S.P.O.N. - Im Zweifel links: Gesetz der Rache

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Der Wahnsinn geht weiter - die Hamas und Israel schießen pausenlos aufeinander. An Frieden haben beide Seiten kein Interesse. Im Nahen Osten gilt immer noch: Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

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Israelische Soldaten beim Waffencheck: Wer hat dieses Mal angefangen?

Wer hat dieses Mal angefangen? Die Hamas feuert Raketen auf Israel. Israel bombardiert den Gaza-Streifen. In den ersten beiden Tagen 350 Raketen und mehr als 600 Luftangriffe: Das ist Krieg. Er ist wieder ausgebrochen. Unter der Oberfläche schwelt er immerzu. Schlag und Gegenschlag halten ihn am Leben. Die Staaten appellieren: England warnt, die Uno fordert, Westerwelle bittet.

Aber das Gesetz der Rache kennt kein Ende. Dieser Krieg wird erst enden, wenn die Krieger die Lust daran verloren haben. Es sieht nicht danach aus.

Warum hat Israel Ahmed al-Dschaabari, den Militärchef der Hamas, gerade jetzt getötet? Weil die Wahlen in den USA gelaufen sind und die Wahlen in Israel bevorstehen. Den großen Angriff gegen Iran, für den Benjamin Netanjahu unablässig wirbt, haben die Amerikaner ihm verboten. Jetzt führt er den kleinen Krieg gegen die Hamas. Ein Stellvertreterkrieg, ein Funktionskrieg.

Die Hamas feuert Raketen, Israel bombardiert

Es sah bis vor kurzem nicht gut aus für Netanjahu und seinen Koalitionspartner, Verteidigungsminister Ehud Barak. Als Kriegsherren dominieren sie nun wieder die Berichterstattung. Im vergangenen Jahr waren Hunderttausende Israelis auf die Straße gegangen. Sie hatten gegen Netanjahus Sozial- und Wirtschaftspolitik protestiert. Es hatte solche Demonstrationen in Israel bislang nicht gegeben. Aber wenn Krieg ist, dann sammelt sich das Volk. Und die Opposition muss schweigen.

"Tel Aviv ist Berlin", schrieb die Bild am Sonntag, nachdem sich gezeigt hatte, dass die Raketen der Hamas inzwischen weiter reichen als früher: "Die gleiche Mode, die gleiche Musik, dieselben Wünsche und Werte." Wirklich? In Israel gibt es Gegenden, da wird eine Frau als Hure beschimpft, wenn sie im Bus vorn bei den Männern sitzt. Und es gibt Menschen, die bespucken ein kleines Mädchen auf dem Weg zur Schule, weil es falsch gekleidet ist.

Israel wird von den islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht. Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu. Benjamin Netanjahu hat in seinem Kabinett Mitglieder gleich dreier fundamentalistischer Parteien sitzen. Die gleichen Werte?

Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache. Die Hamas feuerte schon im Frühjahr Raketen auf Israel. Israel bombardierte Gaza. Viele Palästinenser kamen ums Leben. Ein 13-jähriger palästinensischer Junge soll vor einer Woche beim Fußballspielen von einem israelischen Helikopter aus erschossen worden sein. Ein geistig behinderter Mann soll vor zwei Wochen getötet worden sein, weil er auf Zuruf der Soldaten nicht stehengeblieben war.

Auch jetzt wieder: Die Hamas feuert Raketen. Israel bombardiert. Das Gesetz der Rache ist grenzenlos.

Gaza - auf diesem Boden gedeiht der Hass der Hamas

Wer es durchbrechen will, muss ihm die Nahrung entziehen. Will Israel das? Wir wissen aus den WikiLeaks-Depeschen, was Israel in Gaza tut. Im Jahr 2008 erklärten israelische Offizielle den Amerikanern, dass Gaza ganz bewusst und absichtsvoll "am Rand des Kollaps" gehalten werde, ohne dass es aber zum völligen Zusammenbruch komme. Gaza solle "auf dem niedrigsten Level funktionieren, der gerade noch eine humanitäre Katastrophe" ausschließe.

Selbst das ist gelogen. Die Katastrophe geschieht. Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. 1,7 Millionen Menschen hausen da, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.

Und die Palästinenser? Am 29. November will ihr Präsident Mahmud Abbas in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus beantragen. Die USA können das nicht blockieren. Amerika droht den Vereinten Nationen mit finanziellen Sanktionen. Israel droht mit der Annexion von Gebieten im Westjordanland. Was ist die Botschaft an die Palästinenser? Auch friedliche Mittel helfen euch nichts! Auf diesem Boden gedeiht der Hass der Hamas.

"Der Krieg ist das Verbindende, und Recht ist Streit", hat Heraklit gesagt. Der Mann wusste, dass der Krieg nicht trennt, sondern die feindlichen Kämpfer aneinander bindet. Sie sind nur in dieser Bindung, was sie sind. Der Nahe Osten ist wie ein Laborexperiment für diese sehr alte These. Ein trauriges, blutiges, hoffnungsloses Experiment. Irrsinn ist die Gewalt nur demjenigen, der glaubt, dass sie überwunden werden soll. Wer die Sinnstiftung der Gewalt erkannt hat, wird die Hoffnung auf ihre Überwindung fahren lassen.

