Anschlag in Jakarta Terror im Einkaufszentrum

Bei dem Angriff auf ein Einkaufszentrum und ein Café in der indonesischen Hauptstadt Jakarta sind mindestens sieben Menschen getötet worden. Offenbar verhinderte die schnelle Reaktion der Polizei Schlimmeres. Die Fakten.

Von Ulrike Putz


Der Tathergang:

Der Angriff auf das Sarinah-Einkaufszentrum im Herzen der indonesischen Hauptstadt Jakarta beginnt um 10.50 Uhr Ortszeit. Nach Augenzeugenberichten versuchen bis zu 14 Terroristen, auf Motorrädern auf den Parkplatz vor dem Gebäudekomplex in der Jalan-M.H.-Thamrin-Straße zu fahren. Die Zufahrt wird durch einen Polizeiposten bewacht. Die Terroristen eröffnen sofort das Feuer auf die Beamten und setzen dabei auch Handgranaten ein.

Die Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlicht ein Video, das von einem gegenüberliegenden Hochhaus aus aufgenommenen wurde. Es zeigt, wie zwei Granaten detonieren. Fotos vom Tatort zeigen vier vor dem Wachhäuschen mit der Aufschrift "Polis" liegende Leichen. Nach Polizeiangaben handelt es sich dabei um drei Terroristen und einen Beamten. Andere Bilder zeigen, wie sich ein Sprengstoffexperte im Schutzanzug den Leichen nähert.

Nachdem sie den Polizeiposten ausgeschaltet haben, dringen mehrere - einige Augenzeugen sprechen von drei - Angreifer in das im Erdgeschoss liegende Starbucks-Café ein. Dort ereignet sich kurz darauf mindestens eine Explosion, so Augenzeugen. Auf Bildern sieht man die bodenlangen Glasfenster des Starbucks zersplittert auf dem Parkplatz liegen. Starbucks veröffentlicht später eine Erklärung, dass ein Kunde verletzt wurde, ansonsten aber alle Gäste und Angestellten des Cafés wohlauf seien. Auf Fernsehbildern sind mehrere schwer verletzte Menschen zu sehen. Nach Angaben des Auswärtigen Amts ist auch ein Deutscher unter den Verletzten.

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Anschläge in Jakarta: Terror im Einkaufszentrum
Während ein Terrorkommando das Café stürmt, dringen andere in das zum Einkaufszentrum gehörende Cakrawala-Hochhaus ein. Aus ihm sind Schüsse und laut Augenzeugen mindestens drei weitere Detonationen zu hören. In den ersten zehn Minuten des Angriffs zählen Augenzeugen insgesamt sechs Explosionen. Später folgen weitere vereinzelte Detonationen.

Eine mühsame und gefährliche Suche nach den verschanzten Terroristen beginnt. Die Polizei kämme das Gebäude von unten nach oben durch, sagte ein Polizeisprecher. Die Terroristen seien mit Sturmgewehren, Granaten und Sprengstoffgürteln bewaffnet. Vier Angreifer sollen sich in einem in dem einkaufszentrum befindlichen Kino versteckt haben. Sie seien dort aber gefunden und ausgeschaltet worden, sagt ein Polizeisprecher. Ein Reuters-Fotograf berichtete davon, einen Schützen auf dem Dach des Gebäudes sehen zu können. Scharfschützen der Polizei hätten auf ihn angelegt.

Etwa eineinhalb Stunden nach Beginn der Attacke berichteten Augenzeugen von einer erneuten Explosion.

Am frühen Nachmittag gibt ein Polizeisprecher bekannt, dass bisher fünf Terroristen und drei Polizisten beziehungsweise Besucher getötet worden seien. Der Anschlag sei nun vorüber, das Einkaufszentrum gesichert.

Der Tatort:

Die Sarinah Mall ist weder sonderlich neu noch schick. Trotzdem wird sie von vielen Indonesiern und Ausländern besucht, denn sie liegt günstig: Das Starbucks-Café in dem Komplex ist ein beliebter Treffpunkt für Mitarbeiter der Vereinten Nationen, deren Büros schräg gegenüber liegen. Schnell machten deshalb Gerüchte die Runde, dass unter den Opfern auch Uno-Angehörige seien. Auch Indonesiens Zentralbank und viele internationale Firmen haben ihre Hauptquartiere in der Gegend. Laut Außenministerium in Den Haag wurde ein Niederländer schwer verletzt.

Am Nachmittag harrten Tausende in ihren Büros aus, weil ihre Arbeitgeber Anweisung gegeben hatten, die Gebäude aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres nicht zu verlassen. Andere hatten ihre Mitarbeiter frühzeitig in Sicherheit gebracht.

Das Vorgehen der Polizei:

Dem Anschein nach hat die indonesische Polizei professionell reagiert: Die an der Zufahrt zum Einkaufszentrum postierten Beamten leisteten einige Minuten lang Gegenwehr. Sie könnten den durch den Gefechtslärm aufgeschreckten Mall-Besuchern wertvolle Zeit verschafft haben, sich in Sicherheit zu bringen. In kürzester Zeit waren diverse Spezialeinheiten vor Ort: Ein Sprengstoffteam suchte nach Sprengfallen, Einsatzkräfte auf Motorrädern standen bereit, die Verfolgung von flüchtigen Attentätern aufzunehmen. Die Polizei war zwar durchweg auskunftsfreudig, doch herrschte angesichts der sich entwickelnden Lage auch unter den Sprechern zeitweise Unklarheit über die Fakten.

Die Täter:

Bislang gibt es keinerlei Informationen zu Identität und Motiven der Terroristen. Der Chef des indonesischen Inlandsgeheimdiensts, Sutiyoso (der tatsächlich keinen Vornamen führt), warnte davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Es gebe zur Zeit keine Hinweise darauf, dass Anhänger des "Islamischen Staates" (IS) hinter dem Angriff steckten. "Dies ist natürlich Terrorismus, aber es gibt noch keine Indizien, die daraufhin hindeuten, dass er mit dem IS zusammenhängt."

Vor Ort sagten Polizisten jedoch, sie gingen davon aus, dass die Angreifer IS-Anhänger seien. "Polizisten sagen, dass der Terroranschlag in Jakarta mit dem IS zu tun hat", twitterte Adam Harvey, Indonesien-Korrespondent des australischen Senders ABC. Vier Verdächtige wurden nach Polizeiangaben inzwischen festgenommen. Ein Beamter sagte, die Angreifer hätten das Vorgehen der Attentäter von Paris imitiert.

Die Terrorwarnungen:

Indonesien hatte seine Alarmbereitschaft in den vergangenen Wochen erhöht, nachdem Islamisten angekündigt hatten, in der größten muslimischen Nation der Welt Unheil anzuzetteln. Seither gehen die Behörden verstärkt gegen Extremisten vor, in den vergangenen Wochen setzten die Sicherheitskräfte Dutzende Verdächtige fest.

Im November wurden die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen von Jakarta erhöht. Das Land war in den Jahren 2000 bis 2009 Ziel mehrerer schwerer Bombenanschläge. Allein bei einem Attentat auf der Urlaubsinsel Bali wurden im Jahr 2002 rund 200 Menschen getötet.

Video: Explosionen und Schüsse in Jakarta



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