Italiens Baby-Dilemma La Mamma kann sich keinen Nachwuchs leisten

"Bambini" werden in Italien vergöttert - aber es gibt kaum noch welche. Das Land bildet das Schlusslicht in der europäischen Geburtenstatistik. Spielplätze und Kindergärten: Fehlanzeige. Die Politik tut fast nichts für Familien, der Nachwuchs ist zum Luxusgut geworden.

Von , Rom

REUTERS

Im römischen Studentenviertel San Lorenzo steht ein Haus, das in die Annalen der Pädagogik eingegangen ist. In der Via dei Marsi 58 hat hier die Ärztin Maria Montessori vor hundert Jahren die "Casa dei Bambini" eröffnet, ihr erstes Kinderhaus. Von Mussolinis Faschisten wurde sie davongejagt, weil sie nicht in ihr Weltbild passte. Sie fand ihr Glück in den damals schon fortschrittlichen Niederlanden und wurde berühmt als Reformpädagogin, die Kinder zu selbstständig denkenden Wesen erzog.

Das erste Montessori-Haus von 1907 gibt es heute noch. Es hat einen riesigen Innenhof, in dem es blüht und wuchert wie in einem Dschungel, aber nur noch 15 Kinder, die hier aufwachsen. Denn Italien geht der Nachwuchs aus. Seit Jahrzehnten ist die Geburtenrate mit 1,3 Kindern pro Frau eine der niedrigsten Europas, obwohl sich zwei Drittel der Italienerinnen mindestens zwei Kinder wünschen. Aber sie können sich den Nachwuchs nicht mehr leisten.

In meiner Straße in der Altstadt wohnen nur noch drei Bambini. Man sieht sie selten, meist sitzen sie bis spät in die Nacht vor der Glotze, Kartoffelchips mampfend, ihre Eltern tyrannisierend, oder sie haben plissierte Kleidchen an und Lackschuhe und werden herumkutschiert von ihren rumänischen Kindermädchen.

Nie habe ich in Rom grüne Flecken auf Kinderknien gesehen, nie ein Kind allein auf dem Fahrrad, Zebrastreifen oder im Bus. Antike Säulen, Ausgrabungsstätten und Bernini-Brunnen gibt es an jeder Ecke, Spiel- oder Bolzplätze aber sind so rar wie Freibäder.

Sparopfer Familie

Im Land von "La Mamma", Spaghetti und Gelato werden Kinder immer noch vergöttert, abgeknutscht, in die Wange gekniffen, Italien ist kinderlieb, klar. Aber Italiens Politik ist das nicht.

Der Staat tut so gut wie gar nichts, um dem Klischee von Italien als Familienparadies noch gerecht zu werden. Auch in naher Zukunft wird sich das nicht ändern, denn gerade wurde in Rom ein knapp 80 Milliarden Euro schweres Super-Sparpaket verabschiedet, um die galoppierende Staatsverschuldung abzutragen. Und erste Opfer dieses Kahlschlags werden wie immer sein: Familien, Bildung und Kultur.

Italien ist europäisches Schlusslicht bei den Staatsausgaben für den Bildungssektor. Gerade mal 1,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts werden für Familienförderung ausgegeben, das ist weniger als die Hälfte des europäischen Durchschnitts. Der Mutterschutz in Italien dauert immerhin 21 Wochen, aber nur 16 Wochen davon werden bezahlt. Kindergeld bekommen lediglich Familien mit drei oder mehr Kindern - und das nur, wenn ihr Einkommen unter 15.000 Euro liegt. Für diese Summe lässt sich in Roms Zentrum gerade mal ein Garagenplatz mieten.

Noch schlechter sieht es bei der Versorgung der Kleinen aus: Nur sieben Prozent aller Kinder unter drei Jahren bekommen einen Krippenplatz, Tagesmütter sind so gut wie unbekannt in Italien, und eine Auszeit für Väter ist gesetzlich gar nicht vorgesehen. Allerdings gibt es ein Gesetz, das verlangt, dass Eltern ihre Kinder bis zum Alter von 14 Jahren in die Schule bringen und zur Mittagszeit wieder abholen. Und in Rom gibt es Schulen, die so pleite sind, dass die Schüler ihr Klopapier selbst mitbringen müssen.

