Die Jagd auf Osama Bin Laden blieb erfolglos. Heute hat man sich daran gewöhnt, doch lange erschien das unfassbar: Wie kann ein einzelner Mann sich einfach so verstecken und nicht gefunden werden?
Freilich, auch wenn Bin Laden noch lebt und sich alle paar Monate per Tonband zu Wort meldet: Dass er auch heute noch Anschläge plant, glaubt kein Experte mehr. Allerdings spielt er als spiritus rector nach wie vor eine überragende Rolle. Man erkennt sie daran, dass es nichts ungewöhnliches mehr ist, wenn ein Terrorist sich selbst rekrutiert und im Namen Bin Ladens zuschlägt: "Leaderless Jihad" nennen Analysten dieses Phänomen.
Al-Qaida reagierte derweil nicht nur mit Wegducken auf den GWOT, wie der "Global War On Terror" bald genannt wurde, das Netzwerk entwickelte sich von einer Kaderorganisation zur Bewegung weiter, gründete Filialen, veröffentlichte Schulungsunterlagen, machte sich das Internet auf alle nur denkbaren Arten und Weisen zunutze. Darin liegt ein Teil des Geheimnisses begründet, warum die Organisation noch existiert: Sie hat ihre Sympathisanten zu Mittätern gemacht.
Terror im Westen, Terror im Osten
Al-Qaidas Ziel war es nie gewesen, nur den Westen anzugreifen. Die Gründungsidee bestand darin, die eigenen verhassten Regierungen parallel anzugreifen. Die Serie von Qaida-inspirierten Großanschlägen in den 2000ern spiegelt das wider: Bali, Djerba, Madrid, London, Casablanca, Mumbai und so weiter.
Was die Terroristen befeuerte, war dabei längst nicht mehr nur ihre Ideologie, sondern immer mehr die aktuelle Politik - und diese ging einher mit massiven Menschenrechtsverletzungen, mit Folter und Misshandlungen. US-Vizepräsident Dick Cheney sprach davon, dass die "Handschuhe ausgezogen" werden müssten. Die Gefängniswärter, CIA-Agenten und Regierungsjuristen verstanden das auf ihre Art. Guantanamo Bay und Abu Ghuraib, CIA-Geheimgefängnisse, auch in Europa, sind Synonyme für diese Überschreitungen, die etliche Terroristen als Motive angegeben haben.
In Deutschland glaubte man lange, wegen des Schröderschen "Nein!" zum Irak-Krieg sei man immun gegen Angriffe von al-Qaida & Co. Doch je länger die Dekade andauerte, desto klarer wurde: Dieser Schutz ist nicht mehr wirksam.
Deutschland ist nicht immun
Denn die Bundeswehr steht in Afghanistan, und das reicht für al-Qaida, die Taliban, und auch für erst kürzlich ins Rampenlicht getretene Truppen wie die "Islamische Bewegung Usbekistan" oder die "Islamische Dschihad Union". Für die "Kofferbomber" reichte schon, dass Zeitungen Karikaturen nachdruckten.
In Deutschland waren es zwei kompromisslose Innenminister, die den Takt vorgaben: Erst Otto Schily (SPD), der ankündigte, wer den Tod liebe, könne ihn haben, danach Wolfgang Schäuble (CDU), der ihm nacheiferte. Eine Kaskade von Sicherheitsgesetzen stürzte auf die Deutschen herab, das Bundeskriminalamt erhielt völlig neue Kompetenzen, Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchung sind weitere Stichworte. Maßvolle oder maßlose Reaktionen? Ähnlich wie in der RAF-Debatte wird diese Frage wohl erst in der Retrospektive entschieden werden können.
Dieselbe Frage, dieselbe Antwort
Denn noch ist der "lange Krieg" nicht vorbei. Pakistan steht auf der Kippe, Somalia und der Jemen ebenfalls, und überall haben al-Qaida & Co. ihre Hände im Spiel. In Nordafrika gibt es jetzt eine Qaida-Filiale, im Gaza-Streifen sammeln sich die Bin-Laden-Fans, und selbst aus Deutschland hat die bunte Palette an Dschihad-Gruppen ungebrochenen Zulauf.
Heute, am Ende der Dekade, regiert im Weißen Haus ein anderer Präsident. Im Juni 2009 streckte Barack Obama in Kairo seine Hände in Richtung islamischer Welt aus, er sprach von einem Neuanfang, von einem Ende der Folter, von der Schließung Guantanamos, vom Nahost-Frieden. Es war ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht ist es noch immer einer. Aber auch Obama lässt die CIA in Waziristan Terroristen mit Drohnen jagen und nimmt zivile Opfer in Kauf. Und Guantanamo ist noch immer nicht geschlossen.
"Zwei Jahre Krieg gegen den Terror. Wie viele folgen noch? Wir wissen es nicht." So begann Carafanos Text 2003. Heute sind es acht Jahre. Die Antwort ist dieselbe.
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