Suizid eines abgeschobenen Afghanen "Deutschland trägt Mitschuld an Jamals Tod"

Für Innenminister Seehofer war der junge Afghane die Nummer 69 auf einem Abschiebeflug. Dann beging Jamal Naser Mahmodi Selbstmord. Sein Vater erhebt im SPIEGEL schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden.

SPIEGEL ONLINE / Shoib Najafizad

Von und Shoib Najafizada


Khowja Serajuddin kann immer noch nicht fassen, was passiert ist. Zusammen mit seiner Frau und seinen fünf Kindern sitzt der 67-jährige Afghane am vergangenen Sonntag in seinem schmucklosen Wohnzimmer in Masar-i-Scharif. Auf dem Telefon sieht er sich die letzten Bilder an, die ihm von seinem Sohn Jamal geblieben sind.

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Heft 29/2018
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Der Vater mit dem runden Gesicht voller Falten ist verbittert. "Wir haben Deutschland unseren Jamal geschickt, Deutschland gab uns unseren Sohn tot zurück", sagt er. Seine Frau Monawar Bibi verbirgt ihr Gesicht zumeist hinter einem Schleier, die beiden Söhne starren einfach vor sich hin.

Jamals Vater erfuhr vom tragischen Tod seines Sohnes aus dem Fernsehen. "Ich konnte es erst nicht glauben, als in den Nachrichten von einem jungen Jamal die Rede war, der sich erhängt hat", erzählt er. Dann berichtete der Sprecher im Fernsehen, der junge Mann sei gerade erst aus Deutschland abgeschoben worden. Serajuddin bekam es mit der Angst zu tun, die Angaben passten genau auf seinen Sohn.

Wenig später wurde die Angst zur Gewissheit. Jamal Naser Mahmodi, 23, ein Mann von schmaler Statur, hatte sich kurz nach seiner Abschiebung Anfang Juli in einer Unterkunft für abgeschobene Afghanen in der Hauptstadt Kabul erhängt.

Erst nach Tagen fanden ihn Mitbewohner im Zimmer 310 im vierten Stock, als sich Verwesungsgeruch in dem Hostel breitmachte. Jamal war einer von 69 Afghanen, die Deutschland am 3. Juli von München aus in ihre Heimat zurückgebracht hatte.

"Er sollte ein besseres Leben haben als wir"

Mitbewohner aus dem heruntergekommenen "Spinzar"-Hostel berichten, Jamal sei von Beginn an depressiv gewesen, habe kaum mit den anderen geredet. Nach SPIEGEL-Recherchen war er schon in Deutschland wegen psychischer Probleme in Behandlung. Trotzdem wurde er am 3. Juli von Polizisten aus seiner Wohnunterkunft im Hamburger Stadtteil Hummelsbüttel geholt, kurz vor Mitternacht dann hob der Abschiebeflieger aus München gen Kabul ab.

Abschiebung vom Flughafen München nach Afghanistan
imago/ Michael Trammer

Abschiebung vom Flughafen München nach Afghanistan

Nach dem Suizid erhebt der Vater schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden. "Deutschland trägt eine Mitschuld am Tod von Jamal, denn es war bekannt, dass er depressiv war", sagt Khowja Serajuddin beim Treffen mit dem SPIEGEL. Aus seiner Sicht habe Deutschland den späteren Suizid seines Sohns "in Kauf genommen", wichtig sei nur gewesen, harte Hand gegen Flüchtlinge zu zeigen. Den Namen Horst Seehofer kennt der Vater aus dem Fernsehen, er weiß aber nicht genau, welche Funktion der CSU-Innenminister in Deutschland ausübt.

Wie gefährlich Afghanistan derzeit ist, weiß der Vater wie wenige andere. Offiziell ist er von der Kabuler Regierung als Chef des Distrikts Shrin Tagab in der Provinz Faryab eingesetzt. Weil dort jedoch die Taliban mit harter Hand regieren, kann er sich dort nicht mehr blicken lassen, stattdessen verdient er mit einer gemieteten Tankstelle ein bisschen Geld für seine Familie.

