Offene Fragen im Fall Khashoggi Fakten, Gerüchte, Schauermärchen

Saudi-Arabien ist in Erklärungsnot: Täglich werden neue, grausame Details in der Affäre um den verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi veröffentlicht. Die Quellen dafür sind aber oft fragwürdig.

Eingang des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul
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Eingang des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul

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Für die USA steht viel auf dem Spiel im mysteriösen Fall des verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi. US-Präsident Donald Trump setzt im Nahen Osten gegenwärtig vor allem auf einen Verbündeten: den jungen saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, auch bekannt unter seinen Initialen "MBS".

Der aber steht besonders im Fokus, seit der saudi-arabische Kritiker Khashoggi am 2. Oktober in Istanbul das Konsulat seines Heimatlandes betreten hat und seither nicht mehr gesehen wurde. Der Verdacht: MBS habe die Ermordung angeordnet.

Das hat er zwar in einem Telefonat nach Angaben von Trump "absolut bestritten" und versprochen, "in Kürze" Antworten auf die vielen offenen Fragen zu liefern. Doch so recht glauben kann das niemand.

Ein Grund: Tag für Tag kommen neue, schaurige Details an die Öffentlichkeit. Der Fernsehsender CNN berichtete zu Wochenbeginn, dass die Regierung in Riad eine Erklärung vorbereite, wonach Khashoggi an den Folgen eines Verhörs starb, das "außer Kontrolle geriet".

Im Video: "Das ist ein Märchen"

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Die türkischen Behörden wiederum behaupten, Khashoggi sei zwei Stunden nach seiner Ankunft im Konsulat ermordet und sein Leichnam mit einer Säge zerstückelt worden. Die Türkei macht eine Gruppe von 15 saudi-arabischen Staatsangehörigen für die Tat namentlich verantwortlich.

Killerkommando mit engen Verbindungen zu MBS?

Diese sollen am 2. Oktober in das Konsulat gekommen und noch am gleichen Tag wieder zurück in ihre Heimat geflogen sein - in zwei Flugzeugen, die eine private saudi-arabische Firma mit engen Kontakten zum Kronprinzen und dem Innenministerium in Riad gemietet habe. Nun gibt es neue Informationen zu den Verdächtigen:

  • Einem Bericht der "New York Times" zufolge stammen einige der mutmaßlichen Täter aus dem direkten Umfeld von MBS. Die Zeitung beruft sich bei ihren Recherchen unter anderem auf Gesichtserkennung, Profile in sozialen Netzwerken und saudische Regierungsdokumente, die an die Öffentlichkeit lanciert wurden.
  • Demnach soll ein Verdächtiger den Kronprinzen bei dessen Auslandsreisen oft begleitet haben unter anderem in die USA, nach Frankreich und Spanien. Möglicherweise ist er ein Bodyguard des 33-jährigen Kronprinzen.
  • Ein zweiter saudi-arabischer Staatsbürger, der vor Ort gewesen sein soll, sei von Beruf Arzt - Spezialgebiet: Gerichtsmedizin - und drei weitere Männer sollen zum Sicherheitsteam von MBS gehören.

Insgesamt sollen neun der fünfzehn Verdächtigen in unterschiedlichen zivilen und militärischen Funktionen für den Wüstenstaat tätig sein.

Saudis überweisen USA 100 Millionen Dollar

Saudi-Arabien gerät vor diesem Hintergrund immer weiter in Erklärungsnot. Zumal die "New York Times" außerdem meldet, Saudi-Arabien habe ausgerechnet am Dienstag 100 Millionen Dollar an die USA überwiesen. Also an dem Tag, als US-Außenminister Mike Pompeo in Riad weilte, um mit dem Königshaus über den Fall Khashoggi zu sprechen.

Das Geld ist offiziell für den Wiederaufbau von Syrien bestimmt. Saudi-Arabien hatte die Überweisung bereits Ende August versprochen, nachdem der US-Präsident erklärt hatte, dass die Vereinigten Staaten Investitionen für zivile Stabilisierungsprojekte in dem Bürgerkriegsland zurückhalten werde und seine arabischen Verbündeten aufgefordert hatte, zu spenden. Die nun erfolgte Überweisung hat aufgrund des Zeitpunktes - mindestens - einen Beigeschmack.

Musik beim Morden?

Das Gleiche gilt für die Quellenlage. Viele Details, die in den vergangenen 14 Tagen veröffentlicht wurden, stammen aus türkischen Medien, die mehr oder weniger regierungstreu sind. So etwa auch der am Mittwoch erschienene Bericht der Zeitung "Yeni Safak", wonach Khashoggi im Laufe der "Befragung" im saudi-arabischen Konsulat Finger abgeschnitten wurden.

Laut "Yeni Safak" gibt es zudem eine Audiodatei, auf der die Stimme des Konsuls zu hören sein soll. Er forderte die mutmaßlichen Mörder darin angeblich auf, die "Befragung" nicht im Konsulat durchzuführen, woraufhin diese ihm geantwortet hätten: "Halt die Klappe, wenn Du nach Deiner Rückkehr nach Saudi-Arabien leben willst".

Das "Wall Street Journal" und der in Katar beheimatete TV-Sender Al-Jazeera sowie andere Medien berichten überdies unter Verweis auf türkische Behörden, dass aus der elfminütigen Audiodatei hervorgehe, dass die Tat insgesamt nur sieben Minuten gedauert habe.

Der angeblich eingeflogene saudi-arabische Gerichtsmediziner habe demnach dem Konsul empfohlen, den Raum zu verlassen, wenn er den Leichnam zerstückele. Anderen Anwesenden habe er gesagt, sie könnten währenddessen Musik hören.

Türkei, Katar, Iran - und Saudi-Arabien

Überprüfen lässt sich all das nicht. Und die türkischen Behörden haben bislang keine glaubhaften Beweise für diese an die Öffentlichkeit gelangten Anschuldigungen vorgelegt. Der Fall spielt zudem der türkischen Regierung, die erheblichen Einfluss auf die Berichterstattung der staatsnahen Medienhäuser nehmen kann, im Ringen um Einfluss in der Region in die Hände. Die Gründe:

  • In Istanbul leben viele arabische Dissidenten, die den Aufstieg von MBS kritisch sehen. Darunter sind auch solche, die der Muslimbruderschaft nahestehen.
  • Saudi-Arabien betrachtet die Muslimbrüder als eine Bedrohung für ihre Vormachtstellung im arabischen Raum. Khashoggi pflegte indes gute Beziehungen zu einigen Anhängern der Muslimbrüder.
  • Dies auch, weil die Muslimbrüder von Katar unterstützt werden. Saudi-Arabien blockiert das kleine, von der Türkei unterstützte und mit Iran kooperierende Emirat seit mehr als einem Jahr politisch und wirtschaftlich.

Im Fall Khashoggi sind somit noch viele Fragen offen. Klar ist bislang nur: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Das gilt für Saudi-Arabien und die Türkei gleichermaßen - und macht die Spurensuche so kompliziert.



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