungsunabhängige Organisationen und Kommunisten hatten zum "No-Monti-Day" in der Hauptstadt aufgerufen. Auch Behinderte und Erdbebenopfer, die sich vom italienischen Staat benachteiligt fühlen, reihten sich ein, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete.

Georgio Cremaschi, einer der Organisatoren des Protestzuges, sprach von 150.000 Teilnehmern, die sich der Kundgebung angeschlossen hätten. "Die Italiener wachen endlich auf", sagte er der Nachrichtenagentur AGI. Einige Demonstranten hielten Marionetten hoch, die neben Monti auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama darstellten.

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Großdemonstration in Rom: Protest am "No-Monti-Day"

Kritiker werfen dem Regierungschef vor, zu wenig zu unternehmen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Arbeitslosenrate in Italien liegt offiziell bei 10,7 Prozent, unter jungen Leuten aber deutlich darüber. Es ist der höchste Wert seit 2004. Monti verteidigt seinen Reformkurs. Seine Technokratenregierung habe Italien ohne ausländische Hilfe aus dem tiefsten Tal der Krise geführt.

Berlusconi erwägt Misstrauensvotum gegen Monti

Während die Demonstranten durch Rom zogen, meldete sich auch Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi wieder zu Wort. Sein Mitte-rechts-Bündnis werde in den nächsten Tagen entscheiden, ob es ein Misstrauensvotum gegen Monti beantrage. Sollten ihm alle Abgeordneten des Bündnisses das Vertrauen entziehen, müsste Montis Technokratenkabinett abtreten. Berlusconi selbst will trotz seiner Verurteilung zu einer Haftstrafe in der Politik bleiben, allerdings nicht erneut für den Posten des Ministerpräsidenten kandidieren.

Im Gegensatz zu Protesten in Spanien und Griechenland sind Anti-Spar-Kundgebungen in Italien bisher nicht in Gewalt ausgeartet. Die römische Polizei hatte sich jedoch darauf vorbereitet, dass diesmal auch gewaltbereite Autonome anreisen könnten. Für den Zug der Zehntausenden vom Repubblica-Platz zu der Piazza San Giovanni waren deshalb starke Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Einige Demonstranten warfen Eier gegen die Schaufenster von Banken und zündeten Feuerwerkskörper. Weitere Vorfälle wurden nicht gemeldet.

Anfang November 2011 hatten in Rom Zehntausende an einer Demonstration der "Empörten" gegen die Sparpolitik des damaligen Regierungschefs Silvio Berlusconi teilgenommen. Wenige Tage später kündigte Berlusconi seinen Rücktritt an.

syd/Reuters/AFP/dpa

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insgesamt 127 Beiträge
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1. Mal kurz erinnern:
Gerdtrader50 27.10.2012
Es begann in London (auch ohne Euro) , dann in Frankreich, dann in Griechenland, dann in Spanien und Portugal, jetzt in Italien. Was bleibt noch ohne Demos im Eurowährungs-Land der seligen Eurofans ? Von 17 Ländern also in 5 Ländern gewaltsame oder gewaltbereite Demos. Hallo Frau Merkel, fühlen Sie sich noch wohl ? Herr Schäuble, hallo ? Auch noch gut gelaunt, mit Junker und Rompoy ? EIn unsympatisches Konglomerat aus angeblichen Demokratien mit diktatorischen Massnahmen zum Erhalt ihrer Schrottwährung. Bin mal gespannt, wann die ersten der Herrschaften in Weissrussland Asyl beantragen müssen.
2. Beliebt ist was anderes!
blaulocke13 27.10.2012
Durch Frau Merkel sind wir wieder sehr beliebt geworden in unseren Nachbarländern,aber muss ja wohl alles richtig sein was sie macht, denn die CDU liegt hier in den Umfragen bei 39%. Frau Merkel selber hat ja auch gute Umfrage Werte. Das versteh mal einer ,ich auf jeden Fall nicht.
3. Revelutionen
belphegor1 27.10.2012
werden immer mit leerem Magen initiiert,ich denke,das werden noch einige andere Regierungen erfahren müssen und wenn die Armut mal so groß wird,dass es zu einem europäischem "Flächenbrand" kommt,wird noch weitaus schlimmeres geschehen,davon bin ich überzeugt...
4. Sollen doch weiter Schulden machen
gldek 27.10.2012
Niemand hindert Italien daran sich am Kapitalmarkt Geld zu besorgen soviel es will. Die Zinsen diktiert der Markt, nicht Frau Merkel. Dafür dass Italien keine konkurrenzfähige Industrie mehr hat können wir Deutsche leider auch nichts. Also bitte weiter wurschteln, aber nicht auf unsere Kosten. Euro-Austritt wäre eine Alternative, dann könnte Italien wieder tonnenweise Lira drucken so wie früher. Die Merkel feindlichen Proteste erinnern mich an die Wut eines abgewiesenen Drückers, der gegen die Tür tritt, weil man ihm kein weiteres Geld geben will. Einfach nur unverschämt !
5.
Medienkenner 27.10.2012
Warum werden eigentlich bis zum Erbrechen immer wieder sinnlose Worthülsen wie "gewaltbereite Autonome" benutzt? Das grenzt doch an Verunglimpfung junger Leute, welche sich nur gegen "Gewalt von oben" wehren. Kein Journalist spricht im Zusammenhang Herrn Berlusconis von einem "betrugsbereiten Organisierten", obwohl das zweifelsfrei angebracht wäre. Mir jedenfalls ist ein steinewerfender, gegenüber militärisch ausgerüsteter Polizei sich in Notwehr befindender jugendlicher Demonstrant tausendmal lieber als ein Mafioso, der sich mit seiner konspirativen Bande hunderte Millionen Euro zusammengaunert.
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Steckbrief Italien
REUTERS
Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Das Land hat im Gegensatz zu Griechenland zwar eine recht solide Wirtschaft, leidet aber ebenfalls unter einer gigantischen Staatsverschuldung. Die wichtigsten Daten im Überblick:
Wirtschaftsleistung 2011
1589 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2589 Milliarden Euro

Griechenland: 222 Milliarden Euro
Wirtschaftswachstum 2011
+0,7 Prozent, zum Vergleich:

Deutschland: 2,9 Prozent

Euro-Zone: 1,6 Prozent
Wirtschaftswachstum 2012
+0,6 Prozent
Staatsverschuldung
1911 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2133 Milliarden Euro

Griechenland: 351 Milliarden Euro
Staatsverschuldung in Prozent des BIP
120 Prozent. Das ist doppelt so viel wie nach dem europäischen Stabilitätspakt eigentlich erlaubt.
Neuverschuldung 2011
4,0 Prozent. Laut Stabilitätspakt dürften es nur 3,0 Prozent sein.
Arbeitslosenquote
8,3 Prozent. In der Euro-Zone sind es 10,0 Prozent.

Quelle: EU-Kommission

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 59,571 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

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