Ermordeter US-Journalist James Foley Wahrheit, auch um den Preis des Todes 

Er starb einen grausamen Tod: Der US-Journalist James Foley wurde von der Terrormiliz IS enthauptet. Seine Freunde erinnern an Foleys Warmherzigkeit, seine Hilfsbereitschaft - und seinen unstillbaren Drang, die Realität des Krieges zu erzählen.

Von , New York

"Warm und gutherzig": James Foley kurz vor seiner Verschleppung 2012
AP/ freejamesfoley.org

"Warm und gutherzig": James Foley kurz vor seiner Verschleppung 2012


Jim Foley war sich der Gefahr bewusst. "Es ist dein Leben nicht wert", sagte er 2011 vor Studenten der Medill School of Journalism, seiner Alma Mater in Chicago. "Es ist es nicht wert, dass du deine Mutter, deinen Vater, deinen Bruder und deine Schwester heulen siehst. Es ist das nicht wert."

Die Warnung kam aus eigener Erfahrung. Erst zwei Wochen zuvor war der US-Reporter freigekommen, nach 44 Tagen in libyscher Geiselhaft. Seine Kidnapper, Kämpfer des Machthabers Muammar al-Gaddafi, hatten ihn und zwei Kollegen entführt. Ein weiterer war dabei umgekommen.

Manche Risiken seien eben zu hoch, erinnerte sich Foley: "Wenn etwas haarscharf schiefgeht, solltest du dir das genauer anschauen - dass du nicht getötet wurdest, ist reines Glück."

Im November 2012 wurde Foley abermals entführt, diesmal in Syrien. 636 Tage fehlte von ihm jede Spur - bis Dienstag, als ein Video von seiner Enthauptung durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" IS auftauchte. 24 Stunden später bestätigte das Weiße Haus die Authentizität, und US-Präsident Barack Obama verurteilte den Mord: "Jim Foleys Leben stand in krassem Kontrast zu seinen Killern."

Das ist es, worauf sich Foleys Familie und Freunde - alle Kollegen waren sofort Freunde - nun stützen wollen: sein Leben, nicht seinen Tod.

Ein Leben getrieben vom Drang, Geschichten zu erzählen, vor denen die Welt sonst die Augen verschließt: Foley, 40, gehörte zu einer engen Truppe freier, unbesungener und unterbezahlter Reporter, die sich tief in die schlimmsten Krisenregionen wagen, während andere daheim bleiben.

Berufung statt Beruf: "Er war mehr als nur ein Journalist", sagte die Fotografin Nicole Tung, mit der sich Foley am Tag seiner Verschleppung treffen wollte, auf CNN. "Ihm lagen die Dinge am Herzen." Foley sei "einer der herausragendsten Menschen" gewesen: "Sehr warm und gutherzig."

Geduld, Ausdauer, Hilfsbereitschaft: "Jeder fand sofort an Jim Gefallen", schrieb die US-Reporterin Clare Morgana Gillis, mit der Foley in libyscher Geiselhaft saß, auf dem Blog "Syria Deeply". Gut gegen böse, dieser Gegensatz zog ihn auch ins Nahost-Chaos: "Die Wahrheit, das Leid, die Hoffnungen der Menschen", sagte seine Mutter Diane Foley am Mittwoch.

Jim Foley 2012 in Syrien: Berufung statt Beruf
AP/ freejamesfoley.org

Jim Foley 2012 in Syrien: Berufung statt Beruf

"Krieg führt der Mensch" - ein Zitat des Preußengenerals Carl von Clausewitz - war der Untertitel seines privaten Blogs "A World of Troubles" (Eine Welt der Wirren). Und das war es Foley am Ende wert - trotz des täglichen Risikos, als Geisel für den Gottesstaat zu enden.

Vielleicht ist das der Preis der Wahrheit. Der Preis der "Freiheiten, die nötig sind in einer zivilisierten Gesellschaft", wie Medill-Dekan Bradley Hamm trauerte. Die Gegner setzen auf Angst und Schrecken. Doch mit Angst lässt sich die Welt nicht verstehen. Nicht diese Welt der Gewalt.

Angst? "Er war immer der Erste, der sich meldete", sagte sein Vater John Foley am Mittwoch. "Er war nie ein Drückeberger."

Als ältester von fünf Brüdern wollte Foley immer schon aufzeichnen, was er erlebte. Das Handwerk lernte er an der Uni, es einzusetzen lernte er an der Front, bei den US-Truppen im Irak und in Afghanistan.

Wie die meisten Kollegen fand Foley nie einen festen Arbeitgeber in einer Branche, die immer mehr auf hautnahes "Reporting" verzichtet. So landete er mit seiner Videokamera im Auftrag von AFP, NBC, PBS und der Newssite "GlobalPost" schließlich in Libyen.

Schon seine erste Entführung war brutal. Er war mit drei anderen unterwegs - Gillis, die fürs Magazin "Atlantic" schrieb, und die Fotografen Manu Brabo aus Spanien und Anton Hammerl aus Südafrika. Sie gerieten in einen Hinterhalt, Hammerl wurde tödlich getroffen. Foley versuchte noch, seine Leiche zu bergen, doch er wurde weggezerrt.

Die Umstände seines zweiten Verschwindens im Nordwesten Syriens bleiben diffus. Es war Thanksgiving 2012: Nach Recherchen von "Vanity Fair" wurde Foley auf dem Weg zur türkischen Grenze entführt, wo er Tung treffen wollte. Zuvor hatte er in einem Internetcafé gechattet.

Danach hörte keiner mehr von ihm. Auch die Identität seiner Kidnapper wurde nie bekannt - und wie er dann in die Hände von IS geriet.

Seit Ausbruch der Kämpfe wurden in Syrien 69 Reporter getötet und mehr als 80 entführt. Rund 20 sind bis heute verschollen.

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE zeigt das im Web kursierende Video der Enthauptung James Foleys nicht. Die Bilder zu zeigen, würde die Würde des Opfers verletzen und wäre Propaganda für die Islamisten.

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