Fall Khashoggi in Saudi-Arabiens Medien Wahr ist, was er will

Um Kronprinz Mohammed im Mordfall Khashoggi zu schützen, stellen Saudi-Arabiens Medien ihn als Opfer einer Verschwörung dar. Die angeblichen Drahtzieher: Katar, die Türkei, Iran, Muslimbrüder, Israel und Homosexuelle.

Mohammed bin Salman
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Eigentlich hatte der US-Auslandsgeheimdienst am Dienstag einen Bericht zum Mordfall Jamal Khashoggi vorlegen wollen. Mit Spannung wartet die Welt darauf, ob die CIA den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, kurz: MBS, als Auftraggeber für den Mord an dem Journalisten am 2. Oktober in Saudi-Arabiens Istanbuler Konsulat benennt.

Stattdessen veröffentlichte US-Präsident Donald Trump eine schriftliche Erklärung. Darin hieß es mit Blick auf eine mögliche Mitwisserschaft von Mohammed bin Salman: "Es könnte sehr gut sein, dass der Kronprinz Kenntnis von diesem tragischen Vorfall hatte - vielleicht hatte er das und vielleicht hatte er das nicht!"

Trump stellte zugleich klar, dass er die Beziehungen zu dem mächtigen Golfstaat nicht aufs Spiel setzen wolle: Saudi-Arabien sei ein wichtiger Partner im Kampf gegen den Terror und gegen Iran.

Wie auch immer die Einschätzung des Geheimdienstes nun ausfällt, im eigenen Land muss MBS keine Kritik fürchten. Die vom Königshaus gesteuerten Medien stützen den mächtigen Thronfolger und kommentieren die Khashoggi-Affäre immer so, wie es dem Herrscherhaus gerade passt. Wer die saudi-arabische Presse verfolgt, kommt zu dem Eindruck, dass nicht Khashoggi das Opfer ist, sondern Kronprinz MBS - Opfer einer Verschwörung, hinter der wahlweise Katar, die Türkei, Iran, die Muslimbrüder, Israel oder Homosexuelle stecken.

Exemplarisch lässt sich dies an den Kommentaren in "Okaz" verfolgen, eine der meistgelesenen Zeitungen und Nachrichtenseiten im saudi-arabischen Internet. "Okaz" ist kein Boulevardblatt, sondern galt als relativ liberales Qualitätsmedium. Doch seit MBS an der Macht ist, schießt die Zeitung scharf gegen alle tatsächlichen und vermeintlichen Kritiker des Kronprinzen.

Gedenken an Jamal Khashoggi
ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX

Gedenken an Jamal Khashoggi

Los geht es am 8. Oktober, sechs Tage nach Khashoggis Verschwinden: "Okaz" bezeichnet die Berichte über den wahrscheinlichen Tod des Journalisten, die damals schon weltweit die Schlagzeilen beherrschten, als "Serie von Falschberichten, die von Medien in Katar und den Medien der terroristischen Muslimbrüder fabriziert" wurden.

Am selben Tag behauptet der Kommentator Mohammed al-Saad: "Saudi-Arabien entführt und tötet seine Feinde nicht". Das Königreich sei immer gnädig mit jenen umgegangen, die dem Land Schaden zugefügt hätten.

Lügen über die "Washington Post"

Parallel dazu beginnt das Blatt, Khashoggi zu verunglimpfen. Am 11. Oktober behauptet Saad, Khashoggi habe sich 2017 heimlich mit Katars Emir Tamim getroffen, der seit dem Sommer 2017 als Erzfeind von MBS gilt. Wahrheitswidrig behauptet Saad, Katar würde die Hälfte der Anteile an der "Washington Post" gehören und habe deshalb Khashoggi als Kommentator bei der Zeitung untergebracht. "Jamal wurde Teil der katarischen Artillerie gegen Mohammed bin Salman", schreibt Saad. Sein Kommentar liest sich so, als habe Khashoggi den Tod verdient, weil er sich mit den Feinden Saudi-Arabiens verbündete.

Zwei Tage später, am 13. Oktober, greift "Okaz" Khashoggis Verlobte Hatice Cengiz auf primitive Weise an. Sollte Donald Trump je mit Cengiz zusammentreffen, werde er feststellen, dass Khashoggi sie nicht wegen ihres Aussehens habe heiraten wollen, höhnt die Zeitung. "Okaz" behauptet, der türkische Geheimdienst habe Khashoggi und Cengiz in Abstimmung mit Katar zusammengeführt. Behauptungen, um die Glaubwürdigkeit der Frau zu erschüttern, die zu diesem Zeitpunkt immer noch um das Leben des Partners bangt. Beide wollten am 3. Oktober heiraten.

Hatice Cengiz
REUTERS

Hatice Cengiz

Tags darauf nimmt Kommentator Hani Aldahri die Türkei frontal ins Visier. "Die Türkei ist ein hungriger Staat", schreibt er am 14. Oktober in "Okaz". "Die Türkei sieht Jamal Khashoggis Verschwinden als ein Spiel, bei dem sie saudi-arabisches Geld gewinnen kann, wenn sie im Gegenzug ihre verzerrte Medienkampagne stoppt. Aber Saudi-Arabien ist kein Land, das sich auf eine Erpressung oder auch nur einen Kompromiss einlässt."

