US-Feind Hafiz Saaed: Jagd auf Pakistans Terrorfürst

Von , Islamabad

Die USA haben auf Hafiz Saeed zehn Millionen Dollar Kopfgeld ausgesetzt. Doch der Gründer der Terrororganisation Lashkar-i-Toiba tritt weiter in Pakistan auf. Die Regierung weigert sich, den Mann zu verhaften. Prompt bemüht sich Washington um Schadensbegrenzung beim Verbündeten.

Pakistan: Streit um Hafiz Saeed Fotos
AFP

Man sieht Hafiz Saeed, 61, die Befriedigung an. Seine Augen funkeln, ständig lächelt er. Seht her, soll das heißen, jetzt hat Washington ein Kopfgeld über zehn Millionen Dollar auf mich ausgesetzt, und hier bin ich, für jedermann zugänglich, mir macht das nichts aus. Saeed gibt eine Pressekonferenz in einem Hotel in Rawalpindi, ganz in der Nähe des Armeehauptquartiers, der Machtzentrale Pakistans.

Saeed ist Mitgründer der Terrororganisation Lashkar-i-Toiba, der "Armee der Reinen". In den achtziger Jahren kämpfte er, mit Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI, Saudi-Arabiens und der USA, gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan. Nach der Niederlage der Roten Armee wandte sich Lashkar-i-Toiba dem Ziel zu, den von Indien besetzten Teil der Krisenprovinz Kaschmir zu befreien und Pakistan anzugliedern.

Vor allem Indien sieht in Saeed deshalb einen Terroristen. Neu-Delhi macht ihn für die Terrorangriffe auf Mumbai im November 2008 verantwortlich, bei denen 166 Menschen ums Leben kamen und die die Stadt fast drei Tage lang in Angst und Schrecken versetzten. Die Vereinten Nationen erklärten ihn daraufhin zum Terroristen. Lashkar-i-Toiba steckt nach Erkenntnissen indischer Ermittler aber auch hinter weiteren Anschlägen, darunter dem Angriff auf das Rote Fort in Delhi im Dezember 2000, den Bombenexplosionen beim Diwali-Fest in Neu-Delhi im Oktober 2005 und hinter den Anschlägen auf Pendlerzüge im Juni 2006.

Westliche Geheimdiensten liegen Erkenntnisse vor, wonach Lashkar-i-Toiba auch an Terroranschlägen in westlichen Staaten beteiligt ist, und zwar seit 2003. "Newsweek" bezeichnete die Organisation vor zwei Jahren deshalb als "nächstes al-Qaida".

Saeed erhält Rückendeckung von der pakistanischen Regierung

Die USA haben Anfang der Woche das Kopfgeld auf Saeed ausgesetzt und dafür Lob aus Indien bekommen. Doch Saeed gibt seither unbeirrt Interviews, tritt weiter öffentlich auf und lässt sich auf der Pressekonferenz feiern. "Wenn die USA mich kontaktieren wollen - ich bin da, sie können mich kontaktieren", verhöhnt er die Amerikaner. Normalerweise würden derartige Belohnungen nur für Menschen ausgesetzt, die sich in Bergen und Höhlen versteckten. "Wissen die Amerikaner nicht, wo ich lebe?" Er sei "jederzeit bereit", vor einem Gericht Rechenschaft abzulegen.

Lashkar-i-Toiba ist in Pakistan zwar seit Anfang 2002 verboten, jedoch operiert die Organisation unter dem Deckmantel der Hilfsorganisation Jamaat-ud-Dawa ungehindert im ganzen Land. Saeed ist derzeit Chef dieser Organisation. Ein Sprecher von Jamaat-ud-Dawa sagt SPIEGEL ONLINE, Saeed sei "kein Flüchtling, sondern ein freier Bürger Pakistans". "Er hat sich nicht versteckt und wird sich auch künftig nicht verstecken."

Rückendeckung erhält Saeed nun von der pakistanischen Regierung. Man benötige schon "konkretere Beweise", um gegen ihn vorgehen zu können. "In einem demokratischen Land mit einer unabhängigen Justiz muss ein Beweis gegen jemanden einer genauen richterlichen Prüfung standhalten", erklärt Abdul Basit, Sprecher des Außenministeriums und künftiger Botschafter Pakistans in Deutschland.

