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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Die Sanktionen der Schlafwandler

Eine Kolumne von

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Russischer Präsident Putin: Viel Rückhalt im eigenen Land

Der Handelskrieg gegen Russland ist eröffnet. Wie bei jedem Krieg gilt auch hier: Was ist das Ziel? Wo ist der Ausgang? Auf beide Fragen hat die EU keine überzeugende Antwort. Am Ende könnten Putin die Sanktionen sogar nützen.

Es lebe die Bürokratie! In Brüssel gibt es wahrscheinlich sogar für Kriegserklärungen ein Formblatt. Am Dienstag beriet der "Ausschuss der Ständigen Vertreter" der Mitgliedstaaten über scharfe Wirtschaftsmaßnahmen gegen Russland. Im Umlaufverfahren sollen die Hauptstädte nun ihre Zustimmung geben. Die Verschärfung steigert die Sanktionen zum echten Handelskrieg. Es wird keine Toten und Verwundeten geben. Nur Pleiten und Verluste. Aber auch ein Handelskrieg ist ein Krieg. Und wer einen Krieg beginnt, sollte Antworten auf zwei Fragen haben: Was ist das Ziel und wo ist der Ausgang? Aber die Feldherren von Brüssel haben keine Antwort.

Der Westen hat sich in dem Ukraine-Konflikt eine kostspielige Rhetorik geleistet, jetzt wird der Preis fällig. Die Finanzmärkte sind betroffen, der Rüstungssektor, die Hochtechnologie. Was bisher politische Symbolik war, eskaliert zum wirtschaftspolitischen Waffengang. Wer ein Ultimatum stellt, bindet nicht nur die Gegenseite, sondern auch sich selbst. Haben sich das alle gut überlegt, die im Konflikt mit Russland so sehr davon überzeugt sind, hier stehe Recht gegen Unrecht?

Es gibt mehr als 6000 deutsche Unternehmen, die direkt in Russland investieren, vom deutsch-russischen Handel hängen bei uns mehr als 300.000 Arbeitsplätze ab. Wie weit wollen wir im Kampf gegen Putin gehen? Es ist aus deutscher Sicht eine absurde Vorstellung, dass ganz Russland vielleicht für Jahre die Rolle des international geächteten Schurkenstaats übernehmen soll, die bislang Iran innehatte. Mit der Verschärfung der Sanktionen hat der Westen sich auf eine Eskalationsdynamik eingelassen, aus der es so leicht kein Entkommen mehr gibt.

Wird es gelingen, Putin unseren Willen aufzuzwingen? Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Angriff der EU - so wird man das in Russland auffassen - Putin stärker machen wird, als er jemals war. Die Hoffnung einer demokratischen Opposition im Reich des neuen Zaren wäre vernichtet. Russland, das zeigt die Geschichte, ist schwer zu besiegen. In Brüssel weiß man das offenbar nicht, in Berlin sollte man es wissen.

"Endlich" geht es gegen Russland

Es ist kurios, dass die westlichen Medien den Russen vorwerfen, sie lebten in ihrer eigenen Realität. In Putins "anderer Welt", von der Angela Merkel neulich sprach. So erklären sich unsere Journalisten auch die Stimmung im russischen Volk: Eine Umfrage fand 83 Prozent Unterstützung für Putin, eine andere stellte fest, dass 64 Prozent der Russen den Westen für die Ukraine-Krise verantwortlich machen und nur drei Prozent die eigene Regierung. Für den Westen ganz klar: Die Russen haben ein Realitätsproblem. Sie liegen zwischen ihren Birken wie in einem tiefem Schlaf, und ihr Puck Putin lullt sie in seinen Mittsommernachtstraum vom Eurasischen Großreich.

Shakespeare sagt in jenem Stück über Schein und Sein von der Liebe: "Sie sieht mit dem Gemüt, nicht mit den Augen / Und ihr Gemüt kann nie zum Urteil taugen." Aber das gilt auch für den Hass. Es ist nicht nur der Gott der Liebe blind - sondern auch der des Krieges.

