Verschwundener Journalist Jamal Khashoggi Niemand ist sicher

Was ist dem saudi-arabischen Journalisten Khashoggi zugestoßen? Sein Verschwinden sorgt für Panik unter arabischen Exilanten in Istanbul. Nun werden neue Details bekannt - darunter die Namen von 15 Verdächtigen.

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Von , Istanbul


Ayman Nour versucht, sich zu erinnern: War da ein seltsamer Klang in der Stimme seines Freundes? Irgendein Hinweis darauf, dass sich Jamal Khashoggi akut bedroht fühlte? Nour schüttelt den Kopf. "Nein. Jamal war wie immer", sagt er. "Er wusste, dass er in Gefahr ist. Aber er hielt die Gefahr für tolerierbar."

Nour, ein liberaler Oppositionspolitiker aus Ägypten, der in Istanbul im Exil lebt, kennt den saudi-arabischen Journalisten Khashoggi seit 30 Jahren. Beide hatten sich einst in London angefreundet. Ende September sprachen sie noch am Telefon miteinander - wenige Tage später war Khashoggi verschwunden.

Nun steht Nour gemeinsam mit mehreren Dutzend Menschen fassungslos vor dem saudi-arabischen Konsulat in Istanbul und fordert, dass der Fall aufgeklärt wird. Er hält ein Transparent in der Hand: "Free Jamal!" "Terrorstaat Saudi-Arabien!", rufen Demonstranten.

Noch immer ist unklar, was Khashoggi zugestoßen ist. Die türkische Polizei geht davon aus, dass der Journalist im saudi-arabischen Konsulat ermordet wurde. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman bestreitet die Vorwürfe. Sicher ist nur, dass Khashoggi am 2. Oktober das Konsulat betreten hat und seither nicht wieder aufgetaucht ist. Nour hat keinen Zweifel, dass das Regime in Riad hinter dem Verschwinden seines Freundes steckt: "Diese Leute kennen keine Skrupel."

Luftaufnahme des saudi-arabischen Konsulats
AP/ DHA

Luftaufnahme des saudi-arabischen Konsulats

Mohammed bin Salman ist bemüht, seine Diktatur liberal erscheinen zu lassen, seit er im Juni 2017 Kronprinz wurde. Doch Repressionen gegen Kritiker haben unter seiner Aufsicht zugenommen. Vergangenen Herbst hat das Regime Dutzende Dissidenten, darunter Autoren und Menschenrechtler, festnehmen lassen, einigen droht die Todesstrafe. Sollte Riad ein Mordkommando auf einen Journalisten im Ausland angesetzt haben, wie die türkische Polizei vermutet, wäre eine neue Eskalationsstufe erreicht, sagt Sarah Leah Whitson, Nahost-Direktorin von Human Rights Watch.

Istanbul hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Zufluchtsort für Oppositionelle aus der arabischen Welt entwickelt: Syrische Rebellen kamen hier ebenso unter wie Muslimbrüder aus Ägypten und saudi-arabische Dissidenten. Jamal Khashoggi war Teil dieser Welt, spätestens seit er im Mai die Türkin Hatice Cengiz auf einer Konferenz kennenlernte und sich verliebte.

Er pendelte zwischen Istanbul und den USA, wo er seit 2017 gemeldet ist und eine Kolumne für die "Washington Post" schrieb. Sein Verschwinden macht nun vielen Exilanten Angst. "Die Botschaft, die von diesem Fall ausgeht, ist eindeutig", sagt der Ägypter Ayman Nour: "Niemand ist vor Mohammed bin Salman sicher."

Die Beziehung zum Herrscherhaus: kompliziert

Khashoggi, 59 Jahre, ist als Journalist weltweit geachtet. Er hat für verschiedene saudische und internationale Medien geschrieben, unter anderem für den SPIEGEL. Zwei Mal übernahm er die Leitung der angesehenen Zeitung "Al-Watan", zwei Mal musste er wegen seiner kritischen Berichterstattung gehen. Zu Beginn seiner Karriere sympathisierte er mit Islamisten, später wandte er sich liberalen Ideen zu und kritisierte die strikte Lesart des Islam durch die Salafisten, was ihn in Konflikt mit dem religiösen Establishment brachte.

Sein Verhältnis zum saudi-arabischen Königshaus ist kompliziert: Zwar diente er zwischenzeitlich dem Prinzen Turki al-Faisal als Berater. In seinen Artikeln prangerte er jedoch die Politik bin Salmans an, darunter die Militärintervention im Jemen sowie die Blockade gegen das Golfemirat Katar.

Für seine Berichterstattung bezahlte Khashoggi einen Preis. Er musste Saudi-Arabien 2017 verlassen. Seine Frau hat die Scheidung eingereicht, Teile seiner Familie reden nicht mehr mit ihm. Zu dem Unrecht in Saudi-Arabien zu schweigen, so erklärte Khashoggi in einer seiner Kolumnen, käme ihm wie Verrat an all den saudi-arabischen Regimekritikern vor, die im Gefängnis sitzen: "Ich kann sprechen, wenn so viele es nicht können."

Er wollte nachweisen, dass er nicht bereits verheiratet ist

In Istanbul fühlte sich Khashoggi sicher. Er feierte mit seiner neuen Partnerin, Hatice Cengiz, Verlobung, kaufte ein Haus. Nach türkischem Recht müssen Paare vor der Hochzeit belegen, dass sie nicht bereits verheiratet sind, weshalb Khashoggi das saudi-arabische Konsulat in Istanbul aufsuchte, um die entsprechenden Dokumente abzuholen. Khashoggi wurde bereits am Freitag, den 28. September, zum ersten Mal im Konsulat vorstellig. Die Beamten sagten ihm, er solle am darauffolgenden Dienstag wiederkommen.

