S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Der gefährlichste Mann Europas

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Auch in Deutschland gilt Beppe Grillo als Hoffnung. Dabei ist sein radikaler Antiparlamentarismus im Kern antidemokratisch. Der britische Journalist Nicholas Farrell sieht sogar Parallelen zu Benito Mussolini.

Der Mann, den Peer Steinbrück einen Clown genannt hat, besitzt Unterhaltungswert, darauf kann man sich einigen. Italien und der Euro? "De facto ist Italien doch schon aus dem Euro raus." Rom und das parlamentarische System? "Ich gebe den alten Parteien noch sechs Monate, und dann ist hier Schluss." Und diese Zitate sind nur Highlights aus dem Interview, das die Rom-Korrespondentin des "Handelsblatts" dieser Tage mit Beppe Grillo geführt hat. Was die Neigung zum Klartext angeht, stellt der Italiener sogar den Kanzlerkandidaten in den Schatten.

Steinbrück hat, wie man weiß, wegen seines Clown-Vergleichs mächtig Ärger bekommen. Hätte er es dabei belassen, nur Berlusconi als Kasper zu bezeichnen, wären alle einverstanden gewesen. Aber Grillo? Der Anführer der Straße und Held der Jugend, der mit seiner Fünf-Sterne-Bewegung gezeigt hat, wie man Merkels Spardiktat an seine Grenzen führt? Der Anwalt für kürzere Amtszeiten und saubere Sitten? Selbst in den eigenen Reihen fühlte man sich bemüßigt, den SPD-Kandidaten zur Ordnung zu rufen.

Energie aus dem Ressentiment

Zweifellos verdankt sich ein Teil der Sympathie, die Grillo auch in Deutschland zuteil wird, seiner Nähe zum linken Lager. Im Fünf- Sterne-Programm findet sich vieles von dem, was so oder so ähnlich bei Attac oder den Grünen stehen könnte: das Faible für alternative Energien, das Versprechen von mehr Bürgerbeteiligung, der Protest gegen die "fat cats", die man gerne auf Diät setzen würde. Aber das ist nur die Oberfläche. Mit solchem Firlefanz steigt man nicht in wenigen Jahren zur stärksten Partei auf, auch nicht in Italien.

Seine Energie bezieht Grillo aus dem Ressentiment. In der Anstachelung der Wut - gegen die Deutschen, gegen die Bürokraten in Brüssel, gegen das System - liegt die eigentliche Schwungfeder seines Erfolgs. Das ist es, was ihn groß macht, nicht der Appell an die Vernunft oder die Liebe zur Demokratie.

Wie bei allen Revolutionären ist Grillos Antwort auf die Malaisen der Gegenwart denkbar einfach. Man muss nur die Politiker fortjagen und am besten überhaupt mit allem aufräumen, was nach Macht und Privilegien riecht. "Wir sind jung", heißt es auf seinem Blog. "Wir haben keine Strukturen, Hierarchien, Chefs, Sekretäre. Niemand erteilt uns Befehle." Dass der Antipolitiker seine Bewegung mit der Französischen Revolution vergleicht, die mit der Idee der Gleichheit zum ersten Mal blutigen Ernst machte, kommt nicht von ungefähr. "Ohne Guillotine", wie er anmerkt, aber das will nicht viel heißen. Wenn das Volk in Rage gerät, sind nie diejenigen schuld, die seine Leidenschaften anfachten.

Puritanismus des radikalen Moralisten

Es ist der Puritanismus des radikalen Moralisten, der Grillo von seinen Mitbewerbern unterscheidet und ihm die Massen zutreibt. "Jeder Winkel wird ausgeleuchtet, jeder Ausschuss, jeder Besprechungssaal, jeder Flur", schwärmte nach der Wahl ein Fünf-Sterne-Anhänger. Die Bewegung wolle das "Getriebe des Staates gründlich säubern", lautete eine andere Erklärung, warum so viele Leute für den ehemaligen Komiker stimmten.

In der Realität ist Politik ein mühsames, etwas unappetitliches Geschäft. Sie hängt an Kompromissen, die nicht jedem schmecken. Manchmal muss man den Bürgern Dinge zumuten, die sie nicht verstehen oder nicht wollen. Gerade die Sozialdemokraten können davon ein Lied singen. In diesen Tagen jährt sich die Agenda 2010, die dem Land genützt, aber der Partei sehr geschadet hat. Dass die Stimme der Straße demokratischer sei als das Votum von Leuten, die man dazu in die Parlamente entsandt hat, ist eine Illusion, die auch hierzulande ihre Anhänger findet.

