Mordfall Khashoggi Die Saudi-Lobby bröckelt

Saudi-Arabiens Medien feiern den G20-Auftritt von Kronprinz Mohammed bin Salman als Erfolg. Westliche Berater gehen hingegen auf Abstand zum Königshaus - wie der Fall der Berliner PR-Agentur WMP zeigt.

Mohammed bin Salman (l.), Wladimir Putin
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Mohammed bin Salman (l.), Wladimir Putin

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Das Social-Media-Team des Außenministeriums in Riad hatte am vergangenen Wochenende alle Hände voll zu tun. Ob Theresa May, Emmanuel Macron oder Wladimir Putin: Wann immer Kronprinz Mohammed bin Salman auf dem G20-Gipfel in Buenos Aires einen Staats- oder Regierungschef für ein kurzes Gespräch zu fassen bekam, schickte das saudi-arabische Außenministerium die Bilder der Treffen über Twitter umgehend in die Welt.

Am Ende konnte das Ministerium pflichtbewusst melden: 18 Treffen und 25 Teilnahmen an multilateralen Gesprächsformaten absolvierte der Thronfolger binnen zwei Tagen in Argentinien.

Die Botschaft dahinter: Prinz Mohammed, inzwischen besser bekannt unter seinem Kürzel MbS, ist wegen des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi vor zwei Monaten im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul keinesfalls international isoliert. Der Kronprinz verhandelt mit den Großen dieser Welt auf Augenhöhe.

Im Inland sorgen Saudi-Arabiens gleichgeschaltete Medien dafür, dass diese Botschaft bei den Bürgern ankommt. "Hand in Hand - Der Handschlag der Großen", titelt etwa "al-Riyadh" zu der überschwänglichen Geste, mit der sich MbS und Putin in Buenos Aires begrüßten. Der G20-Gipfel habe die Macht Riads in der Welt offenbart, schreibt das Blatt.

Im Ausland tut sich der Kronprinz dagegen immer schwerer, mit seiner Propaganda durchzudringen. Das Königshaus hat in den vergangenen Jahren Millionenbeträge in Image-Arbeit investiert. Laut Berichten von US-Medien überwies Riad im Jahr 2017 alleine an amerikanische Lobbyfirmen umgerechnet 27 Millionen Euro. In Deutschland besserte die Berliner PR-Agentur WMP Eurocom für einen monatlich sechsstelligen Betrag den Ruf des Regimes auf.

WMP ist in der deutschen Politik gut vernetzt, im Aufsichtsrat der Agentur sitzen unter anderem Ex-Finanzminister Hans Eichel und der ehemalige Vizechef der Unionsfraktion, Michael Fuchs. In einem Strategiepapier vom Sommer 2017, das dem SPIEGEL vorliegt, werben die PR-Berater gegenüber ihrem Auftraggeber vom Golf mit Zugängen zum Kanzleramt: Etwa Beratern von Angela Merkel sowie zu den Bildungs- und Kultusministerien der 16 Bundesländer, Konzernen wie Rheinmetall und Airbus und Sportvereinen wie dem FC Bayern München.

MbS als "verlässlicher Verbündeter

Die Lobbyisten behaupten in der Präsentation zudem, die Berichterstattung deutschsprachiger Medien, darunter "FAZ" und "Süddeutsche Zeitung", zugunsten Riads beeinflusst haben. "Tonalität" und "Themenauswahl" hätten sich geändert. Explizit hervorgehoben wird die "Zusammenarbeit" mit einem "FAZ"-Korrespondenten, die angeblich zu "positiven Artikeln" geführt habe. Die betroffenen Verlage bestreiten dies.

"Wir verfolgen einen strategischen Ansatz, der Wirtschaft, Medien, Kultur und Politik miteinschließt, um Saudi-Arabiens Reputation zu stärken", schreiben die Berater. "Teil dessen war, die Reformagenda ihrer königlichen Hoheit, des Kronprinzen Mohammed bin Salman, in deutschen Medien aktiv zu platzieren." MbS sei die perfekte Person, "um Saudi-Arabiens neue Generation als verlässlichen Verbündeten und Freund Deutschlands" zu repräsentieren.

Inzwischen sieht man das bei WMP offenbar anders. Nachdem die "Bild am Sonntag" im November erstmals über das Strategiepapier berichtete, sah sich die Agentur gezwungen, die Zusammenarbeit mit Riad zu beenden. "Nach (dem Mord an Khashoggi - d. Red.) müssen wir heute feststellen, dass sowohl unsere Mittlerrolle als auch die Möglichkeiten, die Reformkräfte zu unterstützen, von der deutschen Öffentlichkeit nicht mehr gesehen und von uns deshalb nicht vertreten werden können", sagte WMP-Chef Michael Inacker dem Branchendienst "Meedia".