Im Nahen Osten sollte man nicht auf ein Ende der Gewalt hoffen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 216 Beiträge
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1. ach Herr Augstein...
spon-facebook-10000298975 19.11.2012
Warum bloß immer diese etwas einseitige Perspektive? Natürlich stimmt vieles von dem, was Sie geschrieben haben und man muss nicht wirklich ein Freund von Nethanyahu & Co. sein, aber manchen Ihrer Phrasen merkt man doch an, dass sie vor allem aus der fernen Persepktive verfasst wurden und sich nicht wirklich auf intime Kenntnis der Sachlage stützen. Als Journalist sollten Sie doch wissen, dass Dinge, die mehr als eineinhalb Jahre zurückliegen, meist weit im Hinterstübchen des menschlichen Gedächtnisses angekommen sind, wie etwa der soziale Protest hier in Israel im Sommer 2011, von dem in diesem Jahr kaum noch etwas zu spüren war. Trotz der fehlenden Aggression der Hamas. Zu dieser Organisation hätten Sie vielleicht auch noch bemerken können, was deren Kriegsmotivationen sein könnten (neben dem erklärten Ziel der Vernichtung des zionistischen Staates), denn eigentlich schreiben Sie das nur über Israel : Hamas kann vor allem Terror, Aggression und Krieg. Hamas ist ausgesprochen ungeübt im Aufbau einer halbwegs modernen Zivilgesellschaft und hat daran sicher kein Interesse, da nach dem klassischen Rollenverständnis des arabischen Mannes der Krieger (vor allem im Namen Gottes) das Idealbild ist, nicht aber derjenige, der sich um Abwasser, Bildung oder Müllabfuhr kümmert. Darum will man den Gegner lieber dort lassen, wo man mit ihm am besten "kommuniziert", und das ist das Schlachtfeld und nicht die Kläranlage. Israel braucht den Krieg nicht und Sie können mir glauben, dass nur wenige hier die Situation "genießen". Übrigens wird auch darüber offen gesprochen, die Wahlen zu verschieben, damit kein Vorteil aus den Kriegshandlungen für die eine oder andere Partei erwachesen können, durchaus demokratisch gedacht, aber als Fakt Ihnen offenbar unbekannt. Bei Hamas gibt es übrigens keine Wahlen...
2. Israel ist nicht die zionistische Regierung
heinz.mann 19.11.2012
daher gibt es große Teile der Bevölkerung, die die momentane Politik gegenüber den Palästinensern nicht gutheißen. Aber diese Politik samt dem momentanen Kriegeinsatz hilft der momentanen Regierung bei der nächsten Wahl im Amt zu bleiben. Auch die Hamas wird durch die Poltik Israels gestärkt, da Versuche, über die Uno auch geblockt wird.
3. Titel
huggi 19.11.2012
Zitat von sysopAFPDer Wahnsinn geht weiter: Hamas und Israel schießen pausenlos aufeinander. An Frieden haben beide Seiten kein Interesse. Im Nahen Osten gilt immer noch: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Jakob Augstein über Israels Gaza-Offensive: Gesetz der Rache - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-israels-gaza-offensive-gesetz-der-rache-a-868015.html)
... werter Herr Augstein, warum ziehen Sie denn nicht die naheliegenden Schlüssen aus den Sachverhalten welche Sie in Ihrem Artikel ausführen. Natürlich gibt es in Israel auch gewaltbereite Splittergruppen und religiös verblendete/verblödete Menschen. Nur im Gazastreifen und bei der Hamas handelt es sich eben nicht um eine Splittergruppe, sondern um die Majorität. Das ist das Problem. Schaut man sich einmal an wieviele Vereinbarungen die beiden palästinensischen Hauptakteure Hamas und Fatah miteinander geschlossen und umgehend wieder gebrochen haben, so wird man unschwer zu der Überzeugung kommen können dass in deren Unfähigkeit - in jeder Beziehung - die Wurzel aller Probleme in dieser Region liegen. Man will keinen Frieden haben und deshalb wird alles und jedes was auf einen Frieden hinarbeitet bekämpft. Als erstes sollte die Hamas erklären, dass ihre Charta keine Gültigkeit hat, dann hätte man wenigstens eine Hoffnung, dass man sich ändern will, ob das dann kommen würde ist noch einen völlig andere Frage. Das Chaos ist das Geschäftsmodell dieser Gesellen und das lassen sie sich eben nicht gerne kaputt machen.
4. Hass ist genauso ...
Oberschlawutzi 19.11.2012
... ein Bindungsfaktor wie Liebe, da hat Herr Augstein schon recht. Mit Kriterien der Vernunft lässt sich der ewige Krieg in Nahost nicht erfassen. Sonst hätten die Parteien eine solche Lösung längst gefunden. Je länger der Krieg läuft, desto mehr Leute sind davon abhängig. Wer würden denn als erstes in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, wenn auf einmal Frieden wäre? Die Hamas und die israelischen Fanatiker. Sie ernähren sich gegenseitig, sie sind in Wirklichkeit Verbündete. Deswegen wird auch keine Seite jemals siegen, denn auch dann wäre Frieden und die Hassenden würden arbeitslos. In Nahost missbraucht einfach jeder jeden. Nie in meinem Leben werde ich einen Fuß auf diesen "heiligen" Boden setzen.
5. Ende der Gewalt ? In 7 Tagen möglich
klauslynx 19.11.2012
Voraussetzungen: 1.Anerkennung eines plästinensischen Staates durch Israel 2.Sofortige Einstellung aller Kampfhandlungen, sowohl von Hamas, A Fatah, Israelsiche Armee 3.Rückzug aus allen besetzten Gebieten a 4.Verzicht auf Annexionen , in den Westanks, in Jerusalem,auf dem Golan Das alles ist bereits in Resolutionen der UN gefordert, aus denen mach sich die Regierung Israels nichts und bleibt bei der Maximalpolitik dieser Annexion fremden Landes durch Siedler,Terror und Mord und Ausplünderung . Die Unterstützung so einer Politik als deutsche "Staatsräson" - das meinen wohl nur Frau Merkel, Herr Westerwelle und die Propagandamaschinerie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.
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Jakob Augstein
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