Zwei Tage später geht der Kommentator Ahmad Awad noch einen Schritt weiter: "Khashoggi ist in der Türkei verschwunden. Was hat das mit Saudi-Arabien zu tun?", fragt er. Es sei fatal, Sanktionen gegen das Königreich ins Spiel zu bringen, nur weil ein saudi-arabischer Staatsbürger "verschwunden" sei. "Erpressung funktioniert nicht bei einem Land, das den Terror bekämpft, keine Oppositionellen umbringt, seine Nachbarn nicht enttäuscht und keine Verträge bricht", schreibt Awad am 16. Oktober.

"Saudi-Arabien wird zuletzt lachen"

Mit jedem Tag verschärft "Okaz" sein Narrativ, laut dem Saudi-Arabien das eigentliche Opfer der Khashoggi-Affäre ist. Eine Verschwörung habe zum Ziel, die ehrgeizige Reformagenda "Vision 2030" von Kronprinz MBS zu stoppen. Wieder behauptet das Blatt, Katar gehöre die Hälfte der "Washington Post" und der Gegner orchestriere aus dieser Position eine Medienkampagne gegen Saudi-Arabien, die auf Lügen und Falschbehauptungen beruhe.

"In den vergangenen 50 Jahren hat unser Land mehrere Stürme in den westlichen Medien überstanden. Dieser Sturm wird schwächer und irgendwann ganz verschwinden", prophezeit das Blatt am 17. Oktober - und beruhigt seine saudi-arabischen Leser. "Die Beziehungen zwischen Staaten fußen auf gemeinsamen Interessen, nicht auf Emotionen und den Erfindungen der Medien."

Kommentator Aldahri geht am selben Tag noch einen Schritt weiter: "Bald wird das Drama um Khashoggis Verschwinden in der Türkei enden. In Wahrheit ist das nichts anderes als eine Komödie, die den internationalen Medien von den Hassenden in Katar zugespielt wurde, die Tag und Nacht daran gearbeitet haben, sich diesen Plot auszudenken", prophezeit Aldahri in seiner Kolumne. "Saudi-Arabien wird zuletzt lachen nach dem Ende dieser Komödie und einen neuen Sieg davontragen."

Jamal Khashoggi vor dem Konsulat in Istanbul
REUTERS

Jamal Khashoggi vor dem Konsulat in Istanbul

Fünf Tage später will derselbe Autor von einer Komödie nichts mehr wissen. Nachdem das Königshaus eingeräumt hat, dass Khashoggi in Istanbul getötet wurde, verschiebt er den Fokus nun auf die juristische Aufarbeitung der Affäre: "Saudi-Arabien hat bewiesen, dass es die Menschenrechte achtet, die durch die islamische Scharia und internationale Verträge geschützt werden", schreibt Aldahri am 21. Oktober. Die Justiz werde alle Probleme im Zusammenhang mit Khashoggis Tod lösen, "angeführt von Kronprinz Mohammed bin Salman, dem Paten des Wandels".

"Liberale Extremisten, die von Homosexuellen angeführt werden"

Einen Tag später macht Mohamed al-Saad "liberale Extremisten" in Europa dafür verantwortlich, dass die Khashoggi-Affäre mit dem halben Schuldeingeständnis aus Riad nicht beigelegt wurde. "Liberal" zu sein ist in Saudi-Arabien ein politischer Vorwurf, ähnlich wie "Terrorist". Zur Erinnerung: Der Blogger Raif Badawi sitzt seit Jahren in Haft, weil er ein Onlineforum namens "Die Saudischen Liberalen" gegründet hatte.

Saad behauptet nun am 22. Oktober: "Liberale Extremisten, die in vielen Ländern an der Macht sind und von Homosexuellen angeführt werden", nutzten die Khashoggi-Affäre, um gegen Saudi-Arabien vorzugehen, weil es sich weigere, ihren unmoralischen Lebensstil zu übernehmen.

Am 24. Oktober wähnt sich der Kolumnist Hani Aldahri wieder obenauf. Er wiederholt seinen Satz vom 17. Oktober: "Saudi-Arabien wird zuletzt lachen, wenn dieses Spiel vorüber ist." Der Kommentator macht das vor allem am Erfolg der Future Investment Initiative fest, einem großen Wirtschaftsgipfel in Riad. "Die Konferenz hat gezeigt, dass nichts das Land erschüttern kann, auch wenn viele Feinde versucht haben, einen unglücklichen Kriminalfall auszunutzen." Dass zahlreiche ausländische Unternehmen und Regierungen der FII aus Ärger über Saudi-Arabiens Umgang mit der Khashoggi-Affäre ferngeblieben sind, blendet der Kommentator völlig aus.