Khashoggi auf dem Weg in das Konsulat (am 2. Oktober)
REUTERS

Khashoggi auf dem Weg in das Konsulat (am 2. Oktober)

Die "Washington Post" hat Aufnahmen einer Sicherheitskamera der türkischen Polizei veröffentlicht, die zeigen, wie Khashoggi am 2. Oktober um 13.14 Uhr Ortszeit das Konsulat betritt. Hatice Cengiz, die ihren Partner im Taxi begleitet hatte, wartete bis ein Uhr morgens vor dem Gebäude. Als Khashoggi dann noch immer nicht zurückgekehrt war, verständigte sie Yasin Aktay, einen Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der mit dem Paar befreundet ist, und die türkische Polizei.

Seither kursieren in der Türkei Gerüchte, was mit Khashoggi passiert ist. Die Ermittlungen der türkischen Polizei konzentrieren sich inzwischen auf 15 saudi-arabische Regierungsmitarbeiter und Geheimagenten, die am 2. Oktober in zwei getrennten Privatjets in Istanbul landeten und jeweils nur wenige Stunden im Land blieben. Sämtlichen türkischen Ortskräften gab das saudi-arabische Konsulat an diesem Tag überraschend frei.

Gerüchte über abgehörte Gespräche

Am Nachmittag des 2. Oktober fuhren zwei Autos von dem Konsulat zur 200 Meter entfernten Privatresidenz des Konsuls. Die Ermittler vermuten, dass sich Khashoggi in einem dieser beiden Fahrzeuge befand. Laut eines "Washington Post"-Berichts hat der US-Geheimdienst ein Gespräch abgehört, in dem saudi-arabische Offizielle darüber sprechen, Khashoggi zu kidnappen. Der türkische Präsident Erdogan erklärte, er hoffe nach wie vor darauf, dass Khashoggi lebend gefunden werde. Saudi-Arabien erlaubte türkischen Ermittlern inzwischen, das Istanbuler Konsulat zu durchsuchen. Die regierungsnahe türkische Zeitung "Sabah" veröffentlichte jüngst eine Liste mit den angeblichen Namen der 15 Personen.

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Verschwundener Journalist Khashoggi: Verzweifelte Suche nach Jamal

Das Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und der Türkei war bereits vor dem Verschwinden des Journalisten angespannt. Beide Staaten ringen um Einfluss in der Region. Die türkische Regierung unterstützt die Muslimbrüder, die von Saudi-Arabien als Terrororganisation eingestuft werden. Auch im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar schlug sich Erdogan auf die Seite des Emirats.

Für die Türkei ist der Fall Khashoggi eine Provokation. Noch scheut Ankara die offene Konfrontation - auch aus Sorge um die ohnehin schwächelnde türkische Wirtschaft. Erdogan verschärfte aber am Dienstag den Ton gegenüber Riad. Saudi-Arabien müsse Beweise vorlegen, dass Khashoggi das Konsulat wieder verlassen habe, forderte er. "Ihr kommt damit so einfach nicht davon."



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
magier 10.10.2018
1.
Gab es eigentlich schon eine Empörungswelle unserer Regierung und unserer Medien? Gab es schon Ausweisungen von Diplomaten? Gab es schon eine Ankündigung von Sanktionen? Ja, es ist noch nichts bewiesen. Aber das war es in vergleichbaren Fällen auch noch nicht, als die massiven Reaktionen erfolgten.
Circular 10.10.2018
2. Wie will Deutschland Sanktionen gegen Saudi Arabien verhängen
Zitat von magierGab es eigentlich schon eine Empörungswelle unserer Regierung und unserer Medien? Gab es schon Ausweisungen von Diplomaten? Gab es schon eine Ankündigung von Sanktionen? Ja, es ist noch nichts bewiesen. Aber das war es in vergleichbaren Fällen auch noch nicht, als die massiven Reaktionen erfolgten.
Wo Saudi Arabien den Handel mit Deutschland schon weitgehend unterbindet?
Celegorm 10.10.2018
3.
Zitat von magierGab es eigentlich schon eine Empörungswelle unserer Regierung und unserer Medien? Gab es schon Ausweisungen von Diplomaten? Gab es schon eine Ankündigung von Sanktionen? Ja, es ist noch nichts bewiesen. Aber das war es in vergleichbaren Fällen auch noch nicht, als die massiven Reaktionen erfolgten.
Es ist schon faszinierend, das dröhnende Schweigen der westlichen Regierungen in diesem Fall zu beobachten. Allen voran natürlich die USA, in welcher Khashoggi ja immerhin wohnhaft war, aber auch Europa und insbesondere Deutschland. Einmal mehr ducken sich alle schweigend weg, wie bereits bei der völlig absurden Attacke von Saudi-Arabien auf Kanada wegen eines einfachen, völlig zutreffenden Kommentars. Man stelle sich vor, andere Staaten würden sich so etwas erlauben, insbesondere Russland oder Iran..
atherom 10.10.2018
4. Er sei befreundet mit dem Berater des türkischen Präsidenten.
Vermutlich mit Erdogan auf gleicher Linie. Im Besten Fall sitzt er in einem saudiarabischen Gefängnis.
mannakn 10.10.2018
5. Schön das unsere Regierung...
.....munter Waffen an dieses Regime verkauft. Da können die Saudis dann noch mehr Leute umbringen, wenn ihnen gerade danach ist. Wo bleiben hier die Sanktionen? Wäre das Russland wären bestehende Sanktionen längst verschärft worden. Aber ein Terrorregime auf dessen Öl wir angewiesen sind, kommt so davon.
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