Jahrestag der Atombombe Hiroshima stemmt sich gegen das Vergessen

Auch in Hiroshima gibt es Sehenswürdigkeiten, doch die meisten erzählen eine traurige Geschichte. Als die Atombombe "Little Boy" am 6. August 1945 explodierte, löschte sie Zehntausende Leben aus - und mit ihnen die Zukunft einer ganzen Generation. Heute kämpft die Stadt gegen das Vergessen.

Aus Hiroshima berichtet Till Mayer


Die Atombombe und kleine gefaltete Origami-Kraniche - für Kyoko Niiyama gehört das unabänderlich zusammen. "Weil jeder der Papiervögel von der traurigen Geschichte meiner Stadt erzählt, aber auch von ihrer Hoffnung und Stärke", sagt die 20-Jährige.

Als Schulmädchen hat sie versucht, selbst Kraniche zu falten. So wie es einst Sadako Sasaki tat. Die Geschichte von Sadako Sasaki kennt in Hiroshima jedes Kind, ganze Schulklassen pilgern zu ihrem Denkmal im örtlichen "Friedensgedächtnispark". Sie legen dort auf Schnüre aufgefädelte Papierkraniche ab.

Sadako Sasaki war zwei Jahre alt, als die Atombombe über ihrer Heimatstadt explodierte. Mit zwölf Jahren starb sie, wie viele Kinder Hiroshimas, an Leukämie, als Folge der radioaktiven Strahlung, der sie durch die Bombe ausgesetzt war. Als Sadako Sasaki schon im Krankenhaus lag, erzählte ihr eine Freundin, dass derjenige, der 1000 Kraniche faltet, einen Wunsch bei den Göttern frei hat. Schon nach einem Monat hatte das Mädchen über 1000 Papiervögel gefaltet.

Fotostrecke

12  Bilder
Atombomben-Gedenken: Hiroshima, 6. August
Als Papier nahm sie Verpackungen, Zeitungen und Magazine. Mitpatienten und Freunde brachten ihr Bögen. Die Zwölfjährige faltete tapfer Tag für Tag. Der Wunsch auf Genesung blieb ihr verwehrt. Sadako Sasaki starb am 25. Oktober 1955. Als ihre Eltern sie an ihrem Todestag aufforderten, mehr zu essen, bat sie um Tee mit Reis. "Es schmeckt sehr gut", sagte das Kind. Es waren ihre letzten Worte.

Kyoko Niiyama kennt diese Geschichte auswendig und trotzdem muss sie manchmal immer noch schlucken, wenn sie sie erzählt. Vielleicht, weil sie dabei an ihre Großmutter denken muss, die eine Hibakusha ist, eine Atombomben-Überlebende. An die vielen Geschichten, die sie ihr über den 6. August 1945 erzählt hat, über das zerstörte Hiroshima und über Kyoko Niiyamas Ur-Großvater, dessen Leichnam niemals gefunden wurde. Wahrscheinlich, weil er bis zur Unkenntlichkeit verbrannte. Oder nach der Explosion nichts mehr von ihm übrig war, das man als Leichnam hätte bezeichnen können. "Meine Großmutter sagt heute noch, dass sie nie in der Lage war, den Tod ihres Vaters wirklich anzunehmen, weil sein Schicksal nicht geklärt werden konnte", erzählt die 20-Jährige. "Es ist ein Schmerz, der nie vergeht."

Wird Hollywood je einen objektiven Film über Hiroshima drehen?

"Hiroshima ist eine besondere Stadt mit einer Botschaft", sagt Kyoko Niiyama, die einmal Journalistin werden will. Zurzeit absolviert sie ein Praktikum im örtlichen "Peace Memorial Museum". Ein gewaltiges, modernes Gebäude, in dessen Inneren das Unfassbare ausgestellt ist. Es gibt dort auch eine Vitrine mit Kranichen, die Sadako Sasaki gefaltet hat. Neben alten Fotos, riesigen Modellen und Dachziegeln, die der Feuersturm der Bombe zum Schmelzen brachte.

Die Exponate des Museums erschüttern. Für Kyoko Niiyama ist das wichtig. "Vergangenheit darf man nicht vergessen. Natürlich auch nicht die Verbrechen, die das Militär unseres Landes im Zweiten Weltkrieg angerichtet hat", erklärt die junge Frau. Denn Japan tut sich 65 Jahre nach Kriegsende immer noch schwer mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Doch das ist ein kontinentübergreifendes Problem, wie Kyoko Niiyama feststellen musste. Die Japanerin ist als Austauschstudentin an einer Universität in den USA eingeschrieben. "Für mich ist die Botschaft Hiroshimas keine Anklage, sondern eine Mahnung für den Frieden und gegen die Atombombe. Ich hätte meinen US-Kommilitonen gerne so viel über meine Heimatstadt und ihre Geschichte erzählt", sagt die junge Frau. Doch sie stieß auf wenig Interesse.

Amerikas Geschichtsschreibung, so hat es Kyoko Niiyama erfahren, spiegelt sich in schwülstigen Streifen wie "Pearl Harbor". Eine Diskussion über den Einsatz der Atombomben auf Hiroshima oder Nagasaki - das fehlte der jungen Japanerin. "Auf einen objektiven Hollywood-Film über die Opfer von Hiroshima werden wir wohl ewig warten." Kyoko Niiyama klingt bitter.

