Aus Hiroshima berichtet Till Mayer
Die Atombombe und kleine gefaltete Origami-Kraniche - für Kyoko Niiyama gehört das unabänderlich zusammen. "Weil jeder der Papiervögel von der traurigen Geschichte meiner Stadt erzählt, aber auch von ihrer Hoffnung und Stärke", sagt die 20-Jährige.
Als Schulmädchen hat sie versucht, selbst Kraniche zu falten. So wie es einst Sadako Sasaki tat. Die Geschichte von Sadako Sasaki kennt in Hiroshima jedes Kind, ganze Schulklassen pilgern zu ihrem Denkmal im örtlichen "Friedensgedächtnispark". Sie legen dort auf Schnüre aufgefädelte Papierkraniche ab.
Sadako Sasaki war zwei Jahre alt, als die Atombombe über ihrer Heimatstadt explodierte. Mit zwölf Jahren starb sie, wie viele Kinder Hiroshimas, an Leukämie, als Folge der radioaktiven Strahlung, der sie durch die Bombe ausgesetzt war. Als Sadako Sasaki schon im Krankenhaus lag, erzählte ihr eine Freundin, dass derjenige, der 1000 Kraniche faltet, einen Wunsch bei den Göttern frei hat. Schon nach einem Monat hatte das Mädchen über 1000 Papiervögel gefaltet.
Kyoko Niiyama kennt diese Geschichte auswendig und trotzdem muss sie manchmal immer noch schlucken, wenn sie sie erzählt. Vielleicht, weil sie dabei an ihre Großmutter denken muss, die eine Hibakusha ist, eine Atombomben-Überlebende. An die vielen Geschichten, die sie ihr über den 6. August 1945 erzählt hat, über das zerstörte Hiroshima und über Kyoko Niiyamas Ur-Großvater, dessen Leichnam niemals gefunden wurde. Wahrscheinlich, weil er bis zur Unkenntlichkeit verbrannte. Oder nach der Explosion nichts mehr von ihm übrig war, das man als Leichnam hätte bezeichnen können. "Meine Großmutter sagt heute noch, dass sie nie in der Lage war, den Tod ihres Vaters wirklich anzunehmen, weil sein Schicksal nicht geklärt werden konnte", erzählt die 20-Jährige. "Es ist ein Schmerz, der nie vergeht."
Wird Hollywood je einen objektiven Film über Hiroshima drehen?
"Hiroshima ist eine besondere Stadt mit einer Botschaft", sagt Kyoko Niiyama, die einmal Journalistin werden will. Zurzeit absolviert sie ein Praktikum im örtlichen "Peace Memorial Museum". Ein gewaltiges, modernes Gebäude, in dessen Inneren das Unfassbare ausgestellt ist. Es gibt dort auch eine Vitrine mit Kranichen, die Sadako Sasaki gefaltet hat. Neben alten Fotos, riesigen Modellen und Dachziegeln, die der Feuersturm der Bombe zum Schmelzen brachte.
Die Exponate des Museums erschüttern. Für Kyoko Niiyama ist das wichtig. "Vergangenheit darf man nicht vergessen. Natürlich auch nicht die Verbrechen, die das Militär unseres Landes im Zweiten Weltkrieg angerichtet hat", erklärt die junge Frau. Denn Japan tut sich 65 Jahre nach Kriegsende immer noch schwer mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.
Doch das ist ein kontinentübergreifendes Problem, wie Kyoko Niiyama feststellen musste. Die Japanerin ist als Austauschstudentin an einer Universität in den USA eingeschrieben. "Für mich ist die Botschaft Hiroshimas keine Anklage, sondern eine Mahnung für den Frieden und gegen die Atombombe. Ich hätte meinen US-Kommilitonen gerne so viel über meine Heimatstadt und ihre Geschichte erzählt", sagt die junge Frau. Doch sie stieß auf wenig Interesse.
Amerikas Geschichtsschreibung, so hat es Kyoko Niiyama erfahren, spiegelt sich in schwülstigen Streifen wie "Pearl Harbor". Eine Diskussion über den Einsatz der Atombomben auf Hiroshima oder Nagasaki - das fehlte der jungen Japanerin. "Auf einen objektiven Hollywood-Film über die Opfer von Hiroshima werden wir wohl ewig warten." Kyoko Niiyama klingt bitter.
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