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Italiens neuer Regierungschef: Mario Monti soll Berlusconi-Nachfolge übernehmen

"Super-Mario" soll es richten: Der ehemalige EU-Kommissar Mario Monti hat den Auftrag, eine neue Regierung für Italien zu bilden. Er tritt die Nachfolge von Silvio Berlusconi an - und soll das Land aus der Krise führen.

Rom - Erfolg für den Wirtschafts-Experten: Staatspräsident Giorgio Napolitano gab Mario Monti den Auftrag, eine Regierung zu bilden, berichtete das italienische Präsidentenamt am Sonntagabend. Monti nahm diese Aufgabe "unter Reserve" an, Einzelheiten wollte er später selbst mitteilen. Monti muss noch vom Parlament in einem Vertrauensvotum bestätigt werden.

Monti werden gute Chancen eingeräumt, für eine "Experten-Regierung" die notwendige Rückendeckung in den beiden Kammern des Parlaments zu bekommen. Zuvor hatte Napolitano am Sonntag ganztägig Gespräche mit Vertretern der Parteien geführt. Es gebe nun einen "Wettlauf gegen die Zeit", schrieben italienische Medien. Rasch müsse eine neue Regierung vor allem aus Fachleuten gebildet werden, um die Phase der politischen Unsicherheit zu beenden. Eine Alternative zur Übergangsregierung wären Neuwahlen.

Monti soll Nachfolger von Silvio Berlusconi werden, der am Samstag zurücktrat, nachdem sein Reformpaket vom Parlament gebilligt worden war. Das Paket sieht die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre vor - aber erst 2026. Staatseigentum soll verkauft und einige Dienstleistungen sollen privatisiert werden.

Berlusconi trat zurück, weil er im Parlament keine Mehrheit mehr hatte. Sorgen vor einem finanziellen Kollaps und der Druck der Märkte hatten ihn zuletzt immer mehr isoliert, selbst in den eigenen Reihen verlor er an Unterstützung. Nach seinem Rücktritt will das hoch verschuldete Euro-Land jetzt schnell eine Notregierung zur Bekämpfung der Krise bilden.

Monti ist der Anti-Berlusconi: Er hat gute Manieren und macht wenig Lärm

Als Chef einer Übergangsregierung erwartet Monti eine schwierige Aufgabe: Italien weist nach Griechenland den höchsten Schuldenstand gemessen an der Wirtschaftsleistung innerhalb der Eurozone auf. Mit Spannung werden nun auch die Reaktionen der Finanzmärkte am Montag erwartet.

Die EU hat die Nominierung Montis zum neuen italienische Ministerpräsidenten bereits am Abend begrüßt. Dies sei nach der Verabschiedung der Spargesetze in Italien ein weiteres ermutigendes Signal zur Krisenüberwindung, teilten EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in Brüssel mit. Beide EU-Spitzen machten deutlich, dass die Ernennung Montis nichts an der vereinbarten wirtschaftspolitischen Überwachung Italiens durch die Europäische Union ändern werde. Kommissionsexperten sind bereits seit vergangener Woche in Rom, um die Bücher zu untersuchen.

Monti wurde schon zuvor als Favorit für die Position gehandelt und gilt in jeder Hinsicht als Anti-Berlusconi. Der schmale 68-Jährige mit den grauen Haaren und der Brille steht für Wirtschafts- und Finanzexpertise, für Bildung, gute Manieren und wenig Lärm. Parteipolitische Machtspiele seien dem international geachteten Akademiker ein Graus, heißt es. Kurz: Monti verkörpert ein anderes Italien, das mit der Bunga-Bunga-Ära von Berlusconi nichts zu tun haben will. Monti hatte dem Vorgänger vorgeworfen, "sich niemals wirklich für Wirtschaftspolitik interessiert zu haben".

1943 im norditalienischen Varese geboren, studierte der parteilose Monti in Mailand und an der renommierten Yale-University im US-Bundesstaat Connecticut. Als Professor arbeitete er in Mailand, Trient und Turin. Heute ist Monti Präsident der Mailänder Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi. Als EU-Kommissar für Wettbewerb und den Binnenmarkt machte er sich einen Namen als streitbarer Mann, der keinem Konflikt aus dem Weg geht. Das brachte ihm in Brüssel, wo er von 1995 bis 2004 arbeitete, auch den Beinamen "Super-Mario" ein.

Berlusconi will politisch weitermachen

International ist der Vater zweier Kinder auch aufgrund seiner wettbewerbsrechtlichen Positionen angesehen. In kartellrechtlichen Streitigkeiten zwang der Mann aus der Lombardei sowohl den amerikanischen Industrieriesen General Electric (GE) als auch den Softwarekonzern Microsoft dazu, klein beizugeben. Als EU-Wettbewerbskommissar legte sich Monti auch erfolgreich mit dem damaligen deutschen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und den deutschen Landesbanken an.

