Saudi-Arabien und der Mordfall Khashoggi Tödliche Loyalität

Saudi-Arabiens Justiz hat im Mordfall Jamal Khashoggi mehrere Personen angeklagt, für fünf Personen fordert sie die Todesstrafe. Mit dem harten Vorgehen will das Königshaus Kronprinz Mohammed bin Salman schützen.

Saudi-Arabiens stellvertretender Generalstaatsanwalt Shaalan al-Shaalan
AFP PHOTO / SBA

Saudi-Arabiens stellvertretender Generalstaatsanwalt Shaalan al-Shaalan

Von und


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Jamal Khashoggis Mörder haben ihre Schuldigkeit getan, nun werden sie bald selbst ihrem Henker entgegentreten. Das ist die Quintessenz der Erklärung, die Saudi-Arabiens stellvertretender Generalstaatsanwalt Shaalan al-Shaalan am Donnerstag in Riad präsentiert hat.

Die Staatsanwaltschaft fordert die Todesstrafe für fünf Verdächtige. Sie sollen gestanden haben, den Journalisten am 2. Oktober im Konsulat von Istanbul ermordet zu haben. Sie hätten vorsätzlich die Überwachungskameras an dem Gebäude manipuliert, Khashoggi unter Drogen gesetzt und getötet, den Körper zerteilt und dann an einen Türken übergeben.

Dieser Kollaborateur habe die Leichenteile dann entsorgt. Die Identität des Mannes sei unbekannt, aber immerhin sei man jetzt nach sechs Wochen kurz davor, den türkischen Behörden ein Phantombild des Unbekannten zu übermitteln. Wo Khashoggis Leiche abgeblieben ist, wisse man leider nicht. Soweit die saudi-arabischen Ermittler.

Das ist die neueste Version aus Riad. Wie lange diese Bestand haben wird, ist offen - sie ist nur eine von vielen Erklärungen Saudi-Arabiens in dem Fall:

Nun heißt es, der Vizechef des saudi-arabischen Geheimdienstes, Ahmad Asiri, habe dem Agententeam den Auftrag gegeben, Khashoggi zur Rückkehr nach Saudi-Arabien zu überreden. Vor Ort habe der Anführer der Mission dann eigenmächtig den Entschluss gefasst, den Journalisten umzubringen - für den Fall, dass die "Verhandlungen" mit ihm scheitern.

Auch die aktuelle Version strotzt vor Merkwürdigkeiten - wie etwa dem ominösen türkischen Helfer, dessen Existenz die türkischen Ermittler bislang bestreiten. Auch warum ein Team von insgesamt 15 Agenten notwendig gewesen sein soll, Khashoggi mit Argumenten von der Heimkehr nach Riad zu überzeugen, erklärt diese Version nicht. Ebenso wenig, warum das Team mit einer Knochensäge, Skalpellen und anderen Folterwerkzeugen nach Istanbul gereist war.

Nur zwei Verdächtige sind namentlich bekannt

Insgesamt haben die Ermittler laut Shaalan inzwischen 21 Verdächtige identifiziert und in Untersuchungshaft gesteckt, elf davon seien bereits angeklagt, fünf von ihnen sollen nach dem Willen der Staatsanwaltschaft hingerichtet werden. Der Prozess soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Auch um die Identität der Verdächtigen macht Riad ein großes Geheimnis, die Rede ist lediglich davon, dass der Leiter des sogenannten Verhandlungsteams ein alter Bekannter Khashoggis gewesen sei.

Bislang sind rund um den Khashoggi-Fall nur zwei Namen offiziell bekannt: Vizegeheimdienstchef Asiri soll den Befehl erteilt haben, den Journalisten zurück ins Land zu holen. Saud al-Qahtani, enger Berater und fast schon fanatischer Unterstützer von Kronprinz Mohammed bin Salman, soll die Agenten vor ihrer Abreise nach Istanbul über Khashoggis Aktivitäten gebrieft haben. Bis zum Abschluss der Ermittlungen gegen Qahtani gelte für ihn eine Ausreisesperre, sagte Shaalan. Ob sich Asiri in Haft oder auf freiem Fuß befindet, ist unklar. (Lesen Sie hier mehr über Asiri und Qahtani)

Ahmad Asiri
AFP/ Fayez Nureldine

Ahmad Asiri

Einer aber habe von alldem nichts gewusst: Kronprinz Mohammed bin Salman, genannt MbS. Er habe weder den Befehl erteilt, Khashoggi nach Saudi-Arabien zurückzuholen, geschweige denn, den Journalisten zu töten, behauptet die Generalstaatsanwaltschaft.

Allerdings: Saudi-Arabiens Generalstaatsanwalt Saud al-Mojeb ist kein unabhängiger Ermittler. König Salman hat ihn auf diesen Posten gehoben, er ist dem Monarchen Rechenschaft schuldig. Dasselbe gilt für die Richter, die über die Tatverdächtigen urteilen werden. Und am Ende braucht ohnehin jedes Todesurteil in Saudi-Arabien die Unterschrift des Königs.

Deshalb ist die Erklärung ein weiterer Versuch des Herrscherhauses, Kronprinz MbS, den eigentlichen Herrscher des Landes, aus der Schusslinie zu bringen. Dass dafür mindestens fünf weitere Menschen sterben sollen, ist allenfalls eine Randnotiz.