Was der Vater über Jamal erzählt, gleicht der Geschichte von Hunderttausenden Flüchtlingen aus dem Bürgerkriegsland Afghanistan. Da die Situation daheim immer aussichtsloser wurde, so der Vater, habe er 2010 das gesamte Geld der Familie zusammengesammelt und einen Schlepper für den Sohn bezahlt.

"Wir hofften, dass Jamal eine Ausbildung in Deutschland macht oder studiert", sagt der Vater. "Er sollte ein besseres Leben haben als wir." Natürlich setzte die Familie auch darauf, dass Jamal später einmal das Geld für die lange Reise zurückzahlen könnte.

"Mir kam komisch vor, dass er sich immer weniger meldete"

Jamal in Hamburg
SPIEGEL ONLINE / Shoib Najafizad

Jamal in Hamburg

Die Schlepper brachten Jamal zunächst in die Türkei, von dort ging es nach Deutschland. Eigentlich, so erzählt der Vater, hätte Jamal nach Norwegen weiterreisen sollen, dort hat die Familie Verwandte. Als er aber in München registriert worden sei, habe er ihm geraten, in Deutschland zu bleiben.

Über die Jahre hörte der Vater immer weniger von seinem Sohn. Per Facebook und WhatsApp berichtete Jamal von angeblichen Jobs, mal von einer Pizzeria, die er eröffnet habe, dann von einem Taxi-Job, später sogar von einer angeblichen Heirat mit einer Deutschen. Immer wieder schickte er Bilder von sich in die Heimat.

Viele der Geschichten waren erlogen. Zwar absolvierte Jamal zuletzt eine Elektrikerausbildung, sprach fließend Deutsch, er geriet aber auch mit dem Gesetz in Konflikt. Bereits 2014 bekam er wegen Schwarzfahrens und Diebstahls Sozialstunden aufgebrummt. Immer häufiger nahm Jamal nun auch Drogen. (Lesen Sie hier Jamals Geschichte.)

Ein Jahr später warf Mahmodi bei einem Streit am Bahnhof mit einer Wodkaflasche nach einem Mann. Das Gericht verdonnerte ihn wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung. Am Silvesterabend 2017 soll er einen Mann in einem Hostel ausgeraubt haben. Dann entschieden die Behörden, dass er abgeschoben wird.

Jamals Familie
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Jamals Familie

Der Vater daheim in Afghanistan erfuhr davon wenig. Er hoffte weiter, sein Sohn mache seinen Weg und könne irgendwann sogar einmal für die Familie in der Heimat sorgen. "Mir kam nur komisch vor, dass er sich immer weniger meldete", sagt er leise, "irgendetwas stimmte nicht."

In den letzten Monaten dann hörte Serajuddin gar nichts mehr. Mittlerweile hat er von Freunden seines Sohnes erfahren, dass sich sein Sohn geschämt habe, seine Abschiebung wegen der Straftaten habe er als persönliche Niederlage betrachtet. Er habe sich nicht mehr getraut, bei seinem Vater anzurufen.

"Vielleicht war ich zu streng mit ihm", sagt Serajuddin. Trotzdem sieht er auch die deutschen Behörden in der Pflicht. "Wenn Jamal depressiv war, durfte er nicht abgeschoben werden, zudem hätte man uns informieren müssen", beklagt er. Junge Menschen einfach am Flughafen abzusetzen, für den Vater ist das "unmenschlich".

Am Samstag endete die lange Reise von Jamal, wo sie begonnen hatte: in Masar-i-Scharif. Ein paar Freunde erschienen an einem Friedhof etwas außerhalb der Stadt im Norden Afghanistans, jeder legte einen Stein auf das bereits zugeschüttete Grab, sie hängten ein paar bunte Fähnchen auf. Bald wird der Wind diesen letzten Schmuck fortblasen.

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