In seltener Einmütigkeit haben die deutschen Medien die Politik in der Ukraine-Krise vor sich hergetrieben. Andauernd musste die Bundesregierung sich für ihre Umsicht rechtfertigen. Aber nach dem Abschuss der malaysischen Maschine gab es kein Halten mehr. Beinahe erleichtert stellte die "Süddeutsche Zeitung" fest: "Die Lage ist so: Mehr als 200 Europäer sind tot. Und Europa kann sich nicht mehr wegducken." Und als die neue Eskalationsrunde beschlossene Sache war, jubelte das "Handelsblatt": "Europa hat sich durchgerungen. Endlich." Der Wirtschaftskolumnist Wolfgang Münchau verkündete bei SPIEGEL ONLINE gar den Einsatz der "Atombomben des Finanzkrieges". Über Monate habe sich "die Spannung ... aufgebaut" schrieb die "SZ" - jetzt erleben wir, wie sie sich entlädt. "Endlich" geht es gegen Russland. In diesem Sommer 2014 haben unsere Journalisten ihr eigenes Augusterlebnis.

Die Deutschen belegen Russland übrigens nicht das erste Mal mit schweren Wirtschaftssanktionen: 1887 erließ Bismarck das berüchtigte Lombardverbot, ausgerechnet kurz vor einem Besuch des Zaren in Berlin. Den Russen war der Zugang zum deutschen Kapitalmarkt versperrt.

Ein Jahr später wollte sein Sohn Herbert gut Wetter machen und sagte dem russischen Außenminister, dass die wirtschaftlichen und die politischen Beziehungen der großen Staaten "an sich miteinander nichts zu tun" hätten. Zu spät. Die Franzosen waren schon in die Bresche gesprungen und hatten das deutsche Geschäft übernommen. 1891 besuchten französische Kriegsschiffe Kronstadt und der russische Zar Alexander III. nahm für die Marseillaise seinen Hut ab. Wenig später schloss er mit Frankreich eine geheime Militärkonvention. Bis 1914 war es nicht mehr weit.

Wir wissen, wem sich Russland jetzt zuwenden wird.

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insgesamt 331 Beiträge
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1. Vernunft und Arbeitsplätze
gerald246 31.07.2014
Zitat von sysopDPADer Handelskrieg gegen Russland ist eröffnet. Wie bei jedem Krieg gilt auch hier: Was ist das Ziel? Wo ist der Ausgang? Auf beide Fragen hat die EU keine überzeugende Antwort. Am Ende könnten Putin die Sanktionen sogar nützen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-sanktionen-gegen-russland-a-983768.html
Endlich mal eine Stimme der Vernunft. Wir unterstützen ein korruptes und bankrottes ukrainisches Regime mit immer härteren Massnahmen ohne an die berechtigten Interessen Russlands zu denken. Manche der Kommentare in Zeitung und Rundfunk bzw auch die Berichterstattung selbst erscheint mir fast kriegstreiberisch. Und, was die Arbeitsplätze angeht: Die Regierung scheint zu denken dass wir keine brauchen bzw. dass die an Bäumen wachsen. Die Rüstungsindustrie mit 200.000 direkten Arbeitsplätzen und 400.000 indirekt abhängigen sind egal, jetzt nochmal 300.000 die am Russlandhandel hängen plus 600.000 indirekt abhängige - wo soll denn das hinführen?
2. Ach ne...
henrikw 31.07.2014
"Die Finanzmärkte sind betroffen, der Rüstungssektor, die Hochtechnologie." Kürzlich noch eine "Schwerter zu Pflugscharen" Agenda verfolgt macht sich Augstein nun Sorgen um die Rüstungsindustrie. Zeigt einfach ein weiteres Mal, dass Augstein jegliches Mittel recht ist, um seine Ideologie zu puschen.
3. Augstein ist der einzige...
Mick.Berlin 31.07.2014
...der scheinbar noch auch Konsequenzen der aktuellen Kriegsanfänge berücksichtigen kann. Der Rest kann, oder traut sich nicht?
4. Großes Lob!!
dherr 31.07.2014
Ja, die Schlafwandler sind wieder unterwegs. Nichts gelernt in 100 Jahren. Verwirrte Hirne wollen uns regieren. Und so genannte "renommierte" Zeitungen mutieren zu Revolverblättern. Ich glaube, der Mensch verträgt so lange Friedensperioden nicht, wie wir sie seit 1945 zumindest in Europa erlebten. Und Fußball ist auf Dauer auch kein richtiger Kriegsersatz...
5. Gegen den Strom schwimmen als Selbstzweck
neptunes 31.07.2014
Ein Quer-/Freidenker ist etwas anderes. Aber immer schön das eigene Medienprofil schärfen, Herr Millionarius
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