Saudi-Arabiens Botschafter lobbyiert in Berlin

Ob MbS damit durchkommt, hängt vor allem von der Reaktion seiner außenpolitischen Verbündeten ab. In Berlin lässt der gerade zurückgekehrte Botschafter Khalid bin Bandar bin Sultan Al Saud, der jahrelang in den USA gelebt hat, keine Gelegenheit aus, im Außen- und Kanzleramt auszurichten, man sei schockiert von dem schrecklichen Verbrechen einer kleinen Clique von Sicherheitsleuten in Istanbul. Der Diplomat ist ein geschliffener Lobbyist, immer wieder fällt bei den Gesprächen mit den Deutschen das Wort Desaster, stets ist aber von einem einzelnen Vorfall die Rede.

Gern vergleicht der saudi-arabische Topdiplomat die Situation mit den Anschlägen vom 11. September 2001, damals stand Riad im Visier der internationalen Kritik, weil 15 der 19 Attentäter aus dem Königreich stammten. Heute werde man im Gegensatz zu 2001 alles tun, um diesen Fall restlos aufzuklären, verspricht der Botschafter.

Für die Deutschen ist der Umgang mit Saudi-Arabien schwierig. Nachdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan der Kanzlerin persönlich angeboten hatte, das belastende Tonband aus der Botschaft als Beweis zu übersenden, verfügen die Geheimdienste über eine Abschrift. Unter den Analysten gibt es seitdem kaum jemanden, der die saudi-arabische These von einer allein handelnden Clique von Saudi-Arabern ohne Befehle aus der Hauptstadt noch für glaubhaft hält.

Mohammed bin Salman
DPA

Mohammed bin Salman

Dafür, dass MbS persönlich den Befehl zu der Operation in Istanbul gab, gibt es bislang keine eindeutigen Beweise, aber mehrere Indizien:

  • US-Geheimdienste haben laut "Washington Post" gesicherte Informationen, laut denen der Kronprinz schon 2017 den Befehl zu einer Operation gab, mit dem Ziel, Khashoggi zurück nach Saudi-Arabien zu locken. Dies gehe aus Gesprächen saudi-arabischer Beamter hervor, die US-Geheimdienste abgefangen haben.
  • Den Geheimdiensten in der Türkei und den USA liegt laut "New York Times" der Mitschnitt eines Telefonats vor. Darin ist zu hören, wie ein Mitglied des Agententeams nach dem Mord einen Vorgesetzten in Riad anruft und ihm mitteilt, er solle "seinem Boss" sagen, dass die Agenten ihre Mission erfüllt hätten. US-Geheimdienstler gehen davon aus, dass der "Boss" Kronprinz MbS ist.

Die Türkei hat bereits erklärt, dass sie sich auch mit der neuen Erklärung aus Riad nicht zufriedengibt. "Diejenigen, die den Befehl erteilt haben, die wahren Täter, müssen bekannt gegeben werden", forderte Außenminister Mevlut Cavusoglu. Die Angelegenheit könne nicht auf diese Weise zu den Akten gelegt werden.

Zusammengefasst: Was bedeutet die Anklage von mehreren Personen in Saudi-Arabien im Mordfall Khashoggi? 21 Verdächtige wurden identifiziert und in Untersuchungshaft gesteckt, elf davon sind offenbar bereits angeklagt, fünf von ihnen sollen hingerichtet werden. Ein ominöser türkischer Kollaborateur soll die Leichenteile entsorgt haben, dafür gibt es aber keinerlei Beweise. Doch da die Justiz in Saudi-Arabien dem Königshaus untersteht, soll die Aktion ganz offensichtlich Kronprinz Mohammed bin Salman schützen. Viele Indizien belasten ihn in dem Fall.

insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tomdabassman 15.11.2018
1. Schachzug
Jeder weiß, daß MBS die Aktion persönlich angeordnet hat, etwa wie Obama seinerzeit die Aktion gegen bin Laden. Nun ging es gewaltig in die Hose und ein paar Bauernopfer müssen her. Falls diese Urteile fallen sollten, gibt es einige Zeit Hausarrest und wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, werden sie wieder aufgehoben. Ein gängiges Verfahren in islamischen Autokratien.
artep 15.11.2018
2. Typisch
Typisch für solche unmenschlichen Diktaturen wie Saudi- Arabien eine ist: Die befehlsausführenden Handlanger werden beseitigt, damit es keine Zeugen des Mordes gibt. Wie unglaubwürdig diese Geschichte ist, kümmert weder den Autokraten, noch seinen verbrecherischen Sohn.
dunnhaupt 15.11.2018
3. Im Flugzeug aus Saudi-Arabien nach Istanbul mitgebrachte Knochensäge
Auch ein mit Zerteilung menschlischer Körper vertrauter Pathologe gehörte zur Killer-Bande. Man darf also von vorsätzlich geplantem Mord ausgehen.
hugahuga 15.11.2018
4.
Zitat von tomdabassmanJeder weiß, daß MBS die Aktion persönlich angeordnet hat, etwa wie Obama seinerzeit die Aktion gegen bin Laden. Nun ging es gewaltig in die Hose und ein paar Bauernopfer müssen her. Falls diese Urteile fallen sollten, gibt es einige Zeit Hausarrest und wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, werden sie wieder aufgehoben. Ein gängiges Verfahren in islamischen Autokratien.
Hier geht es darum, diejenigen zu beseitigen, die den Auftraggeber zweifelsfrei benennen könnten. Sozusagen läuft ein "Zeugenbeseitigungsprogramm" gerade an.
hohnspiegel 15.11.2018
5. Der alte Trick
Ein politischer Mord wird von oben befohlen, anschliessend werden die Ausführenden und Mitwisser hingerichtet , es gibt keine Zeugen mehr und der Verantwortliche bleibt geschützt
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.