Die Saudis und der Fall Khashoggi Ungebremste Dummheit

Was der saudische Kronprinz anfasst, gerät zum Desaster - aktuell zu sehen im Fall Khashoggi. Von allen ethischen Abgründen einmal abgesehen: Wie kann sich ein Herrscherhaus derart lächerlich machen?

Bild der herrschenden Familie in Riad
AFP

Bild der herrschenden Familie in Riad

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König Midas wollte, dass alles zu Gold werde, was er berührte. Allerdings galt das auch für Getränke und Speisen, die Midas anfasste. Er litt bald Hunger und Durst, weil er nicht nachgedacht hatte, was seine Entscheidung für Folgen haben werde. Soweit die Sage, deren Fortsetzung auch schön zum Hause Saud passen würde, konkret zum gegenwärtigen Thronprätendenten Saudi-Arabiens.

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Heft 43/2018
Wie ein grausiges Verbrechen die Weltpolitik erschüttert

Denn was der in die Hand nimmt, verändert sich ebenfalls auf die immer gleiche Weise. Nur, dass es nicht zu Gold wird. Was Mohammed bin Salman , kurz MbS, in den vergangenen Jahren außenpolitisch so angestellt hat, geriet jedesmal zu einem Desaster mit Ansage: angefangen beim Krieg im Jemen, den er 2015 noch als Verteidigungsminister lostrat und der, so versprochen, mittels der saudi-arabischen Luftwaffe die jemenitischen Kontrahenten binnen Wochen in die Unterwerfung zwingen würde. Dreieinhalb Jahre später haben die Jets zwar Wohnviertel, Beerdigungen und zuletzt einen vollbesetzten Schulbus getroffen, geht das ganze Land zugrunde, aber gibt es keinen Sieg.

Als Nächstes machte die Geiselnahme von Libanons Premier Saad Hariri in Riad den Mann im Libanon populärer denn je und damit stärker gegenüber saudischem Druck, einen Krieg mit der Hisbollah zu riskieren - was die Ursprungsidee der Festsetzung nebst inszeniertem Rücktritt Hariris gewesen war.

Auch die bizarre Fehde mit dem reichen Nachbar-Scheichtum Katar, dann der folgende Rachefeldzug gegen Kanada, die Kappung diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen wegen eines einzigen Tweets der kanadischen Außenministerin zur Freilassung von Menschenrechtlern, schürten vor allem Zweifel an der Berechenbarkeit der Regierenden in Riad.

Wie kann man sich so lächerlich machen?

Und nun die mutmaßliche Ermordung Jamal Khashoggis im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul. Sie ließ sich weder ignorieren noch leugnen, denn man hatte dem Mann ja extra einen Termin gegeben, zu dem er kam, aber nie wieder ging. Zu dem aber, gut zu sehen auf den Bildern der türkischen Überwachungskameras (die eigenen waren alle just ausgefallen), auch das 15-köpfige Empfangskomitee anreiste, das laut türkischen Angaben einen hochrangigen Forensiker nebst Knochensäge umfasste.

Was wiederum die nach tagelangen Totaldementis nachgeschobenen Halbgeständnisse aus Riad umgehend der Lächerlichkeit preisgab, der 59-jährige Khashoggi sei wahlweise bei einem unerwarteten Handgemenge oder im Würgegriff eines Schergen aus der Entourage von MbS gestorben.

Jamal Khashoggi (Archivbild)
DPA

Jamal Khashoggi (Archivbild)

(Eine ausführliche Rekonstruktion des Falls aus dem aktuellen SPIEGEL lesen Sie hier.)

Auch der von einem Fernsehteam am Konsulatseingang gefilmte Putztrupp, der just vor den türkischen Ermittlern kam, womöglich um rasch noch die gröbsten Spuren zu beseitigen, wirft dieselbe Frage auf, die sich nach allen diesen Aktionen von selbst stellt: Wie kurzsichtig kann man sein?

Warum verrennt sich ein Staatsapparat, wenn auch ein monarchischer, ein ums andere Mal so dermaßen fatal?