Auch das pakistanische Parlament kritisierte das Kopfgeld. Vor den Abgeordneten sagte Premierminister Yousuf Raza Gilani, der Vorgang würde das "Vertrauensdefizit" zwischen Pakistan und den USA weiter vergrößern. Oppositionsführer Chaudhry Nisar Ali Khan sagte, wenn heute Saeed zum Ziel der USA werde, könne es morgen "jeder gewöhnliche pakistanische Bürger" werden. Angeblich, heißt es aus Regierungskreisen, habe Saeed sich sogar bereit erklärt, bei der Deradikalisierung von Extremisten zu helfen.

In Hintergrundgesprächen sagen Ministerialbeamte, sie sähen das Kopfgeld als Drohung der USA gegen Pakistan, künftig Politik im Sinne Indiens zu machen, wenn Islamabad nicht tue, was Washington verlange.

Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist seit Anfang 2011 belastet, als ein CIA-Söldner in Lahore zwei Pakistaner erschoss. Der tödliche Schlag gegen Osama Bin Laden, den meistgesuchten Terroristen der Welt, im Mai 2011 sowie ein Nato-Luftschlag gegen einen pakistanischen Grenzposten im vergangenen November haben die Beziehungen weiter belastet. Pakistan hat die Nachschubwege der Nato in Afghanistan gesperrt und verlangt von den USA eine offizielle Entschuldigung für den Luftangriff.

Irritiert durch den öffentlichen Auftritt Saeeds und die Haltung der pakistanischen Regierung, sah sich das US-Außenministerium genötigt, das Kopfgeld zu erläutern. Es gehe nicht darum, Saeed festzunehmen, sondern ihn vor ein Gericht zu bringen - "in den USA oder anderswo". "Wir wissen, wo er sich aufhält. Jeder Journalist in Pakistan und in der Region kann ihn finden", räumte Ministeriumssprecher Mark Toner ein. "Wir suchen nach Informationen, die dazu führen, dass er verurteilt wird." Angesprochen auf die Pressekonferenz Saeeds in Rawalpindi, sagte Toner: "Bis zu diesem Zeitpunkt steht es ihm leider frei, zu tun, was er will. Aber wir hoffen, ihn bald hinter Gittern bringen zu können." Auch wolle Washington nicht den Druck auf Pakistan erhöhen, sondern die Regierung in Islamabad vielmehr "mit den Mitteln ausstatten, die nötig sind, um dieses Individuum rechtlich zu belangen".

Saeed schürt anti-amerikanische Gefühle

Wer also ist Hafiz Mohammed Saeed? Er wurde in der pakistanischen Provinz Punjab geboren, studierte Ingenieurswissenschaften und Arabisch. Während seiner Arbeit als Professor für Arabisch lernte er Kollegen kennen, die sich für den Kampf gegen die "ungläubigen" Russen in Afghanistan interessierten. Gemeinsam mit ihnen zog Saeed in den Krieg.

Viele Pakistaner sehen ihn heute als Helden, weil er öffentlich gegen den Erzfeind Indien und gegen die USA austeilt. "Ich setze mich dafür ein, dass die USA und die Nato ihre Soldaten in Afghanistan nicht mehr über Pakistan versorgen können", sagt Saeed. Die Menschen jubeln, wenn sie so etwas hören. Nach den Terroranschlägen in Mumbai war er auf Druck der USA zeitweise unter Arrest, aber man ließ ihn wieder frei - "aus Mangel an Beweisen", wie es damals hieß. Indiens Regierung ist empört, zumal der einzig überlebende Terrorist vor Gericht aussagte, dass Saeed der Kopf hinter dem Anschlag ist.

Regelmäßig tritt Saeed bei Veranstaltungen des "Defence Council of Pakistan", einem neugegründeten Bündnis aus rechten Parteien, militanten Gruppen und religiösen Organisationen, als Redner auf und wütet gegen die USA und Indien. In Washington nimmt man besorgt zur Kenntnis, dass dieses Bündnis offensichtlich die Unterstützung des pakistanischen Militärs und des Geheimdienstes hat.

