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15. Januar 2015, 13:20 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

Das Islam-Missverständnis

Eine Kolumne von

Der Anschlag von Paris war kein "Angriff auf den Westen". Wir erzeugen uns den "Islam", vor dem wir uns fürchten, selbst. Wenn der Westen in der Religion die Ursachen des Terrors sucht, wird er ihn nie besiegen können.

Nach den Anschlägen von Paris streitet der Westen wieder einmal über sein Verhältnis zur islamischen Welt. Drei folgenreiche Missverständnisse prägen die Debatte:

Angela Merkel sprach von einem "Angriff auf die Werte der freien Welt und auf alles, was uns lieb und teuer ist, wie die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung". Aber können drei Männer mit Waffen in den Händen den Westen angreifen? Drei traurige Existenzen aus den Islamisierungslagern, die die französischen Gefängnisse in Wahrheit sind?

Die Attacke von Paris war die Niederlage des französischen Staates, nicht der Sieg des Islamismus. Fleury-Mérogis ist das größte Gefängnis Europas, dort hatten sich die Attentäter Chérif Kouachi und Amedy Coulibaly kennengelernt. Gebaut für 2800 Insassen, hausen dort heute etwa 4000 Häftlinge. Und es gibt für sie einen einzigen muslimischen Seelsorger.

Über diese jungen Verbrecher wird jetzt gesprochen, als wären sie uns ebenbürtige Herausforderer. Der Westen hat diese Attentäter geradezu willkommen geheißen. Mit verblüffender Bereitwilligkeit haben wir sie als Emissäre ihrer Religion akzeptiert - und ihnen damit den sehnlichsten Wunsch erfüllt. Springer-Chef Mathias Döpfner hat in einer Rede gesagt: "Wenn man genau hinschaut, ist Paris keine Überraschung, sondern voraussichtlich nur der Anfang der Eskalation eines Kulturkampfes und Religionskriegs, der seit Langem läuft."

Am Ende bleibt nur Zynismus

Die schlichte Wahrheit - dass es sich beim radikalen Islamismus um eine Perversion, nicht das Wesen dieser Großreligion handelt, wird zwar andauernd wiederholt, aber immer weniger geglaubt. Der eigentlich wahre und bedenkenswerte Satz: "Das hat nichts mit dem Islam zu tun" wird zum Hohn gebraucht. Am Ende bleibt nur Zynismus. In den Kälteecken der schmuddeligen neu-rechten Netzseiten herrscht er schon lange vor. Jetzt erfasst er auch große Medien.

"Was der Islam mit dem Islam zu tun hat", war ein Kommentar in der "FAS" überschrieben, der am Ende für die verständnisvollen Äußerungen über Muslime nur noch Spott übrig hatte: "Die große Mehrheit der Muslime ist nicht radikal und schon gar nicht terroristisch. Fast alle Muslime sind unbescholtene Bürger, ehrliche Steuerzahler, liebevolle Eltern, treusorgende Gatten, und der Islam ist eine Religion der Liebe. Amen." So lässt sich hierzulande inzwischen wieder über eine der großen Weltreligionen schreiben.

Wir haben uns daran gewöhnt, allen Ernstes die Religionen in fortschrittliche und rückständige einzuteilen, und wir entscheiden, wo der Islam steht. Wir erklären uns den islamistischen Terror mit einer Rückschrittlichkeit der islamischen Kultur - und erleiden damit selber einen schlimmen Rückschritt, einen Rückschritt in der Analysefähigkeit.

"Wer des HERRN Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen." Das steht nicht im Koran, sondern im Levitikus. Und dass die Schwulen nicht in den Himmel kommen, lehrt uns Paulus. Schon richtig, im Westen wird niemand gesteinigt. Dass der Westen darum eine Zivilisation der Friedfertigkeit verkörpert, werden die Menschen im Irak, in Libyen, in Afghanistan und im pakistanischen Grenzgebiet nicht so ohne Weiteres bestätigen wollen.

Hört mit der Religion auf! Es geht nicht um Religion - es geht um Politik.

Das stand jetzt immerhin auch mal in der "FAZ" zu lesen. Die Zeitung musste dafür allerdings einen emeritierten Soziologen bemühen, der die Weisheit der Binse erklärte: "Entscheidend ist aber wohl, dass Islam und Christentum sich in der Gegenwart hinsichtlich eines wesentlichen Faktors fast gänzlich unterscheiden, nämlich bezüglich ihrer Einbettung in sozioökonomische und politische Gegebenheiten."

Wir erschaffen uns den Islam selbst

In der Tat zeigt sich die Wahrheit vom Satz des Seins, das das Bewusstsein bestimmt, nirgends bedrückender als beim Blick auf die islamische Welt - vor allem auf die arabisch-islamische Welt. Aber wir sind weit gekommen, wenn das Offensichtliche schon als Aufklärung gilt.

Im Umgang mit der islamischen Welt hat sich der Westen eine regelrechte Doktrin zugelegt. Sie erinnert an alte Bilder, aus längst vergangenen Zeiten. Reden wir heute über den Islam nicht so wie Arthur James Balfour und Evelyn Baring Cromer zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die "Orientals" geredet haben? Früher war der Orient geheimnisvoll, vernunftlos, kindisch - heute ist er nur noch chaotisch und grausam. Aber früher wie heute gilt für uns Cromers Satz: "Der Orientale handelt, spricht und denkt auf eine Art und Weise, die der des Europäers genau entgegengesetzt ist."

In der Zeit des Imperialismus hat sich der Westen seinen Orient selbst geschaffen - heute erschaffen wir uns den Islam selbst. Es sind allzumal Fiktionen, mit denen wir da handeln. Denn einen auch nur irgendwie homogenen Islam zwischen Marokko und Indonesien - den gibt es eben nicht. Nur, davon will unsere Öffentlichkeit gar nichts wissen. Und wenn man sich noch so viel Mühe gibt zu betonen, dass der Islam zu Deutschland gehöre - wie Angela Merkel es nun erneut wiederholt hat - man wird damit das Gegenteil des Erwünschten bewirken. Wie auch anders, wenn man gleichzeitig an der Konstruktion festhält, der Islam sei in Wahrheit eine gefährliche Krankheit. Denn dann ist Europa vom Islam nicht einfach nur verändert oder gar bereichert - sondern infiziert.

Und so sehen das ja auch die Anti-Islamisten von Pegida, AfD und Springers "Welt".

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