Italiens Schuldenkrise: Berlusconi lästert über den Euro

Italien taumelt immer tiefer in die Finanzkrise, das Land bekommt frisches Geld nur gegen Rekordzinsen. Nun ging Silvio Berlusconi in die Offensive: Der Euro habe als Währung ohnehin niemanden überzeugt. Erst nach scharfer Kritik der Opposition lenkte der "Cavaliere" ein - zumindest ein wenig.

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Italiens Ministerpräsident Berlusconi: "Euro überzeugt niemanden"

Rom - Angriff ist die beste Verteidigung: Nach diesem Prinzip scheint Silvio Berlusconi derzeit seine Äußerungen zur Euro-Krise abzuwägen. Die EU-Partner drängen Italien zu immer strengeren Sparmaßnahmen, das Land drückt eine gewaltige Schuldenlast. Doch der "Cavaliere" lässt sich nicht einschüchtern - und holt selbst zur Euro-Schelte aus.

"Es gibt einen Angriff auf den Euro, der als Währung niemanden überzeugt hat, weil er nicht die Währung eines Landes ist, sondern von vielen", sagte Berlusconi laut "Corriere della Sera". Diese Länder hätten keine einheitliche Regierung und keine Referenzbank. All das ermögliche spekulative Attacken auf die europäische Währung.

Doch ganz wohl scheint sich Berlusconi in der Rolle des Euro-Kritikers dann doch nicht zu fühlen. Nach scharfem Protest aus der linken Opposition, die die Äußerungen kurz nach dem EU-Gipfel zur Schuldenkrise unverantwortlich nannte, schickte Berlusconis Amt in Rom hastig Korrekturen hinterher. Dies sei gar kein echter Angriff auf den Euro gewesen, ließ Berlusconi am Samstag mitteilen: "Der Euro ist unsere Währung, unser Symbol." Und um den Euro vor spekulativen Angriffen zu bewahren, sei Italien dabei, große Opfer zu bringen.

An seiner grundsätzlichen Kritik hielt Berlusconi jedoch fest: "Das Problem liegt darin, dass es die einzige Währung auf der Welt ist, ohne eine gemeinsame Regierung, ohne einen Staat, ohne eine Bank der letzten Instanz", fügte er hinzu.

Ökonomen warnen vor gewaltiger Kapitalflucht

Das hochverschuldete Italien bereitet nach zwei Sparpaketen neue wirtschaftliche Sanierungsmaßnahmen vor. Trotzdem warnen führende Ökonomen vor einer dramatischen Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage des Landes. "Seit dem Sommer gibt es eine riesige Kapitalflucht aus Italien, die atemberaubend ist", sagte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn der "Welt".

Die vermögenden Italiener verkauften ihre Staatspapiere an die Banka d'Italia, die sie mit neu gedrucktem Geld kaufe, und machten sich aus dem Staub, nach Deutschland oder in die Schweiz, sagte Sinn. Trotz der jetzt angekündigten Reformen sei die Gefahr groß, dass Italien die Schulden nicht in den Griff bekommt.

Das Land hatte sich am Freitag bei mehreren Versteigerungen von Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten frisches Geld beschafft - allerdings gegen Rekordzinsen. Für Zehnjahresanleihen im Volumen von insgesamt rund 7,9 Milliarden Euro musste Italien eine Rendite von 6,06 Prozent bieten, um ausreichend Käufer zu finden. Noch vor einem Monat lag der Zinssatz bei deutlich niedrigeren 5,86 Prozent.

Mit den bis März 2022 laufenden Anleihen nahm Italien weitere 2,89 Milliarden Euro ein. Laut dem Finanzministerium in Rom zahlte das Land damit die höchsten Zinsen für Schuldverschreibungen mit zehnjähriger Laufzeit seit Einführung des Euro. Analysten zeigten sich überrascht über die hohen Zinsen, die Italien zahlen muss. Mit den Gipfelbeschlüssen zur Euro-Rettung in der Nacht auf Donnerstag sollten eigentlich auch die Kosten für neue Schulden Italiens verringert werden.

14 Seiten Programm gegen die Krise

Frankreich und Deutschland hatten die Regierung Berlusconi nach dem Gipfel vehement gedrängt, schriftlich konkrete Maßnahmen zur Haushaltssanierung zu versprechen - so sollte das Vertrauen der Märkte erlangt werden.

Tatsächlich lieferte der Ministerpräsident am Donnerstag ein 14-seitiges Schreiben an die Runde der Euro-Staaten. Der "Corriere della Sera" nannte es das "größte Wirtschaftsreform-Programm, das in Italien je zu Papier gebracht wurde". Es umfasst unter anderem das Versprechen, das Rentensystem zu reformieren.

Wenige Tage nach dem Ende des Euro-Rettungsgipfels scheint nun festzustehen: Die Märkte glauben nicht an entschiedene und effektive Sparschritte Italiens. "Damit steigt der Druck auf Italien, sein Schuldenproblem zu lösen", sagte ein Analyst.

jok/dpa/Reuters/dapd

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insgesamt 228 Beiträge
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1. Punkt
beutzemann 29.10.2011
Zitat von sysopItalien taumelt immer tiefer in der Finanzkrise, das Land bekommt frisches Geld nur gegen Rekordzinsen. Nun ging Silvio Berlusconi in die Offensive: Der Euro habe als Währung ohnehin niemanden überzeugt. Erst nach scharfer Kritik der Opposition lenkte der "Cavaliere" ein - zumindest ein wenig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794765,00.html
Ein Cavaliere genießt und schweigt: und denkt mit dem ... (Fortpflanzungsteil bei jüngeren Menschen)
2. Antwort
imation 29.10.2011
Zitat von sysopItalien taumelt immer tiefer in der Finanzkrise, das Land bekommt frisches Geld nur gegen Rekordzinsen. Nun ging Silvio Berlusconi in die Offensive: Der Euro habe als Währung ohnehin niemanden überzeugt. Erst nach scharfer Kritik der Opposition lenkte der "Cavaliere" ein - zumindest ein wenig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794765,00.html
Stimmt.
3. Stimmt
gbk666 29.10.2011
Nun ging Silvio Berlusconi in die Offensive: Der Euro habe als Währung ohnehin niemanden überzeugt. Stimmt, einwandfrei.
4.
Liberalitärer 29.10.2011
"Das Problem liegt darin, dass es die einzige Währung auf der Welt ist, ohne eine gemeinsame Regierung, ohne einen Staat, ohne eine Bank der letzten Instanz" Si
5. jetzt befürchtet man eine "gewaltige Kapitalflucht"
si_tacuisses 29.10.2011
Zitat von imationStimmt.
Keine Angst. In Deutschland bleiben die Spargroschen zu 0,25 % Zinsen auf dem Sparbuch. Was schon immer richtig war kann nicht plötzlich falsch sein.
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