Jagd auf Rebellenchef Kony: Aktivisten starten Kampagne gegen den Schlächter von Uganda

Von und Horand Knaup

Seit mehr als 20 Jahren leben die Menschen in Zentralafrika in Angst vor Joseph Kony. Der Rebellenchef ließ Tausende Kinder für seine "Widerstandsarmee des Herrn" entführen, ließ morden, verstümmeln, vergewaltigen - und entkam immer. Nun macht eine US-Aktivistengruppe mit einer Web-Kampagne mobil.

AP

Hamburg/Nairobi - "Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist" - mit diesen Worten beginnt ein Video, das sich derzeit über soziale Netzwerke rasant verbreitet. Bis Donnerstagmittag wurde es auf YouTube mehr als 21 Millionen Mal angeklickt, mehr als 800.000 Mal positiv bewertet - binnen 48 Stunden. "Kony 2012" heißt das Video.

Musik, schnelle Bilder, die Erde von oben, Menschen, die sich umarmen, Mobilität, Kommunikationsströme - die Optik erinnert an ein Werbevideo, und im Grunde ist es das auch. Die Macher, eine Gruppe namens "Invisible Children", wollen damit aufmerksam machen auf die Gräueltaten des ugandischen Rebellenchefs Joseph Kony. Öffentlichkeit schaffen, Druck ausüben.

Seit 26 Jahren treibt Joseph Kony auf einer Fläche von rund 100.000 Quadratkilometern in den Wäldern zwischen Uganda, Zentralafrika, dem Kongo und dem Süden des Sudan sein Unwesen. Kony ist 49, selbsternannter General Gottes, Buschkrieger und Massenmörder. Die Menschen in der Region leben in Angst vor seiner "Widerstandsarmee des Herrn" (LRA), zeitweise hatte er mehrere tausend Männer, Frauen und Kinder unter Waffen, inzwischen sind es angeblich noch immer mehrere hundert. In seinem Auftrag wurde gemordet, geraubt, geplündert, vergewaltigt.

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Joseph Kony: Der Schlächter von Uganda
Seine Anhänger jedoch verehrten ihn als eine Art Messias, der prophetische Fähigkeiten besitze - das berichten die, die fliehen konnten. Seine Ideologie war stets krude, ein ausformuliertes politisches Konzept gab es nie. Das einzige Credo für des Teufels General: "Wir kämpfen für Gottes zehn Gebote."

Missbraucht, massakriert, verbrannt

Seine Truppen überfallen schutzlose Dörfer, die Männer werden umgebracht, Frauen vergewaltigt oder verstümmelt, die Kinder entführt und systematisch verroht. Immer wieder berichten Kinder, die entwischen konnten, von den Methoden der LRA. Viele wurde gezwungen, ihre eigenen Eltern zu massakrieren - ein Weg zurück ist damit nicht mehr denkbar. Andere mussten mitansehen, wie ihre Angehörigen mit Macheten in Stücke geschlagen wurden oder bei lebendigem Leib verbrannten. Die Jungs lernen das Töten, die Mädchen werden als Sexsklavinnen missbraucht. Wer den Absprung schafft, leidet oft ein Leben lang unter Ausgrenzung, in den Heimatdörfern will kaum jemand etwas mit den ehemaligen Kindersoldaten zu tun haben.

Gesucht wird Kony schon lange. Friedensgespräche brachten keinen Erfolg. Die Ugander haben ihm Sondereinheiten hinterhergeschickt, der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat 2005 einen Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen ihn ausgestellt. US-Präsident Barack Obama hat eine Truppe von hundert Militärberatern nach Kampala geschickt, um der ugandischen Armee bei der Jagd zu helfen. Doch Kony entkommt, immer wieder, mitunter offenbar nur knapp.

Die Kampagne "Kony 2012" hat sich zum Ziel gesetzt, den Druck auf die politischen Verantwortlichen so zu erhöhen, dass der Rebellenchef noch in diesem Jahr gefasst und vor Gericht gestellt wird. Der 30-minütige Film bedient sich dabei einer emotionalen Bildsprache, immer wieder tritt der Sohn von Regisseur Jason Russell auf, der "in einer besseren Welt" aufwachsen soll. Parallel wird die Geschichte des Jungen Jacob erzählt, den Russell 2003 kennenlernte. Jacob war eines jener Kinder, die Konys Truppen in den Busch verschleppten, er musste mitansehen, wie sein Bruder mit einem Machetenschlag in den Hals getötet wurde. Das Versprechen, "dass wir alles tun, was wir können, um dem ein Ende zu machen", ist der Beginn der Kampagne. Der Film zeigt dann, wie die Gemeinde der Anhänger stetig wächst, die Erfolge - und gibt Tipps, wie man die Aktion unterstützen kann.

"Das Muster erinnert an schlimmste Zeiten der Kolonialära"

Doch so erfolgreich die Kampagne sich verbreitet, so rasch gibt es auch heftige Kritik: am finanziellen Gebaren etwa (angeblich nutzt die Gruppe nur etwa ein Drittel ihrer Spenden für konkrete Hilfe, zu viel gehe für den Film, für Reisen und Gehälter drauf - die Stellungnahme der Gruppe lesen Sie hier) und an der Herangehensweise.

In afrikanischen Blogs wird bereits intensiv über Sinn und Unsinn der Kampagne aus Übersee gestritten. Der ugandische Journalist Angelo Izama schreibt: "Das Muster Gut gegen Böse, wobei Gut offensichtlich weiß/westlich und Böse schwarz oder afrikanisch ist, erinnert an die schlimmsten Zeiten der Kolonialära."

