Italiener in Deutschland Berlino gegen Berlusconi

Die Regierung? Allesamt Schurken. Die Opposition? Ein einziges Chaos. Berlins Italiener verzweifeln an der Lage im Heimatland - und machen nun von Deutschland aus gegen Silvio Berlusconi mobil. Ein Besuch bei der inoffiziellen Exil-Opposition.

Italiener in Berlin: Berlusconi-Gegner Corrado Lampe
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Italiener in Berlin: Berlusconi-Gegner Corrado Lampe


Berlin - Eigentlich erzählt die Schweinebacke bereits die ganze Geschichte. Corrado Lampe schneidet das Fleisch in fingerdicke Scheiben, dann hackt er die Stücke klein für die Soße: Er kocht eine Amatriciana, und zwar "die wahre Amatriciana", wie er sagt. "Speck hat darin nichts zu suchen, sondern nur echte Schweinebacke mit Peperoni." Viel zu oft werde einem heutzutage etwas Falsches als Amatriciana untergejubelt. Corrado Lampe hat es satt, manipuliert zu werden.

Genauso geht es seinen Gästen, die gleich in die ruhige Seitenstraße in Berlin-Kreuzberg kommen: Lampes kleines Ladenlokal ist der politische Treffpunkt für die Italiener in der deutschen Hauptstadt. In Italien herrsche Chaos, auch in den Köpfen, sagt Lampe. "Wir haben aus Berlin den klareren Blick, weil wir kein italienisches Fernsehen schauen." Regierungschef Silvio Berlusconi manipuliere alle, die Opposition mache ihre Arbeit nicht, also müsse man hier selbst in Berlin aktiv werden. Corrado Lampe, vor 57 Jahren in Rom geboren, verteidigt in Berlin nicht nur die wahre Amatriciana, sondern auch das wahre Italien.

Für ihn ist das: ein Italien ohne Berlusconi.

Im Laden sitzt Lampes Verein " Malaparte", hier treffen sich Restaurantbesitzer der Initiative "Mafia Nein Danke", Kulturvereine aus ganz Italien. Einmal pro Woche kocht Corrado Lampe für alle und zeigt Filme auf einer Leinwand im Hinterzimmer, an diesem Abend einen alten Pasolini-Film. Rund Dreißig sind gekommen. Es gibt Bruschetta und Salami als Vorspeise, handgemachte Maccheroni mit der wahren Amatriciana. Sie essen, trinken Wein und diskutieren über ihr Land. Nicht alle sind links, doch das gemeinsame Feindbild heißt: Berlusconi.

"Viele fliehen vor Berlusconi nach Berlin"

In Berlino, wie die Italiener die Stadt nennen, hat sich eine Art Exil-Opposition gegen die Regierung Berlusconi gebildet. Es sind Schauspieler und Schriftsteller, Restaurantbesitzer und Ladenverkäufer, die nicht nur italienisch essen und reden, sondern wollen, dass sich endlich etwas ändert. Auch ein Ableger der Anti-Korruptionspartei "Italia dei Valori" (Italien der Werte) hat sich hier gegründet.

"Viele junge Leute fliehen vor Berlusconi nach Berlin", sagt die Künstlerin Giovanna Salabè. Es kommen neue Studenten und auch Touristen, die länger bleiben. Offiziell sind 15.300 Italiener in der Hauptstadt registriert. Realistischer, sagen manche, ist eine Zahl um die 50.000. Wer durch Bezirke wie Friedrichshain, Kreuzberg oder Mitte geht, sieht, dass es auf jeden Fall viele sind. Dazu kommen Halbitaliener wie die Künstlerin Salabè und Vereinschef Corrado Lampe.

Corrado Lampe ist vor sechs Jahren nach Berlin gekommen. Früher hat er Kolumnen geschrieben, eine Bibliothek geleitet, jetzt will er in Berlin die "italienische Kultur vertreten" und hier im Lokal eine Bibliothek aufbauen. Gerade ist er wieder einmal in Rom gewesen - mitten im Chaos der italienischen Politik. Mit Hunderten Büchern, Dutzenden Kisten Wein und ein paar Schweinebacken ist er im Lastwagen wieder hochgefahren.

Was wollen die Italiener rund um Lampes Verein "Malaparte" von hier aus erreichen? Im Sommer haben sie auf dem Bebelplatz, wo die Nationalsozialisten Bücher verbrannt hatten, Teelichter im Umriss von Italien aufgestellt: aus Protest gegen ein Gesetz, das Journalisten "kriminalisieren sollte". Auf YouTube haben sie ein Video zusammengestellt, das zeigt, was sie an Berlin schätzen - und ihnen im Italien Berlusconis fehlt.

"Wir haben keine Wahl: Wir müssen der Welt ein anderes Italien zeigen", sagt Pietro, ein Italienischlehrer. Genauso wichtig sei es, den Landsleuten daheim klarzumachen, was die Welt denkt. "Wenn wir hier Aktionen zusammen mit Deutschen machen, dann beeindruckt das zu Hause."

Hier proben sie schon einmal das Italien nach Berlusconi

Also treffen sie sich jeden Dienstag. Als das Staatsfernsehen RAI kürzlich die Politshow des kritischen Moderators Michele Santoro vom Bildschirm nahm, schauten sie auf der Leinwand im Hinterzimmer YouTube-Videos von Santoro. "Berlusconi ist unsere kleine Obsession", sagt Corrado Lampe.