Berlusconi kündigte unterdessen an, er wolle politisch weitermachen und seinen Verpflichtungen im Parlament "mit doppeltem Einsatz" nachkommen. Es gehe darum, Italien zu erneuern, und er werde sich erst fügen, wenn dieses erreicht sei, sagte Berlusconi am Sonntagabend in einer Fernsehbotschaft.

Italien müsse die notwendigen Reformen durchführen und gemeinsam auftreten, um den Euro und die EU zu retten, sagte Berlusconi. Seine "Liebe und Leidenschaft für Italien" seien ungebrochen. Die Pfiffe und Beleidigungen, die ihn am Samstag auf dem Weg zu seinem Rücktritt begleitet hatten, machten ihn traurig, sagte Berlusconi.

sto/lgr/dpa/AFP

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1. Über das Lira-Italien haben wir früher nur gelacht
derweise 13.11.2011
Über das Lira-Italien haben wir früher nur gelacht. Heute sind wir mit von der Partie. War das von Schmidt, Kohl und Schröder eine überlegte Politik?
2. Berlusconi denkt immer nur in eigener Sache
sergio56 13.11.2011
Auch dieses Mal hat sich nicht verraten , seine Imperium Mediaset verlor in kurzer Zeit fast 15 %. Schwer zu glauben daß sowas der cavaliere nicht beunruhigt hat.
3. Noch mehr Böcke unter die Gärtner …
wika 13.11.2011
… Monti wirds richten, ganz im Sinne des bedrohten Geldes und nach griechischem Vorbild. Begeisterung macht sich breit. Ich hielte es in diesem Zusammenhang für angebracht, wenn Merkel die Regierungsgeschäft hierzulande schon mal an Ackermann übergäbe, warum erst auf die Entmachtung warten? Wäre doch nur folgerichtig und logisch, oder? Ist nun tatsächlich die konsequente Fortführung einer Politik die bereits vor geraumer Zeit *Charles Ponzi zu Ehren kommen ließ* … Link (posthume Würdigung seiner Lebens-Leistung durch die EU-Finanzminister) (http://qpress.de/2011/07/16/eu-finanzminister-wollen-charles-ponzi-auszeichnen/), dadurch belegt, dass sie sein System als das Rettungssystem schlechthin adaptierten und bis heute danach handeln. Wir kippen auf den Geldbrand stets frisches Geld, nach guter amerikanischer Tradition, stets in der Hoffnung es möge jetzt endlich aufhören zu lodern. Jetzt auch Italien im „Mach mir den Duce-Fieber“. Übrigens, der gut alte Ponzi stammt schließlich auch aus der Ecke … (°!°)
4. Nachfolge Mario Monti.
juentgen 13.11.2011
Man kann Italien nur gratulieren einen Wirtschaftsexperten an der Führung zu haben und weitere Experten einzustellen. In all den Jahren hatte Berlusconi das Land runtergewirtschaftet im Auftrage der Mafia denn er gehörte dazu. Nun kann das Land Italien und Europa aufatmen und vieles wird sich zum positiven ändern. Etwas auf das wir alle gehofft haben und der Dominoeffect ist nun entlich gestoppt.
5. Wenn Komissare und Bänker Politik machen
L_P 13.11.2011
Ein ehemaliger EU Komissar soll nun in Italien Regierungschef sein. Und ein ehemaliger Vizechef der europäischen Zentralbank in Griechenland. Beide kommen ohne Wahl ins Amt. Beide haben im Wesentlichen einen Auftrag: die Sparbeschlüsse der EU durchzuführen, hinter denen die betroffenen Völker nicht stehen. Wie lange wird es wohl dauern, bis die beiden nicht nur Beschlüsse, sondern auch Soldaten aus Brüssel brauchen, um nicht vom eigenen Volk aus dem Amt getrieben zu werden?
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Aufstieg und Fall Silvio Berlusconis: Ciao Cavaliere
Steckbrief Italien
Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Das Land hat im Gegensatz zu Griechenland zwar eine recht solide Wirtschaft, leidet aber ebenfalls unter einer gigantischen Staatsverschuldung. Die wichtigsten Daten im Überblick:
Wirtschaftsleistung 2011
1589 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2589 Milliarden Euro

Griechenland: 222 Milliarden Euro
Wirtschaftswachstum 2011
+0,7 Prozent, zum Vergleich:

Deutschland: 2,9 Prozent

Euro-Zone: 1,6 Prozent
Wirtschaftswachstum 2012
+0,6 Prozent
Staatsverschuldung
1911 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2133 Milliarden Euro

Griechenland: 351 Milliarden Euro
Staatsverschuldung in Prozent des BIP
120 Prozent. Das ist doppelt so viel wie nach dem europäischen Stabilitätspakt eigentlich erlaubt.
Neuverschuldung 2011
4,0 Prozent. Laut Stabilitätspakt dürften es nur 3,0 Prozent sein.
Arbeitslosenquote
8,3 Prozent. In der Euro-Zone sind es 10,0 Prozent.

Quelle: EU-Kommission

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Wechsel in Italien: Hektische Suche nach dem Anti-Berlusconi

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