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Jagd auf Homosexuelle in Südafrika: Gefoltert, vergewaltigt, erschlagen

Von Horand Knaup, Nairobi

Homosexuelle müssen in Südafrika um ihr Leben fürchten. Besonders übel ergeht es lesbischen Frauen, wie jetzt ein Report belegt: Sie werden vergewaltigt, um sie "auf den rechten Weg zurückzuführen". Viele Opfer sterben bei den Übergriffen. Und wenn sie überleben, demütigt sie die Polizei erneut.

Lesbisches Paar in Johannesburg: Homosexuelle müssen um ihr Leben fürchten Zur Großansicht
AP

Lesbisches Paar in Johannesburg: Homosexuelle müssen um ihr Leben fürchten

Noxolo Nogwaza, 24, starb in den frühen Morgenstunden am Ostersonntag 2011. Zum Verhängnis wurde der jungen Frau: Sie war offen homosexuell. Sie engagierte sich in einer Selbsthilfegruppe, sie demonstrierte für die Rechte von Lesben - und sie mischte sich in jener Nacht in einer Kneipe am Stadtrand von Johannesburg ein, als eine Freundin von Männern belästigt wurde. Die Freundin verließ die Bar und überließ Noxolo ihrem Schicksal.

Am nächsten Morgen wurde Noxolo tot aufgefunden. Die Täter hatten sie vergewaltigt, Zeugen hatten noch Schreie gehört, aber die Polizei nicht verständigt. Die Täter hatten mit Steinen auf sie eingeschlagen, ihren Körper mit Glasscherben aufgeschlitzt. Als ihre Leiche am nächsten Morgen unweit ihrer Wohnung gefunden wurde, war sie kaum zu identifizieren.

Das grausige Schicksal von Noxolo Nogwaza ist kein Einzelfall. Homosexuelle müssen in Südafrika um ihr Leben fürchten, sie werden erschlagen, gefoltert, erstochen. Noxolo war bekannt in ihrem Viertel, sie war bekannt in der Szene, und deshalb war ihre Beerdigung auch ein Fanal: 2000 Menschen kamen, um für ein toleranteres Südafrika zu protestieren - denn das ist das Land nicht. Im Jahr 2006 war Südafrika zwar das erste Land des Kontinents, das auch Ehen von Homosexuellen anerkannte. Doch die Toleranz war eine aufgesetzte, eine in der Verfassung festgeschriebene, keine gelebte. Für viele Südafrikaner, darunter ganz überwiegend Männer, sind Homosexuelle verirrt, krank und heilungsbedürftig.

Die Opfer haben wenig Hilfe von Polizei, Justiz und Politik zu erwarten

Insbesondere in den Armenvierteln des Landes hält sich zudem der hartnäckige Glaube, die Vergewaltigung einer lesbischen Frau werde diese schon auf den Pfad der heterosexuellen "Tugend" zurückführen. Es gibt sogar einen Ausdruck dafür, "corrective rape" nennt sich das. Häufig fällt dann eine ganze Gruppe von Männern über das Opfer her. Die BBC zitierte kürzlich einen Mann aus Johannesburg: "Wenn du es mit einer Lesbe zu tun hast, ist das für uns Männer, als ob sie sagen würde, dass wir nicht gut genug sind." Ohnehin ist Südafrika eine ungewöhnlich verrohte Gesellschaft. Rund 18.000 Morde jährlich, viele davon brutal ausgeführt, sind, bezogen auf die Einwohnerzahl, Weltrekord. Im vergangenen Jahr gab es 68.000 angezeigte Fälle von sexueller Gewalt, die Hälfte der Opfer waren Kinder und Jugendliche.

Im April 2008 war im gleichen Armenviertel, in dem auch Noxolo Nogwaza wohnte, die frühere Fußball-Nationalspielerin Eudy Simelane vergewaltigt, geschlagen und mit 25 Messerstichen geradezu abgeschlachtet worden. Auch sie hatte sich für die Rechte von Lesben engagiert. Im Mai 2011 wurde in Pretoria ein 13-jähriges Mädchen von mehreren Männern vergewaltigt, nachdem die Jugendliche erzählt hatte, sie sei lesbisch. Der Fall machte landesweit Schlagzeilen, und ein Regierungssprecher erklärte pflichtschuldig, dass die Regierung "diese sinnlosen und feigen Akte von Kriminalität verurteilt". Doch mehr geschah nicht.

Ohnehin haben die Opfer, wenn sie denn überleben, von der Polizei, den Gerichten und der Politik wenig zu erwarten. Fast alle Frauen, die versuchten, die physische oder sexuelle Gewalt bei der Polizei anzuzeigen, sahen sich auf den Polizeistationen erneuter Lächerlichkeit, Demütigungen und weiterer Verfolgung ausgesetzt. Zeugen gibt es nur in Ausnahmefällen, Gerichtsurteile so gut wie überhaupt nicht.