Weitere Agentur sollte den Ruf verbessern

Im Rahmen der Charmeoffensive engagierte das Königshaus über die Botschaft in Berlin neben WMP zudem eine weitere namenhafte PR-Agentur, auch diese warb bei Journalisten und Politikern für einen neuen Blick auf das Königreich.

Kopf der Idee des gewünschten Imagewechsels zum Reformmotor der ganzen Region war der saudi-arabische Botschafter Awwad Alawwad, ein Vertrauter von MbS und mittlerweile Informationsminister in Riad. Alawaad, der eher weltlich statt mit traditionellem Gewand auftritt und fließend Englisch spricht, etablierte damals mithilfe der Agentur MSL Kontakte in die Medien. Der Botschafter suchte emsig den Draht zu Abgeordneten des Bundestags, die er in der Botschaft empfing. Heute ist auch MSL nicht mehr für die Saudis tätig, schon Ende 2017 lief der Imagepflege-Vertrag aus. Auch in den USA gehen Firmen auf Abstand zum Königshaus.

Riad stellt die Kritik an MbS als eine "feindliche Medienkampagne" dar. Das Königreich fühlt sich seit Jahren von der Öffentlichkeit im Westen unfair behandelt. Unter MbS hat sich der Glaube der Saudi-Araber, von westlichen Medien und Politikern zu harsch kritisiert zu werden, zu einer regelrechten Hysterie gesteigert. Der Khashoggi-Mord wird in der saudi-arabischen Presse so besprochen, als sei nicht der getötete Journalist das eigentliche Opfer - sondern der Thronfolger.

Mohammed bin Salman mag, gestützt von seinem Vater, König Salman, und US-Präsident Donald Trump, Saudi-Arabien weiter unangefochten regieren. Viele westliche Wirtschaftsvertretern gehen im Moment jedoch lieber auf Distanz.


Zusammengefasst: Das saudische Königshaus ließ seinen Ruf international von PR-Firmen aufpolieren - gegen erhebliche Honorare. Doch nach dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi wenden sich viele Firmen ab, darunter auch die Berliner Berater von WMP. Die staatlichen Medien in Saudi-Arabien dagegen feiern ihren Kronprinz Mohammed bin Salman weiter - auch für dessen Auftritt auf dem G20-Gipfel.

insgesamt 25 Beiträge
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Nonvaio01 05.12.2018
1. und?
wen juckt es was eine PR agentur macht oder sagt? Waffen? Werden immer noch gerne an SA verkauft. Krieg fuehren: kein problem, niemand sagt etwas. Die Politiker, die UNO...etc die muessen etwas sagen und handeln.
allesamt 05.12.2018
2. Was soll das Bild sagen?
In welchem Zusammenhang steht das Bild (MbS mit Putin) mit dem Inhalt. Ist Putin auch deutscher PR-Manager des MbS?
solapgir 05.12.2018
3. Deutschland bzw die Politik
Kann nur mit dem Finger auf andere zeigen aber nicht auf sich selber !
neanderspezi 05.12.2018
4. Lächelnd geht die Welt zugrunde
Wann hat es sich endlich Ausgegrinst auf saudischer Seite. Es kann einem schließlich schlecht werden, wenn man diesen Kronprinz bei Begegnungen mit bedeutsamen Politikern der Gegenwart locker lässig sein süßlichstes Grinsen darbieten sieht, während diese bedeutsamen Politiker möglichst Händchen haltend sich Mühe geben, es ihm darin gleichzutun. Anstand oder gar Moral haben sich hierbei vermutlich auf nimmer Wiedersehen aus dem Staub gemacht. Politischer Mord wird bei einem solchen Tête-à-Tête extrem leicht befunden und mittel gegenseitigem Wohlwollen aus der Wahrnehmung verbannt.
m.klagge 05.12.2018
5. Hat der feine Herr Schech sein Vermögen verloren?
Im Artikel steht nichts davon und auch die internationelen Medien melden nichts in der Art. Also ist und bleibt er einer der reichsten Menschen auf dem Planeten und dazu einer der wenigen, die neben Reichtum auch über die Macht über Leben und Tod ihrer Untertanen und ggf ihrerr Nachbarn verfügen. Mit anderen Worten: Ein erprobter Freund der USA und damit des Westens. Das weiss jeder halbwegs politische Mensch und somit hilft das Bild mit dem pöhsen Putin nicht wirklich. Aber ein netter Versuch. Vielleicht gibt es ja einen Bonus.
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