In seinen besten Momenten redet Grillo wie ein Sektenführer. Wenn er davon spricht, dass er "kein Anführer, sondern ein Garant" sei, erkennt man den Swami, der an anderer Stelle ebenso gut einen Ashram der Bußfertigen führen könnte. Man kann mit etwas Geschichtsbewusstsein in seinen Auftritten aber auch andere, schwärzere Vorbilder erkennen.

Parallelen zu Mussolini

Der britische Journalist Nicholas Farrell hat in der "Weltwoche" auf die Verwandtschaft mit einem anderen berühmten Italiener verwiesen, der vor fast einem Jahrhundert ebenfalls eine Bewegung gründete, die für sich in Anspruch nahm, die eigentliche Stimme des Volkes zu sein: Benito Mussolini. Farrell kennt sich mit Mussolini aus: Er hat 2003 eine viel beachtete Biografie des "Duce" vorgelegt.

Auch Mussolini bestand darauf, dass seine "Fasci di Combattimento" keine Partei, sondern eine Bewegung sei, weil Parteien nicht die Lösung, sondern das Problem wären. Auch Mussolini verstand sich und die seinen als Kraft der Säuberung, die endlich mit dem morschen korrupten System aufräumen werde. Und auch er repräsentierte die Jugend und den Freigeist, der nicht mehr an "übergreifende Programme" und "Statuten" glaubte, sondern an die "Frische" der Aktion.

Bis in die Wortwahl spürt Farrell den Parallelen nach. Wenn der Diktator vom Parlament als "dieser tauben und grauen Kammer" sprach, in die einzuziehen er sich geweigert habe, erklärt Grillo seine Weigerung zur Zusammenarbeit im Stile des "Duce" so: "Die alten Parteien sind am Ende. Sie sollten zurückgeben, was sie geraubt haben, und dann gehen. Entweder folgen sie uns, oder sie sind verloren." Die Verhöhnung des Parlamentarismus im Gewand der wahren Demokratie ist ein Trick, den alle Antidemokraten beherrschen, egal welcher Provenienz.

Es wird heute gerne übersehen, aber der Faschismus war im Kern eine linke Bewegung. Mussolini hat nie ein Hehl aus seiner ideologischen Abstammung gemacht: "Ich bin und werde immer ein Sozialist sein, meine Überzeugungen werden sich nie ändern. Sie sind mir in die Knochen eingepflanzt", rief er den Genossen zu, als sie ihn bei Kriegsausbruch 1914 wegen seiner Pro-Kriegs-Haltung aus der Partei warfen. "Mussolinis Faschismus war schwarz, Grillos ist grün, aber beide haben ein rotes Herz", schreibt Farrell.

Man kann sich nur wünschen, Steinbrück hätte mit seinem Satz recht, dass die Italiener zwei Komiker gewählt haben. Leider sieht es so aus, als ob er sich in einem von beiden sehr getäuscht hätte.

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1.
gog-magog 14.03.2013
Zitat von sysopAuch in Deutschland gilt Beppe Grillo als Hoffnung. Dabei ist sein radikaler Antiparlamentarismus im Kern antidemokratisch. Der britische Journalist Nicholas Farrell sieht sogar Parallelen zu Benito Mussolini. Italiens Wahlsieger Grillo: Der gefährlichste Mann Europas - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/italiens-wahlsieger-grillo-der-gefaehrlichste-mann-europas-a-888851.html)
Meine Güte, der Fleischhauer hats wieder mal nicht kapiert: Grillo wurde aus Protest gewählt und hat ungefähr den Rang der Piraten. Das ist auch schon alles. Da braucht man jetzt keinen Hype draus machen. Die Grillos dieser Welt gehen und vergehen.
2. Sicher, wenn das Volk
Baikal 14.03.2013
sich nicht mehr von Mafia Monti aka Goldman Sachs regieren lassen will, muß das ja antidemokratisch sein denn Goldman ist ja ebenso wie Mafia Draghivelli demokratisch von Natur aus.
3. Mussolini? nein,
angnaria 14.03.2013
ich würde ihn eher als eine linkspopulistische Variante von Jörg Haider bezeichnen: Das schimpfen gegen Brüssel, das zetern gegen die Hauptstadt (da Rom, dort Wien) und gegen die etablierten Parteien und das schüren von Resentiments gegen Ausländer (da die Deutschen/dort die Türken). Alles schon gehört, alles schon erlebt..nur dass die Verpackung hier unrasiert und langhaarig anstatt im Trachtenlook daherkommt.
4. Wie oft?
kuac 14.03.2013
Grillo hat Zulauf, weil die etabilierten versagt haben. Wie oft soll ich denn Menschen wählen, die entweder die Probleme nicht lösen können oder zum Teil auch verursacht haben?
5. Überschrift
_muskote 14.03.2013
Für einen kurzen Moment dachte ich, ich wäre auf bild.de. o.O
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