"Die Bedrohung durch Gewalt spottet jeder Beschreibung"

Die Jagd auf Lesben und Transsexuelle hat in den vergangenen zehn Jahren mehr als 30 Tote gefordert, Dutzende weitere Frauen wurden vergewaltigt und verletzt. Allein in Kapstadt, sagen Frauenrechtler, würden nach wie vor pro Woche über zehn homosexuelle Frauen vergewaltigt. Aufgeklärt wird kaum einer der Fälle, und von 25 Männern, die eine Anzeige wegen Vergewaltigung erhalten, sind 24 nach kurzer Zeit wieder auf freiem Fuß.

In einem aktuellen Bericht fasst jetzt auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nach. In der Untersuchung, der 120 Gespräche mit Betroffenen in Südafrika zugrunde liegen, wird das tägliche Drama für Zehntausende von Homosexuellen detailliert beschrieben. "Die Bedrohung durch Gewalt, die das tägliche Leben von Lesben, bisexuellen Frauen und geschlechtsumgewandelten (früheren) Männern insbesondere in den armen und nicht-städtischen Gegenden beherrscht, spottet jeder Beschreibung", heißt es in dem Report.

In Gefahr seien vor allem Frauen aus der Unterschicht: Diejenigen, "die sich ein Mittelschichtsleben leisten können, sind nicht in der gleichen Weise Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt" wie jene aus der Unterschicht, heißt es in dem Bericht.

Und die Regierung? Sie schaut der Gewalt und den Exzessen bisher weitgehend tatenlos zu. Als dem Justizminister im vergangenen Frühjahr eine Petition mit rund 170.000 Unterschriften vorgelegt wurde, verbunden mit der Aufforderung, etwas zu unternehmen gegen die Praxis des "corrective rape", setzte die Regierung eine Arbeitsgruppe ein. Doch Mittel gab es für deren Arbeit so gut wie keine. Und Ergebnisse? Auch nicht.

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insgesamt 46 Beiträge
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1. .
SchneiderG 07.12.2011
Zitat von sysopHomosexuelle müssen in Südafrika um ihr Leben fürchten. Besonders*übel ergeht es lesbischen Frauen, wie jetzt ein Report belegt: Sie*werden vergewaltigt, um sie "auf den rechten Weg zurückzuführen". Viele Opfer*sterben bei den Übergriffen.*Und wenn sie*überleben, demütigt sie*die Polizei erneut. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801838,00.html
Da es hier um eine unmenschliche aussenpolitische Sache geht, sollte unser Aussenminister nach SA reisen und sich dem Thema annehmen.
2. Vergewaltigen ist in Südafrika ein Volkssport
herrhoppenstedt 07.12.2011
Jeder vierte Südafrikaner hat mindestens einmal eine Frau vergewaltigt. Die Hatz auf Lesben ist nur ein Aspekt einer durch und durch verrohten Machogesellschaft. Vergewaltigen ist in Südafrika ein Volkssport - News Ausland: Naher Osten & Afrika - tagesanzeiger.ch (http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Vergewaltigen-ist-in-Suedafrika-ein-Volkssport/story/17328762) oder hier: Missbrauch in Südafrika: Alle zehn Minuten eine Vergewaltigung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,632612,00.html) Unternommen wird dagegen nichts. Vielleicht weil auch der Präsident in dieser Hinsicht kein unbeschriebenes Blatt ist? Südafrikas neuer Präsident Zuma: Der schwarze Berlusconi - Politik | STERN.DE (http://www.stern.de/politik/ausland/suedafrikas-neuer-praesident-zuma-der-schwarze-berlusconi-661690.html)
3. Südafrica
hubertrudnick1 07.12.2011
Zitat von SchneiderGDa es hier um eine unmenschliche aussenpolitische Sache geht, sollte unser Aussenminister nach SA reisen und sich dem Thema annehmen.
Hier zeigt es sich wie weit es mit der tatsächlichen Freiheit der Bürger in Südafrica wirklich steht. Ein Land das in Kriminalität und Unregeirbarkeit abgerutscht ist ist einfach kein gutes Beispiel für den Freiheitswillen anderen Länder.
4.
Meckermann 07.12.2011
Südafrika ist längst ein Failed State, darüber können Nebelkerzen wie die Vuvuzela-WM nicht hinwegtäuschen. Afrika ist leider ziemlich komplett gescheitert.
5.
heiko1977 07.12.2011
Zitat von sysopHomosexuelle müssen in Südafrika um ihr Leben fürchten. Besonders*übel ergeht es lesbischen Frauen, wie jetzt ein Report belegt: Sie*werden vergewaltigt, um sie "auf den rechten Weg zurückzuführen". Viele Opfer*sterben bei den Übergriffen.*Und wenn sie*überleben, demütigt sie*die Polizei erneut. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801838,00.html
Sorry Spiegel die letzten Jahre verschlafen??? Das ist nun seit Jahren bekannt und Verbände weisen immer wieder auf diese Missstände in Südafrika wie auch auf0 die Hexenverfolgung hin. Scheinbar realisiert erst jetzt der Spiegel diese Problematik.
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Fläche: 1.220.813 km²

Bevölkerung: 54,002 Mio.

Hauptstadt: Pretoria

Staats- und Regierungschef: Jacob Zuma

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