Jahrestag der Revolution Ägypten schwelgt in Nasser-Nostalgie

Ägypten feiert den Jahrestag der Revolution von 1952 - damals ein Wendepunkt für die gesamte Arabische Welt. Die Umwälzungen der Regierung Gamal Abdul Nassers erstrahlen heute in neuem Glanz: Seine sozialistischen Ideale erleben in Zeiten der Wirtschaftskrise eine Renaissance.

Von Volkhard Windfuhr


Panzer patrouillierten durch die Straßen, Militärs an jeder Straßenecke - doch die Revolution blieb unblutig. Dieser Tage feiert Ägypten den 57. Jahrestag der Revolution vom 23. Juli 1952. Die damalige Machtübernahme der "Freien Offiziere" leitete den Sturz der Monarchie und die Herausbildung einer starken säkularen, nationalistischen Herrschaftselite ein. Einen Sturm auf die Bastille hatte es nicht gegeben, wenngleich die Revoluzzer in Uniform die als gottgegebenen Feudalstrukturen und Klassenprivilegien zerschlugen. Im Gegensatz zur französischen Revolution hatte es keinen nennenswerten Widerstand gegeben. Die Ägypter wollten den Regimewechsel.

Die überwältigende Mehrheit sah in den neuen Entscheidungsträgern die Befreier von himmelschreiender sozialer Ungerechtigkeit und der Bevormundung durch die alte britische Kolonialmacht und versprachen sich den Aufstieg des alten Nillandes zu einem Eckpfeiler des Befreiungskampfes der von Europa ausgebeuteten Kolonialvölker in Afrika und Asien.

Die Revolution breitete sich in der Region aus: Die algerische Befreiungsfront FLN übernahm die Thesen der ägyptischen Revolution und zwang die französischen Kolonialherren mit ägyptischen Waffen in die Knie. Die Iraker erhoben sich 1958 gegen ihr pro-britisches Königshaus. Syrien schloss sich 1958 mit Ägypten zur Vereinigten Arabischen Republik zusammen unter der Führung von Präsident Gamal Abdul Nasser. Der revolutionäre Funke sprang sogar auf den Jemen über, und in Libyen fegte der 27-jährige Nasser-Enthusiast Muammar Al Gaddafi das westlich orientierte Königsregime hinweg. In Jordanien und im Libanon mussten die Regierungen Armee und Polizei einsetzen, um Protestaktionen der Nacheiferer der ägyptischen Revolution in den Griff zu bekommen.

Die Ziele der ägyptischen Revolution waren zunächst in keinem detaillierten Katalog festgehalten, aber die Grundforderungen waren klar: Soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit der Bürger, Bekämpfung des Kolonialismus in all seinen Formen. Nasser verlangte außerdem ein Bekenntnis zur arabischen Einheit.

Zeitgeist der Revolution

Die Ägypter folgten ihm, ebenso ein hoher Prozentsatz der arabischen Völker. Ägyptens Revolution entsprach dem Zeitgeist.

Die Farben der ägyptischen Revolutionstrikolore rot-weiß-schwarz wurden denn auch das Grundmuster der Fahnen acht arabischer Länder: Ägypten, Syrien, Irak, Sudan, Jemen, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate, Palästina. Diese Fahnen flattern bis heute.

Die anfeuernden Hymnen der legendären ägyptischen Sängerin Umm Kalthum ("Gestirn des Orients") und die Lieder des arabienweit gefeierten Ägypters Abdul Halim Hafis verfestigten den schier unangreifbaren Nimbus der ägyptischen Revolution.

Trotz einer veränderten politischen und sozioökonomischen Landkarte greifen diese Hymnen heute noch, von Marokko bis zum Golf, selbst wenn die Texte oft anders interpretiert werden. "Die Prinzipien der Revolution haben Bestand", bestätigte der Kairoer Altnasserist Dia' Ad-Din Dawud, "auch wenn sie schon mal in andere politische Gegenwartskonzepte eingebaut werden."

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und die Linderung des sich rasant ausweitenden Wohlstands-Armutsgefälles sind wieder aktuell und gewinnen an Bedeutung im Zuge steigender Arbeitslosigkeit und Firmenpleiten. Je schlimmer die Korruptionsskandale, umso mehr kocht die Volksseele. Dafür gibt es inzwischen Ventile. Ägyptens Oppositionspresse, nicht selten auch regierungsnahe Tageszeitungen und Magazine wie "Al Ahram" und "Rose El Youssef" lassen immer öfter Vertreter der nasseristischen Sicht der Dinge zu Wort kommen. Sogar in der mächtigen, aber heterogenen Regierungspartei NDP (Nationaldemokratische Partei) werden Stimmen von Kritikern laut, die den Parolen der über die ganze Parteienlandschaft verstreuten Verfechter der Revolutionsziele von anno dazumal verdächtig ähneln.

Erblasten der Nasser-Epoche

Selbst Staatschef Mubarak verweist gerne auf die "im Volke verwurzelte Revolution" von 1952. Seine Ära endet in absehbarer Zukunft, und sei es aus rein physischen Gründen. Dennoch weigert er sich, die Erblasten der Nasser-Epoche pauschal über Bord zu werfen. Entgegen den Empfehlungen amerikanischer und europäischer Experten sträubt er sich, unrentable Staatsbetriebe zu schließen. Etwa die hoch defizitäre Eisenbahn.

"Die Revolution hat festgelegt, dass essentielle soziale Dienstleistungen um jeden Preis beibehalten werden müssen", heißt es. Natürlich brechen die Dämme dennoch immer öfter. Kapitalistische Drahtzieher führen schon mal ein Eigenleben. Bestechungsgelder sind Alltag.

Viel hat sich geändert, das weltpolitische Gewicht Ägyptens hat starke Einbuße erlitten. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges verlor das Land auch seine Führungsrolle in der Riege der Blockfreien Staaten. In einer Welt sich herausbildender neuer Machtzentren wie China, Indien und die immer noch im Werden begriffene Europäische Union könnte sich das langfristig zwar wieder ändern. Doch die jüngste Blockfreienkonferenz in Scharm Al-Scheich zur Wiederbelebung der einst einflussreichen Weltorganisation ist nicht mehr als ein bescheidener Versuch.



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