Mohammed bin Salman auf der FII
AFP Photo / Saudi Royal Palace / Bandar al-Jaloud

Mohammed bin Salman auf der FII

Kurz darauf setzt das Blatt wieder auf die Verschwörungstheorie. In seinem Text mit der Überschrift "Warum greifen sie Saudi-Arabien an?" schreibt der palästinensische Autor Baschar Daraghama am 27. Oktober, Saudi-Arabien sei Opfer einer Kampagne, weil sich Israel durch die Pläne des Königreichs zum Bau von 16 Atomkraftwerken bedroht fühle.

In der Khashoggi-Affäre zeige sich, wer Freund und wer Feind Saudi-Arabiens sei, kommentiert Hamoud Abu Taleb am 30. Oktober. Manche Staaten unternähmen nichts, um ihre Medien davon abzuhalten, das Königreich anzugreifen, kritisiert der Kommentator: "Das ist die traurige Realität."

"Die Türken sind Komplizen in dem Mordfall"

Je länger die Khashoggi-Affäre andauert, umso weiter steigern sich die "Okaz"-Kommentatoren in ihre Verschwörungsrhetorik hinein. "Am Ende werden wir siegen", schreibt Mohammed Baschir Ali Kurdi am 5. November. Die ganze Affäre sei ein teuflischer Plan mit dem Ziel, Saudi-Arabien genauso ins Chaos zu stürzen wie den Irak, Syrien und Libyen. Er beschwört die Leser, ausländischen Medien keine Beachtung zu schenken.

Am 18. November beginnt Khaled Suleiman seinen Kommentar in "Okaz" mit einem ungewöhnlichen Eingeständnis: "Es hat sich herausgestellt, dass die meisten Enthüllungen, die seit den ersten Stunden von Khashoggis Verschwinden in den Medien verbreitet wurden, korrekt waren", schreibt Suleiman. Das könne jedoch nur bedeuten, dass die türkischen Geheimdienste vorab von den Plänen der Mörder wussten. "Die Türken sind Komplizen in dem Mordfall", schlussfolgert Suleiman

An diesem Montag, kurz nachdem bekannt wurde, dass die CIA offenbar Kronprinz MBS für den Khashoggi-Mord verantwortlich macht, erreicht die kriegerische Rhetorik in "Okaz" ihren vorläufigen Höhepunkt: "Gott bewahre unser Land und all seine Menschen vor allem Bösen", barmt Kommentator Hussein Shubukshi. Saudi-Arabien werde angegriffen. Der "ungläubige Emir" von Katar, habe sich "mit Israel, Iran und der Muslimbruderschaft verbündet, um Saudi-Arabien aufzuteilen", so der Autor.

Der Mord an Khashoggi sei nur der Vorwand zum Mord am Heimatland.


Zusammengefasst: Die vom Königshaus gelenkten Medien in Saudi-Arabien kommentieren die Khashoggi-Affäre immer so, wie es dem mächtigen Thronfolger Mohammed bin Salman gerade passt. Die Kommentatoren erwecken den Eindruck, dass nicht Khashoggi das Opfer ist, sondern der Kronprinz - Opfer einer Verschwörung, hinter der wahlweise Katar, die Türkei, Iran, die Muslimbrüder, Israel oder Homosexuelle stecken. Exemplarisch lässt sich dies an den Kommentaren in "Okaz" verfolgen, einer der meistgelesenen Zeitungen und Nachrichtenseiten im saudi-arabischen Internet.



insgesamt 56 Beiträge
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zausi 20.11.2018
1. garnix wird..
nix wird sein, wo Geld und Macht zusammen läuft ist man Automatisch geschützt. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Dass machen nur die Arbeiterklassen.....
nochfragen? 20.11.2018
2. Eiwei
Sind die tatsächlich geistesgestört, oder tun die nur so? Das ist ja noch schlimmer als alles, was Trump so zusammenfabuliert - und das will was heißen.
eizboks 20.11.2018
3. Der Lacher....
... ist natürlich, Israel als Teil einer katarischen Verschwörung propagandistisch zu belangen. Es dürfte kaum einen Staat geben, der so besorgt um seine gemeinsamen strategische Interessen mit SAR besorgt ist, wie Israel.
haarer.15 20.11.2018
4. Wahr ist, was der Kronprinz will
Wenn man das liest, bleibt einem ja fast die Luft weg. Absurdistan lässt grüßen - bei diesem Rundumschlag. Nicht nur der Verantwortliche Kronprinz, auch die saudischen Medien leben ganz offenbar auf einem völlig anderen Stern. Tja - so kann man das Image erst richtig abwärts in den Keller rauschen lassen.
Tubus 20.11.2018
5. medialer Hype
An der Verantwortung des saudischen Kronprinzen für den Mord hat wohl kein vernünftiger Mensch einen Zweifel. Irritierend ist allein der mediale Hype darum. Der verbrecherische Krieg der Saudis in Jemen mit mehr als 10 000 Toten schafft das nicht. Als ob US amerikanische Präsidenten oder israelische Ministerpräsidenten nicht von den Morden ihrer Geheimdienste wüssten. Ts,ts, ts.....
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