Und Solome Lemma aus Äthiopien erklärt: "Diese Geschichte von 'Invisible Children' über Uganda beschreibt die Menschen als Opfer, ohnmächtig und ohne Stimme, Willen oder Macht. Sie animiert Brigaden amerikanischer Studenten, sie zu befreien und den hässlichen Kerl beiseite zu schaffen, der der Grund für ihr Leiden ist. Eine schöne Fehleinschätzung der Realität vor Ort."

Die ugandische Journalistin Rosebell Kagumire kritisiert: "Das Video klammert alle Friedensbemühungen aus und simplifiziert den Krieg gegen Joseph Kony - einen durchgeknallten Teufel. Dieser Krieg ist mehr als nur Joseph Kony, und die Amerikaner werden nicht diejenigen sein, die ihn beenden."

Kony lässt Satellitentelefone verbannen

Auch wenn sie Kony noch nicht gefasst haben, sehen die Amerikaner doch durchaus Fortschritte in ihrem Kampf gegen den mutmaßlichen Massenmörder. "In den letzten Monaten sind eine ganze Anzahl seiner Soldaten übergelaufen oder entkommen oder sie wurden freigelassen", sagte kürzlich der Afrika-Unterstaatssekretär im State Department, Karl Wycoff. Auch die Zahl der Entführungen und Angriffe auf Zivilisten habe erkennbar abgenommen. "Entscheidend ist, dass die Militärs in der Region zusammenarbeiten, um den Druck auf die LRA aufrecht zu erhalten", sagte Wycoff.

Andere sehen den Auftritt der Amerikaner kritischer. Der LRA-Experte Phil Lancaster sagte: "Die Schätzungen des harten Kerns der Gruppe liegen seit 18 Monaten zwischen 250 und 150." Und die Beobachter des Genfer "Small Arms Survey" rechneten vor wenigen Tagen vor, es habe 2012 zwar keine Überfälle mehr im Südsudan gegeben, aber die Attacken im Kongo hätten zugenommen. Mindestens ein Dutzend Überfälle hätten in den ersten beiden Februar-Wochen im Kongo stattgefunden.

Kony selbst scheint den Verfolgungsdruck zu spüren. Überläufer berichten, er wechsle ständig seinen Aufenthaltsort. Zudem hat er offenbar verboten, in seiner Umgebung noch Satellitentelefone zu benutzen, um so der Gefahr einer Ortung zu entgehen.

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1. Mal was Neues...
HolyGhost 08.03.2012
Zitat von sysopAPSeit mehr als 20 Jahren leben die Menschen in Zentralafrika in Angst vor Joseph Kony. Der Rebell ließ Tausende Kinder für seine "Widerstandsarmee des Herrn" entführen, er ließ morden, verstümmeln, vergewaltigen - und entkam immer. Nun macht eine US-Aktivistengruppe mit einer Web-Kampagne mobil. Jagd auf Rebellenchef Kony: Aktivisten starten Kampagne gegen den Schlächter von Uganda - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820110,00.html)
...sonst hegt man doch allerorten Sympathien für "Rebellen", egal ob die morden, foltern und/oder plündern.
2.
denkeransatz 08.03.2012
Zitat von sysopAPSeit mehr als 20 Jahren leben die Menschen in Zentralafrika in Angst vor Joseph Kony. Der Rebell ließ Tausende Kinder für seine "Widerstandsarmee des Herrn" entführen, er ließ morden, verstümmeln, vergewaltigen - und entkam immer. Nun macht eine US-Aktivistengruppe mit einer Web-Kampagne mobil. Jagd auf Rebellenchef Kony: Aktivisten starten Kampagne gegen den Schlächter von Uganda - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820110,00.html)
KLASSE dass der Spiegel auf Anregungen reagiert... keine Ahnung ob es Zufall war aber ich bedanke mich für diesen Artikel.... da könnte sich die BLÖD zeitung mal ne scheibe von abschneiden!
3.
xRGBx 08.03.2012
Nein, das kann doch nicht sein! Nur Menschen europäischer Abstammung können böse sein!!! Asiaten, Araber und Afrikaner sind alles herzengute, friedliebende Menschen. Die haben noch nie einen Krieg angefangen.
4.
symolan 08.03.2012
Zitat von HolyGhost...sonst hegt man doch allerorten Sympathien für "Rebellen", egal ob die morden, foltern und/oder plündern.
Es ist wahrscheinlich ihr Problem, wenn sie nicht in der Lage sind zu differenzieren.
5. Haben die Nato-Staaten das noch nicht
iskin 08.03.2012
Zitat von sysopAPSeit mehr als 20 Jahren leben die Menschen in Zentralafrika in Angst vor Joseph Kony. Der Rebell ließ Tausende Kinder für seine "Widerstandsarmee des Herrn" entführen, er ließ morden, verstümmeln, vergewaltigen - und entkam immer. Nun macht eine US-Aktivistengruppe mit einer Web-Kampagne mobil. Jagd auf Rebellenchef Kony: Aktivisten starten Kampagne gegen den Schlächter von Uganda - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820110,00.html)
mitgekriegt, bedurfte es erst einer privaten Initiative, um auf diese Verbrechen aufmerksam zu machen. Wo sind denn unsere Poliker, die die Demokratie verbreiten wollen? Ach so, da gibt es keine Bodenschätze!
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