Glaubt er wirklich, dass sich etwas ändert?

Kürzlich keimte Hoffnung auf, als sich Berlusconis langjähriger Partner Gianfranco Fini aus der Koalition löste und eine eigene Fraktion gründete - die für keine Gesetze mehr stimmen will, von denen der Präsident persönlich profitiert. "Fini bereitet sich auf die Zeit nach Berlusconi vor", sagt er. Wenn Berlusconi weg ist, werde sich alles ändern: Die Berlusconi-Partei werden verschwinden, aber auch die Anti-Berlusconi-Parteien. Dann bestehe die Chance, dass das wahre Italien wieder auferstehe.

Solange proben sie es schon einmal in Berlin, das neue Italien. Während dort die Gesellschaft tief gespalten ist, sind hier im Laden auch Konservative oft dabei, neulich gar ein Berlusconi-Fan. "Wenn man hier in Berlin ist und zusammen kocht, dann ist das egal", sagt Giovanna Salabè.

Wenn Corrado Lampe nicht am Herd steht, ziehen manche ins Restaurant ein paar Häuser weiter. Der Besitzer, dem die Exil-Opposition dann ein Umsatzplus beschert, ist erklärter Berlusconi-Fan. "Aber eigentlich", sagt Corrado Lampe, "ist er ein ganz netter Kerl."



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Seite 1
Layer_8 06.11.2010
1. Interessant
Zitat von sysopDie Regierung? Allesamt Schurken. Die Opposition? Ein einziges Chaos. Berlins Italiener verzweifeln an der Lage im Heimatland - und machen nun von Deutschland aus gegen Silvio*Berlusconi mobil. Ein Besuch bei der inoffiziellen Exilopposition. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,725652,00.html
Ich habe Anfang der 1990er Jahre meine Diplomarbeit in Frascati, Italien gemacht (nein, nicht was Sie jetzt vielleicht denken), und hab den Niedergang der DC sowie den Aufstieg des Herrn B. quasi vor Ort mitbekommen, Rom war ja nicht weit. Und somit kann ich die Verzweiflung der Berliner Italiener wirklich verstehen. Und heute Abend gehe ich nach Kreuzberg italienisch essen. Wie heißt bitteschön der Laden genau, welcher im Artikel erwähnt wurde? Ick wohn nämlich jetzt ooch in Berlin :D
Kurt300 06.11.2010
2. und wann bewegen wir uns?
Albern, als ob die deutsche Regierung nicht ebenso korrupt wäre. Ich muss wohl nicht daran erinnern, wie oft schon Korruption bei deutschen Politikern vorgekommen ist, nur wird so etwas recht schnell totgeschwiegen. Atomlobby oder die Lebensmittellobby z.B., von allen fließen Gelder auf die Konten der Regierungsmitglieder, die etwas zu bestimmen haben. Das wohl eine Menge Regierungsbeamte ihr Geld in der Schweiz angelegt haben, steht wohl auch außer Frage, sonst gäbe es sicherlich keinen sinnvollen Grund für manche Bundesländer, Steuersünder- CD´s zu kaufen. Zu verschleiern haben alle etwas, nicht nur Berlusconi, nur spielt der noch den lustigen Clown vor den Kameras.....
Kurt300 06.11.2010
3. ...und wir schauen auch nur zu, wie andere auf unserem Rücken Fett werden....
Zitat von Kurt300Albern, als ob die deutsche Regierung nicht ebenso korrupt wäre. Ich muss wohl nicht daran erinnern, wie oft schon Korruption bei deutschen Politikern vorgekommen ist, nur wird so etwas recht schnell totgeschwiegen. Atomlobby oder die Lebensmittellobby z.B., von allen fließen Gelder auf die Konten der Regierungsmitglieder, die etwas zu bestimmen haben. Das wohl eine Menge Regierungsbeamte ihr Geld in der Schweiz angelegt haben, steht wohl auch außer Frage, sonst gäbe es sicherlich keinen sinnvollen Grund für manche Bundesländer, Steuersünder- CD´s zu kaufen. Zu verschleiern haben alle etwas, nicht nur Berlusconi, nur spielt der noch den lustigen Clown vor den Kameras.....
Sorry, da ist wohl ein Wort verloren gegangen ;) der korrekte Satz lautet: ....sonst gäbe es sicherlich keinen sinnvollen Grund für manche Bundesländer, Steuersünder- CD´s NICHT zu kaufen.
Clawog 06.11.2010
4. Berlusconi
Berlusconi steht für Stabilität. Das ist was, zählt. Das sich seine Gegner aufregen ist darum verständlich. Clowns gibt überall. Die meisten leben wohl in Deutschland.
partey 06.11.2010
5. stabil ?
Zitat von ClawogBerlusconi steht für Stabilität. Das ist was, zählt. Das sich seine Gegner aufregen ist darum verständlich. Clowns gibt überall. Die meisten leben wohl in Deutschland.
Die SED stand auch für Stabilität! Das Regime in China und Nodkorea gelten im allgemeinen auch als stabil. Erwähnenswert sind auch Iran, Birma, Saudi-Arabien und Kuba. Es kommt eben nicht auf die Stabilität an sondern viel mehr auf den Inhalt mit dem eine stabile Regierungszeit gefüllt wird.
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