Wie soll "La Mamma", wenn sie denn arbeiten möchte oder muss, um die Wohnungsmiete von durchschnittlich mehr als 1000 Euro im Monat zu zahlen, da noch wie früher am Herd stehen, Tomaten für den Pasta-Sugo einkochen, Basilikum zupfen und ihren Kleinen lustige Lieder trällern? Und was macht sie erst in den Sommerferien, die nicht wie in Deutschland sechs Wochen dauern, sondern zwölf: von Mitte Juni bis Mitte September?

Einzelkinder und Stubenhocker

So kommt es, dass Italien zu einem Land der Einzelkinder und Stubenhocker geworden ist. Wenn italienische Frauen überhaupt noch Kinder bekommen, sind sie deutlich älter als 30 Jahre. Sie wollen alles richtig machen, ihr Nachwuchs wird verhätschelt und verwöhnt mit dem ersten Auto, der ersten Wohnung. Die Kinder verlassen es ungern, das "Hotel Mama", weil es so bequem ist. Schuld sind Eltern, die verlernt haben loszulassen, die ihrem Nachwuchs nicht mehr zutrauen, selbständig klarzukommen. Schuld sind aber auch Italiens Regierende, die es seit Jahrzehnten versäumen, ihre Politik an moderne Familienstrukturen und Arbeitsverhältnisse anzupassen.

Da hilft es wenig, wenn Schüler und Studenten auch jetzt wieder auf die Straße ziehen und gegen die drastischen Einsparungen im Bildungssektor demonstrieren. Längst haben Italiens Universitäten den Anschluss an die Moderne verloren. Wer Karriere machen will, flüchtet ins Ausland, nach Berlin etwa, in die rasant wachsende Diaspora der Exil-Italiener.

Und auch die Wut der Frauen ist verständlich, die zu Millionen auf öffentlichen Piazze demonstrieren, um sich gegen ein sexistisches Frauenbild zu wehren und gegen einen Premierminister, der Bunga-Bunga-Orgien in seiner Privatvilla feiert und eine Ministerin für Gleichstellung ins Amt hievte, die mal Showgirl war auf seinen privaten TV-Kanälen. Heute trägt Ministerin Mara Carfagna die Haare kurz und hochgeschlossene Kostüme - Italienern ist sie peinlich.



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insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
verbal_akrobat 28.07.2011
1. Jedes Land hat die Regierung, die es verdient...
...bzw. gewählt hat (soweit alles mit rechten Dingen zugeht)!?! Ich kenne hierzulande nur Italiener die sich in diesen Punkten für ihr Land schämen... Viel wird dortzulande für die momentane kommende Generation erst mal nicht gehen...
eNc.orporation 28.07.2011
2. Titel
Ja mei, wenn man sich als Regierungschef 30 Jahre lang drauf konzentriert, fuer die eigenen Verbrechen nicht belangt werden zu koennen, dann muss man anerkennen, dass die restliche Politik einfach das nAchsehen hat und das eigenen Land vor die HUnde geht. Deutshcland blueht das als neachstes.
Foul Breitner 28.07.2011
3. Italiener
nerven eh nur. Gut, daß es weniger davon gibt. Pasta Sugo ? Wie wärs mit Nudeln und Hackfleischsoße ?
Gegengleich 29.07.2011
4. Gianna Nannini &Silvio Berlusconi: Eltern und Großeltern in Einem...
Und der arme Silvio versucht, das Dilemma im Alleingang weg zu"bungabunga"en. Dumm nur daß Ruby und Co. wohl verhüten. (Ich nehme mal nicht an, daß sich der Herr DAS antut...)
leser_81 29.07.2011
5. Vorbildlich
An diesen Beispielen sollten sich einmal die arabischen und afrikanischen Staaten ein Vorbild nehmen ! Nix mit 10 Kindern zeugen und sie dann nicht ernähren können, geschweige denn für deren Ausbildung sorgen ! Dann aber nach Europa kommen wollen bzw. nach Spenden schreien !
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