Jagd auf Saddams Regime Tarik Asis in US-Gefangenschaft

Riesen-Triumph für die Amerikaner: Tarik Asis, Vizepremier des Saddam-Regimes, ist in Gewahrsam der US-Militärs. Er war eine der schillerndsten Persönlichkeiten im irakischen Führungszirkel.




Tarik Asis hat sich offenbar selbst gestellt
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Tarik Asis hat sich offenbar selbst gestellt

Bagdad - Er war der Chefdiplomat Saddams, das Gesicht des Regimes. Immer wieder stand er für den Diktator hinter den Mikrofonen, verteidigte die Politik der Regierung. Zusammen mit der irakischen Führungs-Clique war er in den letzten Kriegstagen untergetaucht, blieb verschwunden. Jetzt gelang den Amerikanern ihr bisher hochkarätigster Fang.

Das Zentralkommando der US-Streitkräfte bestätigte gegen Mitternacht europäischer Zeit, dass sich Asis in US-Gewahrsam befindet. Laut Angaben des US-Senders CNN hat sich der 67-Jährige offenbar am späten Donnerstagabend den Militärs gestellt. Wo das passierte und wo er derzeit festgehalten wird, ist bislang unklar. Er war Nummer 43 auf der US-Liste der 55 meistgesuchten Iraker.

Der irakische Politiker war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des gestürzten Regimes. Noch kurz vor Ausbruch des Krieges war Saddams Vize-Premier, er ist Christ und gehört der mit Rom verbundenen chaldäischen Kirche an, zum Papst gepilgert und hatte um Hilfe gegen den drohenden Krieg ersucht ? vergebens.

In den Tagen vor der US-Invasion war Asis so etwas wie der oberste Pressesprecher des Irak. Mit dem weißen Haarschopf und der großen dunklen Brille tauchte er regelmäßig auf den Fernsehschirmen auf: Ob er nun einen japanischen Emissär empfing, Gruppen deutscher Journalisten oder eine Delegation der Heidelberger Gesellschaft für Europäische Außen- und Sicherheitspolitik. Freiwillig ergeben wollte er sich damals auf keinen Fall. Lieber wolle er sterben, als in US-Gefangenschaft zu geraten, verkündete er vollmundig.

Asis gehörte seit Jahrzehnten der Führungsmannschaft um Saddam an. Im nordirakischen Mossul 1936 geboren, studierte er englische Literatur in der Akademie der Künste in Bagdad. Er wurde Lehrer und Journalist, schloss sich 1957 der Baath-Partei an. 1979 ließ Saddam ihn zum stellvertretenden Ministerpräsidenten aufsteigen, zeitweilig nahm er auch das Amt des Außenministers wahr.

Stets hatte Asis, der zu den Intelligenteren unter Saddams Machtmännern gehörte, die übliche Siegesgewissheit verbreitet. Im ganzen Land, jeder Stadt und jedem Dorf sei man vorbereitet auf den Krieg, verkündete er, eine furchtbare Niederlage drohe den Amerikanern.

Später hatte es Gerüchte um ihn gegeben. Mitte März hatte es geheißen, er sei im Norden des Irak übergelaufen. Doch wenig später präsentierte er sich munter im irakischen Fernsehen.

Kurz nach der Einnahme Bagdads hatten US-Soldaten das Haus des Vizepremiers durchsucht, einen vierstöckigen Bau am Ufer des Tigris. Seine reich ausgestattete Bibliothek offenbarte einen kosmopolitischen Geschmack. In den Regalen fanden sich Bücher vom ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger, Werke von und über Ajatollah Chomeini und Ex-Präsident George Bush senior. Auch Schlapphut-Lektüre war dabei, etwa mehrere Werke über den US-Geheimdienst CIA.

Der amerikanische Starjournalist und Watergate-Enthüller Bob Woodward brachte es ebenfalls bis in Asis' Regal, mit seinem Buch "Geheimcode Veil - Reagan und die geheimen Kriege der CIA". Gerne studiert wurde offenbar auch das Werk "Saddams Krieg", eine Untersuchung über die irakische Invasion in Kuweit 1990, und "Hitlers Krieg" von David Irving.

In einer Glasvitrine stapelten sich rund 50 amerikanische Kinofilme auf DVD, zum Beispiel Francis Ford Coppolas Mafia-Trilogie "Der Pate", die romantische Komödie "Schlaflos in Seattle" mit Tom Hanks und Meg Ryan sowie Actionstreifen, etwa über den Kungfu-Star Bruce Lee.

Der Mann hatte seine Feinde studiert.



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