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 178 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Yoshimo 06.08.2010
1. Aufarbeitung
---Zitat--- Wird Hollywood je einen objektiven Film über Hiroshima drehen? ---Zitatende--- Nein, denn die USA tun sich mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit noch viel schwerer als Japan.
keerborstel 06.08.2010
2. .
Auf einen objektiven Hollywoodfilm über die Opfer von Hiroshima werden wir wohl ewig warten Man muß sich die Ausstellung im Peace Memorial Museum persönlich anschauen um wirklich zu begreifen was da passiert ist.Danach wird man anders denken, und nicht mehr leichtfertig über den gerechten Einsatz der Atombomben durch die Amerikaner schreiben. Von Hollywood kann es nie einen objektiven Film geben.
Schleswig 06.08.2010
3. xxx
Zitat von sysopAuch in Hiroshima gibt es Sehenswürdigkeiten, doch die meisten erzählen eine traurige Geschichte. Als die Atombombe "Little Boy" am*6. August 1945 explodierte, löschte sie Zehntausende Leben aus - und mit ihnen die Zukunft einer ganzen Generation. Heute kämpft die Stadt gegen das Vergessen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,710147,00.html
Sehr schön das ein ganzes Land, eine ganze Stadt gegen das Vergessen ankämpft. Aber anscheinend nicht wenn es sich um die zahlreichen Kriegsverbrechen der Japaner handelt. Eine Aktion, in Form von Krieg, zieht eine Reaktion nach sich. Da macht sich Täter zu Opfern.
slimfips 06.08.2010
4. Tough
Ich hatte vor 2 Jahren die Gelegenheit das Hiroshima Peace Memorial Museum sowie den umliegenden Park zu besuchen. Es ist ein ziemlich unbegreifliches Gefuehl, in gewisser Weise aehnelt es dem Gefuehl, wenn man in Deutschland ein ehemaliges KZ besucht. Auch wenn Japan natuerlich jede Menge eigene Verbrechen begangen hat, ist das grausame Schicksal der Frauen und Kinder in Hiroshima wirklich unvorstellbar. Wenn man im Museum ein halbgeschmolzenes Dreirad sieht und den Schatten eines verbrannten Kindes dahinter, wird man von einer Mischung aus Wut und Trauer durcheinandergewirbelt. Das eigentlich Erschreckende ist jedoch, dass es in dem Museum eine Wand gibt, auf der alle Briefe, die die Stadt Hiroshima an die Regierungen derjenigen Laender geschickt hat, die Atombombentests ausgefuehrt haben, ausgestellt sind (ich glaube nach jedem Test wird ein Brief verschickt). Die Anzahl der Briefe hat mit den Jahren immer weiter zugenommen, was leider mal wieder beweist, dass die Menschen (Politiker) viel zu schnell vergessen und ihre Ego-Machtspiele wichtiger nehmen als das Wohlergehen der Menschheit. Es sollte zum Pflichtprogramm eines jeden Staatsoberhauptes gehoeren, die jaehrliche Gedenkveranstaltung in Hiroshima zu besuchen.
zerstreuter_professor 06.08.2010
5. "Hiroshima" vermittelt einen falschen Eindruck
Sicherlich war der Atombombenabwurf auf Hiroshima ein grausiger Akt, aber während meines Aufenthalts dort stießen mir einige Dinge sauer auf. Einen Roman könnte ich dazu schreiben, aber zwei Dinge möchte ich hervorheben: 1. Besonders in den Ausstellungen des Friedensmuseums soll vorrangig der Eindruck erweckt werden, als wäre die Nicht-Existenz von Massenvernichtungswaffen, insbesondere Atomwaffen, der Weg zu weltweitem Frieden, sozusagen als logische Konsequenz. Dass das nicht der Fall sein wird, muss nicht besonders betont werden. Selbst in seiner heutigen Ansprache hat der japanische Ministerpräsident wieder den gleichen Quatsch geredet. 2. Der - meiner Meinung nach - wirkungsvollere Weg zur Vermeidung von Kriegen, das Aufbauen gegenseitigen Verständnisses und Respekts, wird scheinbar nicht so hoch bewertet. Auch wenn in der Ausstellung der japanische Militarismus zu jener Zeit kritisiert wird, so ist man von einer harten Einsicht der Kriegsschuld weit, weit entfernt. Das Leiden der japanischen Bevölkerung wird in den Vordergrund gestellt, aber die Tausende koreanischer und chinesischer Kriegsgefangener, die zur Zwangsarbeit in den Rüstungsfabriken verdonnert wurden, werden entweder geflissentliche ignoriert, oder mit dem immer gleichen Nebensatz, der wie nachträglich eingefügt wirkt, erwähnt. Dazu passt auch, dass z.B. das Denkmal für die koreanischen Opfer sich zunächst außerhalb des inneren, zentralen Bereichs des Friedensparks befand, bevor es aufgrund heftiger Proteste an einen anderen Standort im Innern des Parks verlegt wurde. "Friedenserziehung", wie das dort genannt wird, stelle ich mir anders vor.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.