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Anschlagsplan mit Unterhosenbombe: Al-Qaida fiel auf US-Doppelagenten herein

Von , Washington

Es ist eine überraschende Wende im Fall des vereitelten Terroranschlags auf ein US-Flugzeug: Der von al-Qaida ausersehene Attentäter war in Wahrheit ein CIA-Agent, arbeitete auch für den saudi-arabischen Geheimdienst. Der Mann erwarb das Vertrauen der Terroristen und lieferte den USA wichtige Informationen.

Sicherheitskontrolle an US-Flughafen: Agent übergab "Unterhosenbombe" an Amerikaner Zur Großansicht
AFP

Sicherheitskontrolle an US-Flughafen: Agent übergab "Unterhosenbombe" an Amerikaner

Großes Kino. Es könnte der Stoff für ein Drehbuch sein. Da vereitelt der US-Geheimdienst CIA Ende April einen Qaida-Anschlag auf eine Passagiermaschine. Der Selbstmordattentäter wird mitsamt Bombe in Gewahrsam genommen, bevor er überhaupt ein Ticket für den Flug nach Amerika lösen kann. Am Montag dringt die Sache an die Öffentlichkeit. Gute Aktion. Allerdings ist das nur die halbe Geschichte.

Denn 24 Stunden später ist klar: Der vermeintliche Qaida-Attentäter ist Agent. Oder besser: Doppel-Agent, weil er sowohl für die amerikanische CIA als auch für den Geheimdienst Saudi-Arabiens arbeitete.

Das enthüllte am Dienstagabend zuerst die "Los Angeles Times". Demnach soll der vermeintliche Attentäter und Informant der Saudis die Qaida-Leute der Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) überzeugt haben, ihm mit einer neuen Version des als Unterhosenbombe bekanntgewordenen Sprengsatzes auszustatten. Der enthält kein Metall und soll so die Sicherheitskontrollen auf Flughäfen wirkungslos machen.

Offensichtlich ist der Plan gelungen. Doch der Agent übergab die Bombe dann nicht an die Saudis. Sondern an die Amerikaner.

Für die US-Dienste ein großer Erfolg, denn nun können sie die Bomben-Weiterentwicklung in aller Ruhe untersuchen. Und Rückschlüsse für die Flughafensicherheit ziehen. Mehr noch, der Informant hat die CIA offenbar auf die Spur eines der meistgesuchten Terroristen geführt. Sein Name: Fahd al-Kuso, einer der führenden Köpfe des AQAP-Terrornetzwerks, der unter anderem am Anschlag auf das US-Kriegsschiff USS "Cole" beteiligt war, bei dem im Jahr 2000 17 US-Marinesoldaten starben. Am vergangenen Sonntag gelang der CIA ein tödlicher Drohnenangriff auf Kuso in Jemens Südosten.

Wie die "New York Times" berichtet, soll der Tarn-Attentäter Wochen im Herzen der Qaida-Filiale verbracht und die CIA mit den entsprechenden Informationen für die Attacke auf Kuso versorgt haben. Für den Selbstmordanschlag auf das US-Linienflugzeug soll er sich dann freiwillig gemeldet haben. Mit der Bombe habe er den Jemen über die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen.

So fügen sich plötzlich die Puzzleteile der vergangenen Tage zusammen: Der Tod von Fahd al-Kuso; die Meldung vom Vorabend, dass noch unklar sei, was mit dem verhinderten Attentäter eigentlich geschehen sei; auch die Versicherung des FBI vom Montag, dass zu keiner Zeit eine Gefahr für die Öffentlichkeit bestanden habe, erscheint nun logisch. Der Drohnenangriff und der Versuch, in Besitz des Sprengsatzes zu kommen, seien "Teil der selben Operation" gewesen, sagte dann auch der Abgeordnete Peter King, Vorsitzender des Ausschusses für Heimatschutz im Repräsentantenhaus.

Terrorbedrohung aus dem Jemen

Somit sind den Amerikanern in den vergangenen Monaten entscheidende Schläge gegen al-Qaida im Jemen gelungen. Bereits im September 2011 konnte AQAP-Hassprediger Anwar al-Awlaki per Drohnenattacke ausgeschaltet werden, ein US-Bürger. Awlaki stand unter anderem in Kontakt mit Umar Farouk Abdulmutallab, jenem nigerianischen Islamisten, der Weihnachten 2009 in einem Passagierflugzeug über Detroit erfolglos versucht hatte, eine in seiner Unterhose versteckte Bombe zu zünden.