Viel ist in den vergangenen Tagen geschrieben worden über die ethischen Abgründe der Tötung Khashoggis, völlig zu Recht. Aber es gibt dabei noch ein Kernelement der Entscheidungsfindung, das jenseits moralischer Bewertungen liegt. Eines, das gelegentlich erwähnt wurde, wenn die Vertuschungsmanöver einfach zu unglaublich wurden, aber dessen offenbar zentrale Bedeutung für MbS' Vorstöße leicht unterschätzt wird: Dummheit. Unfassbare, ungebremste Dummheit. Der umgekehrte midas touch, alles, was man anfasst, viel schlimmer zu machen, als es vorher war.

Die Welt besteht aus Schergen - und ein paar Todfeinden

Das ist die Konstante seit 2015, seit der heute 82-jährige König Salman seinem Lieblingssohn den Weg zum rabiaten Aufstieg ebnete. Wobei die Ursache solch strafloser Machtwillkür, wo offenbar gar nichts vom Ende her gedacht wird, auch in der biographischen Hypothek des Königreichs liegt: Alle Prinzen der jüngeren Generation sind in der absoluten Gewissheit aufgewachsen, dass die Welt ihnen zu Füßen liegt und im wesentlichen aus Angestellten besteht, abzüglich einiger Todfeinde. Das Leben in dieser goldenen Blase, in der hochbezahlte PR-Berater ihrem Auftraggeber ständig soufflieren, wie großartig seine Ideen seien, lässt den Wahnsinn wuchern.

Und mit dem gilt es weiterhin zu rechnen. Jenseits der moralischen Fragen. Wie vor 200 Jahren schon der Meister-Opportunist Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord über seinen durchaus klugen Dienstherren Napoleon formulierte, dem er als Außenminister diente. Als der 1804 den nach Baden geflohenen Bourbonen-Herzog von Enghien zurück nach Frankreich verschleppen und umbringen ließ, urteilte Talleyrand: "Es ist schlimmer als ein Verbrechen. Es ist ein Fehler."

insgesamt 121 Beiträge
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oldtimer62 23.10.2018
1. Saud
ist doch alles vollkommen egal und uninteressant was die Saudis machen, in drei Tage spricht keiner mehr davon, und glaubt ernsthaft jemand an Aufklärung, hauptsache der Kollege kauft weiter die MB und BMW und die Audi und und und.... ach so da ist noch diese Rüstung oder wie das heißt,....meine Fresse was für eine Verlogenheit auf diesem Planeten, hört endlich auf über so einen Quatsch zu schreiben!!!
lspring 23.10.2018
2. The Silence of the Lambs
Ein Hauch von Hannibal Lecter schwebt über Saudi-Arabien. Als ob ein reales Drehbuch für Agent Starling geschrieben würde. Was soll's? Auch wenn es noch so gruselig ist: Wir brauchen die Saudis. Ob es uns nun passt oder nicht.
Bakturs 23.10.2018
3. Warum "Herrscherhaus"?
Warum spricht von bei Saudi-Arabien immer vom "Herrscherhaus". Warum nicht das Kind beim Namen nennen: Diktatoren. Fehlt hier den westlichen Medien und Politikern der Mut, weil die meisten Waffenexporte dorthin gehen? Weil dort das Öl sitzt?
holger.becker 23.10.2018
4. wie ein dritte Welt Land...
... nur reicher. Saudi Arabien exportiert hauptsächlich Rohstoffe und hat wenig Wertschöpfung im Lande, ein typisches 3. Welt Charakteristikum. Mit den Ölmilliarden nachhaltig in die Zukunft zu investieren - und damit meine ich nicht, sich von internationalem know-how teure Infrastruktur hinstellen lassen - täte der Volkswirtschaft ganz gut. Aber dazu müsste einen Schritt weiter gedacht werden, wohl ein grundsätzliches Problem in Saudi Arabien...
oschn 23.10.2018
5. Abberufen
Will sich König Salman einigermaßen regenerieren, bleibt ihm wohl nur, MbS zu ersetzen. Aber ist er dazu noch in der Lage? Hätte MbS den Mord befohlen, so müsste ihm eigentlich die Todesstrafe blühen. Außer Khashoggis Familie akzeptiert ein Blutgeld.
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