Bruce Riedel, ein früherer CIA-Agent und jetzt Berater von US-Präsident Barack Obama für Pakistan und Afghanistan, sagte der Zeitung "Daily Telegraph", es gebe Hinweise, dass Saeed engen Kontakt zu Qaida-Chef Bin Laden hatte und gemeinsam mit ihm Terroranschläge plante. Das habe die Auswertung von Dokumenten ergeben, die man im Versteck Bin Ladens gefunden habe. Diese Erkenntnis sei der Grund für das Kopfgeld.

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1.
oswaldspengler 07.04.2012
Die Pakistanis sollten im Gegenzug die Befehlsgeber für den ummenschlichen Drohnenkrieg und die Folter in den CIA Geheimgefängnissen auf die Fahnungsliste setzen.Wenn die Amerikaner Beweise haben für den False Flag in Mumbai können sie die ja verbreiten. Hafiz Überstellung würde nur in Waterboarding und Geheimprozessen enden.
2. Verbündet
pepito_sbazzeguti 07.04.2012
Zitat von sysopDie USA haben auf Hafiz Saeed zehn Millionen Dollar Kopfgeld ausgesetzt. Doch der Gründer der Terrororganisation Lashkar-i-Toiba tritt weiter in Pakistan auf. Die Regierung weigert sich, den Mann zu verhaften. Prompt bemüht sich Washington um Schadensbegrenzung beim Verbündeten. US-Feind Hafiz Saaed: Jagd auf Pakistans Terrorfürst - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825991,00.html)
Wer einen solchen Verbündeten hat, braucht garantiert keinen Gegner mehr.
3.
horstma 07.04.2012
Wenn die USA so klare Fakten gegen diesen Saaed vorliegen haben, dann sollen sie zuerst den Weg gehen, der für einen Rechtsstaat angemessen ist: Sie sollen Pakistan dieses Material vorlegen, daß es von der Pakistanischen Justiz geprüft werden kann, anstatt Kopfgelder auszusetzen und mit Drohnenangriffen zu drohen. Pakistan ist jedoch ein Problemfall, und darum funktioniert das dort eventuell nicht: In Pakistan gibt es eine Schattenregierung, bestehend aus einem Islamistenpack, genannt Geheimdienst, das schon Bin Laden versteckt gehalten hat und so seine Verhaftung in Pakistan verhindert hat. Und da der Islam keine Religion, sondern eine Ideologie ist, steht diese Ideologie dort über allem - auch über Verbrechen, die im Namen dieses Islam verübt wurden. Wenn ein Land seine Hauptstadt schon Islamabad nennt, kann man sich ausrechen, wie man dort tickt. Dieser Geheimdienst wird verhindern, daß brave Islamisten, die gegen den "bösen Westen" Terror verüben, verfolgt werden, denn sie sind ja geistige Kinder dieses religiösen Irrsinns. Insofern hängt es davon ab, wie gut die amerikanischen Beweise sind, ob ein direktes Eingreifen der USA gerechtfertigt ist. Sind die Beweise klar und Pakistan kooperiert nicht, bin ich in diesem Fall auf Seiten der USA. Wir brauchen nicht noch mehr Al Qaidas.
4. Pepi
ofelas 07.04.2012
Zitat von pepito_sbazzegutiWer einen solchen Verbündeten hat, braucht garantiert keinen Gegner mehr.
Beweise vorlegen und dann...bis dahin nicht einfach ein Kopfgeld auf Personen ausstellen. Bei den vielen toten Zivilisten in Pakistan, ob durch US Joysticksoldaten oder SIcherheitspersonal verursacht, waere ich mit Kopfgeld etwas vorsichtiger...aber wir sind ja die Guten und duerfen alles, auch gegen internationales Recht
5.
pepper_pike 07.04.2012
Zitat von sysopDie USA haben auf Hafiz Saeed zehn Millionen Dollar Kopfgeld ausgesetzt. Doch der Gründer der Terrororganisation Lashkar-i-Toiba tritt weiter in Pakistan auf. Die Regierung weigert sich, den Mann zu verhaften. Prompt bemüht sich Washington um Schadensbegrenzung beim Verbündeten. US-Feind Hafiz Saaed: Jagd auf Pakistans Terrorfürst - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825991,00.html)
Die Nr. 1 der Terrorliste der USA hat keine große Lebenserwartung mehr, wenn das fette Schwein nicht vorher einen Herzkasper erleidet, werden die USA ihm den Gar ausmachen ob dem das pakistanische Terroristenregime zustimmt oder nicht, das Schwein ist tot.
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