Die nun sichergestellte Bombe war offenbar eine direkte Weiterentwicklung jenes Sprengsatzes, den der als Unterhosenbomber bekanntgewordene Abdulmutallab bei sich trug. Die Bombe damals enthielt wohl den Sprengstoff Pentaerythritol oder Nitropenta (PETN).

Unterhosenbombe des verhinderten Attentäters Abdulmutallab (2009) Zur Großansicht
DPA

Unterhosenbombe des verhinderten Attentäters Abdulmutallab (2009)

Durch die Verwandtschaft der Sprengsätze führt die Spur jetzt zu einem weiteren jemenitischen Terroristen, den die USA seit Jahren zu erwischen suchen: Ibrahim al-Asiri, den mutmaßlichen Bombenbauer. Der soll nicht nur der Urheber jener Höllenmaschine im Flugzeug über Detroit sein. Im August 2009 sprengte sich sein Bruder - Abdullah al-Asiri - direkt neben dem Sohn des saudi-arabischen Innenministers in die Luft - per Bombe im Rektum. Das Opfer überlebte. Im Herbst 2010 dann versteckte AQAP zwei Sprengsätze in Computerzubehör, sie sollten in Frachtflugzeugen über der US-Ostküste explodieren. Auch dieser Anschlagsversuch konnte noch vereitelt werden.

Heißt: Die größte Terrorgefahr für die USA geht derzeit vom Jemen aus. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte am Dienstag, das jetzt aufgedeckte Komplott zeuge davon, "dass diese Terroristen versuchen, immer perversere und schrecklichere Methoden zu entwickeln, um unschuldige Menschen zu ermorden". Zudem bezweifeln die Amerikaner und der Westen, dass die jemenitischen Sicherheitskräfte die Terrororganisation wirklich entschlossen bekämpfen. Jemenitische Qaida-Experten hatten dem Regime des inzwischen aus dem Amt gedrängten Präsidenten Ali Abdullah Salih vorgeworfen, es habe zeitweise mit den Terroristen kooperiert. Weite Landstriche im Süden des Landes sind unter der Kontrolle der Terroristen.

Mit den Drohnenattacken hat US-Präsident Barack Obama ein adäquates Gegenmittel zu entwickeln versucht. Er hat diese Angriffe im Vergleich zu seinem Vorgänger George W. Bush massiv ausgeweitet und unzählige Qaida-Kader ausschalten können. Immer wieder kommen dabei allerdings auch unschuldige Zivilisten ums Leben.

Der Tarn-Attentäter und dessen Familie übrigens sollen nach Saudi-Arabien in Sicherheit gebracht worden sein, meldete die "New York Times" unter Berufung auf US-Beamte.

mit Material von AFP/dpa

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1. Glückwunsch
Pizza No.7 09.05.2012
Zitat von sysopAPEs ist eine überraschende Wende im Fall des vereitelten Terroranschlags auf ein US-Flugzeug: Der von al-Qaida ausersehene Attentäter war in Wahrheit ein CIA-Agent, arbeitete auch für den saudischen Geheimdienst. Der Mann erwarb das Vertrauen der Terroristen und lieferte den USA wichtige Informationen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832146,00.html
Saubere Arbeit. Glückwunsch an den US-Geheimdienst. Die Geschichte sollte nun bitte noch rasch als Doku-Drama verfilmt werden! Klingt spannend!
2. Glück gehabt!
salamist 09.05.2012
Da können die Flugpassagiere und der Doppelagent aber froh sein das in den nächsten Wochen keine Präsidentschaftswahlen sind in den USA bei denen die Reps mehr Stimmen bräuchten.
3. Tja, liebe Quaida - Chefs ...
Politikum 09.05.2012
... das kommt davon, wenn man bei entscheidenden Unternehmensteilen Outsourcing betreibt :-))
4. optional
the_chief2k 09.05.2012
stoerts eigentlich niemanden, dass die geheimdienste alle in letzter zeit "vereitelten" anschlaege selber initiiert haben? staatliche insitutionen gefaehrden die buerger und keinen regts auf? stattdessen wird hier im artikel noch gross gefeiert, was nun alles an tollen informationen herausgekommen ist. suuuuper! die einzigen terrororganisationen mit immer perverseren methoden sind die geheimdienste
5.
henning_treskow_44 09.05.2012
Zitat von sysopAPEs ist eine überraschende Wende im Fall des vereitelten Terroranschlags auf ein US-Flugzeug: Der von al-Qaida ausersehene Attentäter war in Wahrheit ein CIA-Agent, arbeitete auch für den saudischen Geheimdienst. Der Mann erwarb das Vertrauen der Terroristen und lieferte den USA wichtige Informationen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832146,00.html
Wie würde Nelson Muntz in solch einer Situation treffend formulieren: "Ha Ha!"
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